Thomas Bernhard beschreibt in Ein
Kind die ersten acht Jahre seiner Kindheit. Sie sind geprägt,
daß er als uneheliches Kind den Vater nicht kannte und seine Mutter sich
recht und schlecht durchschlagen mußte. Sie lebt mit seinem Vormund
zusammen und hat zu Thomas, der sie zu sehr an den Vater erinnert, ein sehr
gespanntes Verhältnis. Thomas übernimmt die Vorwürfe als
Selbstvorwürfe: "Du bist, was sie dich nennen, das scheußlichste
aller Kinder!" (S. 15; Hervorhebung im Original). Die Folge ist ein Leben
an der Armutsgrenze, häufige Wohnortwechsel, zuletzt nach Traunstein;
Thomas entwickelt eine anhängliche Beziehung zu seinem Großvater.
Von ihm lernt er fürs Leben, von ihm wird er gewarnt: "die Welt ist
widerlich, unerbittlich, tödlich" (S. 15). Das beschreibt dann schon einen
Teil des künftigen literarischen Porgramms von Bernhard. Oder auch
| "Wenn ein einfacher Mensch spricht, ist das eine Wohltat.
Er redet, er schwätzt nicht. Je gebildeter die Leute werden, desto
unerträglicher wird ihr Geschwätz." (S. 27) |
Dieses Zitat spiegelt schön meine Ansicht
zu vielen Bernhard-Passagen wider. Sie sind genussvoll zu lesen, man nickt
stumm und zustimmend, aber auf ihren Wahrheitsgehalt darf man sie nicht
abklopfen, da meist zu sehr verallgemeinernd. Noch ein Beispiel gefällig?
| "Immer das Höchste im Auge haben! Aber was war das
Höchste? Wenn wir uns umsehen, umgibt uns nur die Lächerlichkeit und
die Erbärmlichkeit. Dieser Lächerlichkeit und dieser
Erbärmlichkeit gilt es zu entkommen." (S. 82) |
Bernhard parliert in seinem typischen Stil. Mit
viel indirekter Rede und oft im Konjunktiv. Der kurze Roman beginnt mit einer
fantastischen Radfahrt; dies bleibt aber für geraume Zeit die einzige gut
ausgearbeitete längere Szene. Erst am Ende schildert der Autor noch witzig
die Fahrt in den Landheimaufenthalt nach Saalfeld in
Thüringen. Insgesamt recht lesenswert, wenn man den Bernhard-Stil mag.
ich mag ihn. |