| Ossowski, Leonie: Die schöne
Gegenwart München (Piper) 2002. 367 Seiten |
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Die Ich-Erzählerin Nele Ungureit ist schon 69 und immer noch Chefin des gemeinsamen Möbelhauses mit Ehemann Fred. Dieser nimmt sich die Angestellte Heike zur Geliebten und läßt sich scheiden. Nele steht leer da. Finanziell geht es ihr gut, doch hat sie ein Leben lang nichts für den Geist getan. Jetzt stürzt sie in ein Nichts. Entgegen vielen Rezensenten halte ich Nele für unreif. Sie selbst sieht es ein: "Vielleicht war ich ja auch nie erwachsen geworden, hatte nie meine Selbständigkeit erprobt, sondern hatte es vorgezogen, mich anzupassen und unterzuordnen" (S. 153). Bis 69 meinte sie, im Geschäft und für Fred unersetzlich zu sein (S. 7). Nur deshalb gelingt es der Autorin nun einen Bildungsroman zu inszenieren (der ja normalerweise in Jugend oder Kindheit ansetzt). Gemäß den sattsamen bekannten Lebensratschlägen von Brieftante Sybille legt sich Nele eine neue Frisur und neue Kleidung zu. Auf einer jugendlichen Fete tanzt sie mit fast siebzig alleine zwischen den Frühreifen. Zufällig macht sie die Bekanntschaft einer verwirrten Seniorin und gerät in das Milieu eines Altersheim. Natürlich kommt jetzt der deus ex machina und Nele erbt ein Altstadthaus. Gut fand ich nun geschildert, wie sich die ihr Leben lang unselbständige Nele aus den Fängen ihrer Verwandtschaft befreit. Sie will zusammen mit Fina (ebenso von der eigenen Brut hintergangen wie Nele) im Altstadthaus eine Wohngemeinschaft für Senioren aufziehen. Nette Idee der Autorin und mit einigen Klippen zufriedenstellend geschildert. Am Ende drohen Rückforderungen von Stadtzuschüssen. Da erbt die Gemeinschaft erneut (letzte Seite). Nele faucht ihren Sohn an, "ob er vielleicht glaube, ich sei nicht mehr zurechnungsfähig" (S. 6) um gleich darauf zu behaupten, daß sie es nicht fertig bringt, ihm zu sagen "daß mir seine Fürsorge auf die Nerven ging". Deutlicher wie durch ihre fauchende Bemerkung kann man es wohl nicht sagen. Sie täuscht Kopfschmerzen vor (gängige Methode im viktorianischen Zeitalter). Solche Widersprüche häufen sich und lassen zugunsten Leonie vermuten, sie habe den Roman schnell heruntergefetzt. Freds Rede zur Einweihung des Möbelhauses (liegt Jahrzehnte zurück) "hatte ich noch Satz für Satz im Kopf". Ungewöhnliche Gedächtnisleistung, aber schlucken wir's mal. Zehn Zeilen weiter: "Wie er seine Sätze im einzelnen beendet, habe ich inzwischen vergessen" (S. 8). Besonders Nele kommt vor 69 (und auch kurz danach) nicht gut weg. Schon Überlegungen erschöpfen sie (S. 10). Früher weinte sie dann (statt mal mit Fred zu reden oder was immer), jetzt ergibt sie sich dem Stumpfsinn. Ich sehe keinen Unterschied zu vorher. Immer noch meint sie, ihr Leid sei unverdient (S. 11), wo sie doch, als sie merkte, dass Fred fremdging, so energisch seine Unterhosen in den Müll geworfen hat (S.18-19)! Bei der Erbschaftannahme (S. 16) zeigt sich ihre jahrzehntelange Unselbständigkeit deutlich. Beim Friseur sah Nele, während sie den Schnitt verfolgte, "wie meine grauen Haare rund um mich herum den Fußboden bedeckten" (S. 52). Beim Herrenfriseur sehe ich das nicht. Oft wußte ich nicht: wollte die Autorin die Verlogenheit und Nichtigkeit der Familie Ungureit demonstrieren oder war es schlampig konstruiert? Unzählige Male hatte sie ihren Kindern ("ein kleines Ritual", S. 55) ihre Lieblingsspeisen kredenzt. Doch ihr Sohn Hannes gibt sich überrascht: "Sag bloß, es gibt zum Nachtisch Zitronencreme" (S. 56). Ich befürchte, Leonie hat das nicht gemerkt. Rupert Neumann (ein anderer Altersheimbesucher) erzählt vom 2. Weltkrieg, daß er mit seiner Mutter zu spät in den Keller gekommen war, "als eine Bombe das Nachbarhaus traf". Drei Sätze weiter fliegt Rupert bei der Detonation unter den großen Eichentisch im Wohnzimmer (S. 129). Insgesamt eignet sich der Plot eher für ein Jugendbuch: eine Bande wird gegründet, es gibt eine verschworene Gemeinschaft und belauschte Gespräche erhöhen die Spannung. "Lotte seufzte, Dolli rollte mit den Augen, Grieschen hampelte auf ihrem Stuhl herum, und Elli antwortete, sozusagen für alle, ich möge doch nicht so schrecklich ungeduldig sein. Rupert schüttelte unmerklich den Kopf, während Ulrich und Karl keine Miene verzogen." (S. 307). Wie kann man unmerklich den Kopf schütteln? Talkmaster sind selbstverständlich wie sein sollten: stockdoof, leer, hohl. Nur: Nele ist vor Romanbeginn nicht besser. Und junge Mädchen fallen prompt auf doofe Talkmaster herein. Neles geniale Idee mit dem Ausbau des Altstadthauses ist für Männer (wie sie von Fred wußte!) eine Seifenblase und Utopie (S. 181). Männer stehen immer im Weg, wenn die Frauen mal was mit Herz schaffen wollen. Lesbisch wird man, wenn man von zwölf bis fünfzehn vom Vater vergewaltigt wird; so hier bei Elli. Dann entschuldigt Sauberfrau Ossowski diese Perversität. Ich entschuldige dieses Buch nicht. Wer unbedingt etwas von Leonie Ossowski lesen will, der greife zu |