| Wilhelm
Genazino: Ein Regenschirm für diesen Tag München: Hanser, 2001. Gebunden, 173 Seiten – |
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Der Ich-Erzähler hat keinen Namen, ist
46 Jahre (S. 74) und
durchstreift die Stadt. Dabei fallen ihm einzelne, meist banale Szenen
auf, so die Arbeiterfrau, die Wäsche aufhängt. Er
selbst hat sich schon an allerlei Arbeiten versucht; derzeit ist er
Schuhetester und wandert beruflich umher. Allerdings wird ihm das
Honorar dafür von zweihundert auf fünfzig Mark
gekürzt. Er will diese Herabstufung nicht hinnehmen, macht
aber schließlich doch weiter. Eines der zahlreichen Indizien
dafür, daß er sich treiben lässt. Seine
Einstellung zum Leben ist extrem lethargisch ("Ich bin immer
melancholisch geworden, wenn ich kämpfen sollte", S. 46), er
ist ein Misanthrop. Er zweifelt an seiner Berechtigung zum Leben. Er
hat das Gefühl, "daß ich ohne innere Genehmigung
lebe" (S. 84).
Dabei hat er (Junggeselle) kaum Ansprüche. Das Einkaufen hat er streng eingeschränkt: nur zwei Artikel pro Einkauf erlaubt er sich selbst. Restaurants kennt er kaum welche. An allem hat er etwas auszusetzen. Das gilt insbesondere für seine zahlreichen Frauenbekanntschaften. Neben namenlos bleibenden Frauen sind 16 namentlich erwähnt: Gunhild, Dagmar, Susanne, Margot, Elisabeth, Doris, Lisa, Renate, Frau Hebestreit, Frau Scheuermann, Frau Fischedick, Regine, Frau Balkhausen, Frau Dornseif, Anuschka, Judith. Mit mindestens sieben davon hat er gebrochen, er will sie nicht mehr sehen. Bei den meisten interessiert er sich vorzugsweise für die Brüste. Auch seinen zahlreichen Bekannten aus Schul- oder Studienzeit gegenüber ist er sehr reserviert. Er weicht ihnen aus. Das Erstaunliche an seinem regen Gedankenfluß ist, daß er doch ein Langweiler bleibt. Sogar Unglück empfindet er als langweilig (S. 84). Bezeichnend, daß ihn gerade die Wörter "Gestrüpp" und "Geröll" beeindrucken, ja ihm irgendwie sympathisch sind. Einmal blätterte ich während des Lesens auf die letzte Seite (ich kann mich nicht erinnern, das je seit Kindheitstagen gemacht zu haben): ich wollte wissen, ob der Held in der Klapsmühle sitzt. Es sei verraten: nein. Er selbst denkt öfters daran, verrückt zu werden: "Gleichzeitig fürchte ich mich davor, daß ich als Geisteskranker in Lisas leerem Zimmer sitze ..." (S. 55); "... ich bin gern in der Nähe von Verwirrten, Halbverrückten und Durchgedrehten" (S. 62-63) [Gleich und gleich gesellt sich gern; siehe
Der Protagonist hat nicht einen Regenschirm für einen Tag, sondern er hat sich ein dickes Fell für seine ganz Lebensführung zugelegt. Das Leben ist "nichts als ein langgezogener Regentag" (S. 105). Er ist ein Stoiker mit wenig eigener Initiative. Überall wittert er Ablehnung. So traut er sich nicht einmal einem Bekannten, für den er sich bei der Zeitung einsetzt, das negative Ergebnis mitzuteilen; eher nimmt er in Kauf als Sprücheklopfer zu gelten. Die Kundinnen für sein "Institut für Erlebnis- und Gedächtnisforschung" erhält er eher zufällig und widerwillig. Sein Leben bestreitet er nicht aus eigenem Einkommen sondern von den Ersparnissen der Ex-Freundin Lisa. Deshalb hat er garnicht so unrecht: seine Lebensberechtigung ist zweifelhaft. Wilhelm Genazino beschreibt dies in lockerem Plauderton mit melancholischen Grundton. So gelingt es ihm, mit Banalitäten den Leser bei der Stange zu halten. Ob man in diese triste Welt des namenlosen Langweilers eintauchen soll? Wo es um Menschen geht, die eine an einer Schnur befestigte Kleiderbürste, die von einem Balkon herabschaukelt, betrachten (und der Autor darauf die ganze Seite 134 verwendet)? [Beim Lesen eingetaucht in das Faible des Protagonisten für Brüste, mißlas ich in dieser Szene das Wort "Bürste" ständig; doch es blieb eine Kleiderbürste] Wo es um Susanne geht, die es nicht erträgt, daß der Löffel der Salatschüssel auf sie zeigt; ein wichtiges Problem der Jahrtausendwende (S. 135)? Das Geplaudere artet oft in Pseudophilosophie und nutzlose Wortverliebtheit aus.
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| Ijoma
Mangold, Literaturkritiker der
Süddeutschen
Zeitung, prägte den Begriff »Musik
der Beliebigkeit«; er paßt
hervorragend auf Genazinos Roman Ein Regenschirm für
diesen Tag (und nicht nur diesen). Iris Radisch, Literaturkritikerin, empfahl Ein Regenschirm für diesen Tag in der ZDF-Sendung "Das literarische Quartett" am 17. August 2001. Das hätte mir zu denken geben müssen, da mir die Empfehlungen von Iris Radisch selten zusagten. | ||
| Vergleichsliteratur | ||
| Links | ||
| Literatur | ||
| Henning, Hans Martin:
"Zwischen den
Stühlen. Poetisierung des Alltags". Freitag,
16. 11. 2001. Hillgruber, Katrin: "Das Quietschen des Kunstleders". Literaturen 11. 2001. S. 79-80. Kässens, Wend: " Hilft gegen graues Leben. Das Buch der Woche: Wilhelm Genazinos Roman »Ein Regenschirm für diesen Tag«". Die Welt 11..8. 2001. Köhler, Andrea: "Schwebendes Verfahren". Neue Zürcher Zeitung, 25.8.2001. Maidt-Zinke, Kristina: "Die Schuhwurzel. Wilhelm Genazino spannt den Regenschirm auf". Süddeutsche Zeitung, 4. 8.2001. Maidt-Zinke, Kristina: "Dem Flaneur ist nichts zu schwer". Süddeutsche Zeitung, 11.9.2001. Mangold, Ijoma: "Probelauf in neuen Schuhen". Berliner Zeitung, 8.9.2001. Matt, Peter von: "Gelächter vor dem Untergang". Der Spiegel, 24.9. 2001. Mohr, Peter: "Flaneur mit Luxusschuhen. Wilhelm Genazinos Roman »Ein Regenschirm für diesen Tag«". Literaturkritik.de 9, 2001. S. 158-159. Nentwich, Andreas: "Die Seele ist ein buntes Karussell. Wilhelm Genazino ergreift ironisch Partei für die Gestrandeten, Verrückten und Verlierer". Die Zeit, 9.8.2001. Schütt, Hans-Dieter: "Gestrüpp und Geschlappe". Neues Deutschland, 16. 8. 2001. Spiegel, Hubert: "Artist der Umständlichkeit". Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. 9. 2001. Teiting, Matthias: "Die Kunst des Flanierens". Titel-Magazin, 20.2.2004. | ||
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| Wilhelm Genazino: Ein Regenschirm
für diesen Tag. München: Hanser, 2001.
Gebunden, 173 Seiten. |
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