Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Pluhar
Erika Pluhar: Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation?
München: DTV, 2003. Broschiert, 254 Seiten
In einer monatlichen Literaturrunde wurde dieser Roman ausgewählt.
Erika Pluhar: der Name schien mir bekannt, doch ich wußte nichts dazu. Dann hörte ich ein Interview mit ihr im Österreichischen Rundfunk und dachte: "Oh Schreck! eine Schauspielerin [Wiener Burgschauspielerin] und von der muß ich was lesen!" Doch ihre Standpunkte, Meinungen und die Begründungen dazu im Interview gefielen mir ausgezeichnet und ich freute mich aufs Buch.
"Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation?" beginnt der Roman und der Dialog, der für 250 Seiten nicht mehr aufhört. Die 54-jährige Pragerin Nelly Tomasova fragt so in der Wiener Straßenbahn einen Herrn. Er entpuppt sich als der 62-jährige Rudolf Smelik, promovierter Philosoph, ehemaliger Alkoholiker und ehemaliger Burgtheaterdramaturg. Nelly ist Theatersekretärin; auf Wunsch ihrer Mutter sollte sie Pianistin werden. Spontan gehen die beiden ins Cafe und wollen dann spazierengehen, fahren dazu zum "Häuserl am Himmel", einer Wiener Ausflugsstation, kehren ein und bleiben hängen, da sie sich gegenseitig soviel zu erzählen haben. Zunächst reden sie über Theater, Sucht, Einsamkeit, Kunst und Faschismus. Bald aber erzählen sie einander die Lebens- und Liebesgeschichten. Ab kurz vor der Mitte des Buches dominiert Rudolf mit seiner Sahara-Geschichte und beichtet eine außereheliche Liebesbeziehung, die tragisch endet. Zum einen hat Helene, mit der er seine Frau betrügt, schweres Asthma, zum anderen merkt es Rudolf lange nicht. Nachdem sie sich alles von der Leber geredet haben, sind sie ineinander verliebt und haben jeder noch eine Chance, es diesmal besser zu machen.
Erika Pluhar gestaltet den Dialog lebendig, unterbrochen von kurzem belangloseren Gerede, neuen Bestellungen, Ortswechsel. Sie verzichtet auf jeden Erzähler, ja sogar auf jede weitere sprechende Person. Wir lesen nur das Gespräch, trotzdem bringt die Autorin unauffällig das Nötige über Umgebung, Stimmung und Zeitablauf unter. Diese Konzentration auf das Gespräch meisterte die Pluhar. Sie schuf damit ein Zwei-Personen-Theaterstück und sie hat es inzwischen auch als Hörbuch aufgeführt. pluhar Literatur
Doch mit Fortschritt des Zwiegesprächs wirken manche Stellen gestelzt. Man muß den beiden Gesprächspartnern und der Autorin hier ihre Theaterverbundenheit zubilligen. Wer würde beispielsweise nach wenigen Minuten seiner unbekannten Gesprächspartnerin dieses sagen (so sehr man dem Inhalt zustimmt):
[Rudolf:] Der weitverbreiteste und unausrottbarste aller menschlichen Eigenschaften ist und bleibt der Rassismus, in all seinen Facetten ist er weltumspannend, machen wir uns nichts vor. (S. 12)
Geschickt (?) baut die Pluhar so Allgemeinplätze ein, die der Leser bestätigt und die die positive Resonanz des Buches garantieren. [Rudolf:] "Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Daß kaum jemand wirklich zuhören kann?" (S. 32). Nelly kann zuhören und, wie sich herausstellt, sogar der männliche Teil des Duos, der andrerseits die üblichen Frauenvorurteile pflegt: "Wunderbar. Ich habe eine geistreiche Frau getroffen" (S. 38). Manchmal grenzen diese Allgemeinplätze an Phrasendrescherei (die allerdings derzeit in der Literatur gute Chancen hat, coelho Rezension: Paulo Coelho: Veronika beschließt zu sterben) und Kitsch:
[Nelly:] Ich glaube an das Wunder-bare [sic] des Lebens, ja. Ich glaube daran, daß jedes Gefühl, das mit Liebe zu tun hat, ein Wunder ist. Ich glaube, daß – daß der letzte glühende Streifen dort am Horizont vor uns ein Wunder ist (S. 133).
In eine ähnliche Kerbe haut:
[Nelly:] Jedes Menschenleben öffnet sich nach allen Richtungen, und sieht anders aus, wenn man es von einem anderen Standpunkt aus betrachtet. Und jeder Mensch hat das Recht, sich nicht von jedem Standpunkt aus betrachten zu lassen (S. 170).
Woher kommt dieses – mir bislang unbekannte – Recht? In den ersten Satz Nellys kann man Beliebiges einsetzen. Beispiel: "Jedes Haus öffnet sich nach allen Richtungen, und sieht anders aus, wenn man es von einem anderen Standpunkt aus betrachtet." Richtig.
Die gegenseitigen Komplimente, sowohl Äußeres als auch Gemüt betreffend ([R.:] "Ich glaube, ihre Gegenwart inspiriert mich dazu" S. 56) werden mit der Zeit peinlich.
[Rudolf:] Und so habe ich es ja auch verstanden, Nelly. Ich habe verstanden, was Ihnen fehlte und was Sie entwürdigt hat (S. 194).
Ein Leben lang war Nelly unverstanden, entwürdigt. Doch jetzt kommt der Retter Rudolf.
Manche der gebotenen Urteile widersprechen der (meiner) Lebenserfahrung.
  • Entgegen Nellys Behauptung sprechen viele Musiker und andere Künstler gerne, ja oft über nichts anderes als ihr Metier (S. 63).
  • Die glücklose Klassik-Pianistin Nelly soll im Free Jazz Quartett des Milos Bergmann mitspielen (S. 67). Man muß es wohl Bergmanns anderen Absichten zuschreiben. Ansonsten muß man die Klassiker unter den Jazzern (ganz zu schweigen vom Free Jazz) suchen; nur zwei (Friedrich Gulda und Andre Previn) fallen mir spontan ein.
  • Viele Touristen sind vom Mittelmeer enttäuscht, meint Nelly (S. 117). Projeziert hier die Autorin (Pluhar liebt die Wüste) ihren eigenen Standpunkt? Ich kenne sehr viele Touristen, die immer wieder ans Meer fahren und dort "die schönsten Wochen des Jahres" verbringen.
Freilich gelingen der Autorin auch versteckte, treffende Charakerisierungen.
  • Rudolfs Mutter spricht von "Zigeunerhuren" und "Ausländergfrastern" (S. 77) und Rudolf wiegelt ab, sie "war kein schlechter Mensch" (S. 77).
  • Gelächter und Zärtlichkeiten gibt es nur zwischen Menschen, niemals zwischen Nationen (S. 130).
Vieles im Roman ist zu voraussehbar (Affäre mit dem Klavierlehrer), noch mehr unglaubwürdig: erster Kuß mit achtzehn und am selben Nachmittag gleiten sie "vom Klavierhocker auf den Teppich" (S. 91). Selbstverständlich ist Nelly ab da Frau und spielt ganz anders Klavier (S. 96). Mir ist völlig unklar, worin der Unterschied, sagen wir bei einer Mozart Klaviersonate, gespielt von einer Frau und einer Jungfrau überhaupt bestehen soll.
Insgesamt störte mich das endlose Beziehungsgequatsche ab etwa Seite hundert. Ist es wirklich glaubhaft, daß zwei unbekannte Menschen so offen mit einander ihre Liebesabenteuer austauschen? Ihre Affären ausbreiten, über die sie noch nie mit jemandem ("außer mit meinem Vater", Nelly, S. 103; Rudolf: "Ich habe ihr [Letta, seine Gattin] von alledem keine Silbe erzählt", S. 247) gesprochen haben? Die detaillierte Geschichte Rudolf - Helene am ersten Abend einer wildfremden Frau zu erzählen ist extrem abwegig.
Die Anfangssituation ist prickelnd, originell und vielversprechend, verläuft aber im Laufe der Nacht in tausendfach erzählten Beziehungen, die gelegentlich direkt peinlich werden.
[Rudolf:] Und?
[Nelly:] Und wir legten uns noch ein letztes Mal zueinander. – Und dieses letzte Mal war – nun ja. (S. 112)
Abbruch des Zitats. "Zueinander legen" stammt wohl aus Grimms Märchen. "Und wenn sie sich nicht trennten, liegen sie immer noch".
Eine weitere schmachtende Peinlichkeit muß genügen.
[Rudolf:] Wollen Sie gehen?
[Nelly:] Oh nein, Smelik. Ich möchte Ihnen zuhören. Ich möchte zu Ende hören.
[Rudolf:] Zu Ende, ja.
[Nelly:] Ich möchte zu Ende hören., was Sie mir erzählen wollen, Smelik. (S. 191)
Pluhar gerät gleich ganz aus dem Ruder und läßt Nelly fortfahren: "Denn alles setzt sich fort in Ihrem Gesicht, das ich vor mir habe, und in jedem Wort, das Sie sagen." Hintergrund dazu: mitten in der Nacht auf der Terrasse, die nur vom Windlicht auf dem Tisch beleuchtet ist ("Alle Fenster sind dunkel", ein paar Zeilen weiter oben). Da scheitert die von der Pluhar gewählte Dialogform. Ein allwissender Erzähler könnte dagegen sehr wohl sagen: "Alles, was Nelly sagte, setzte sich fort in seinem Gesicht, das sie vor sich hatte", auch wenn's stockdunkel ist. [Ich wurde auf eventuellen Mondschein hingewiesen.]
Am Ende des Romans werden die beiden deutlich. Rudolf: "Ich möchte mit Ihnen schlafen" (S. 253) bleiben aber distanziert beim "Sie".
Originell am Konzept des Romans ist der Wiederbeginn zweier gealteter Menschen. Für sie ist mit sechzig Jahren noch nicht Endstation.
Wortwahl
Erika Pluhar führt viele der Tschechin Nelly unbekannte Wörter auf wienerischen Ursprung zurück. Das ist in den meisten Fällen falsch, da es ganz normale süddeutsche oder bairisch-österreichische Wörter sind, so beispielsweise "verzapfen". Oder das Wort ist gar anglo-amerikanisch und wird für Wien reklamiert, wie "kreschen" (S. 183), obwohl das nicht nur Jugendliche von Emden bis Klagenfurt ebenso verwenden.
Liest man genau, entpuppen sich manche Ausdrücke als schwammig. Was sind "Gefühlsängste" (S. 168)?
G'spritzter und Mineralwasser
Nelly trinkt G'spritzten, Rudolf vorerst Mineralwasser.
Obwohl Rudolf als Ex-Alki das ständige Alkoholangebot in Gesellschaft zuwider sein müßte, ist es meist er, der Nelly zu neuem G'spritzen anstiftet ("Noch ein G'spritzer? Nein danke. ... Nicht doch ein G'spritzter?, S. 33 und 39 u.a.). Schon beim zweiten Glas (ist das jeweils ein Viertel?) fühlt sich Nelly beschwipst (S. 41). Sie trinkt aber mindestens sieben G'spritzte (S. 28, 39, 52, 69, 121, 134, 176). Der Dialog ist zweimal unterbrochen: S. 116 und 162. Das sind wohl die Pinkelpausen. [Ich wurde darauf hingewiesen, daß es eine erzählte Pause des Dialogs gibt.]
Unklar blieb mir, was der Leser davon zu halten hat, daß Rudolf zum Ende hin rückfällig wird und selbst zum G'spritzten greift; zumindest ein falsches Signal an alle Ex-Alkoholiker.
Wie man aus dieser Rezension, vor allem aber bei aufmerksamer Lektüre des Dialogs selbst merkt, will die Pluhar unkonventionelle Lebensstandpunkte vertreten, gegen die, ihr vielleicht vom Theater her bekannten Abgeschmacktheiten anschreiben. Sie verfällt diesen aber selbst. Nelly und Rudolf hauen auf die "Therapiererei" ein, das ganze Buch ist aber gegenseitige Therapie.
Dem ORF-Interview mit der Autorin entnehme ich, daß die Pluhar ihre Tochter durch einen Sekundenherztod infolge von Asthma verlor. Traurig genug. Doch muß dann der Leser etwa zwanzig Seiten zu Helenes Sekundentod und über ihren toten Körper lesen (S. 225-244)? Wie mit den beiden Biografien von Nelly und Rudolf, so auch hier: für den Betroffenen ist seine Lebensgeschichte einzigartig und erzählenswert. Für den Außenstehenden ist sie aber selten lesenswert.
Wem meine Rezension zu kritisch ist (andere im Web schwärmen von diesem Roman), dem gestehe ich zu, daß mir diese Gefühlsdrückerei nicht liegt. Der Schluß des Romans ist für mich einfach unüberlegter Krampf:
[Nelly:] Unser einziges Wissen ist das Gefühl?
[Rudolf:] Ja, Nelly. (S. 255)
Anmerkung dazu: hier sind die Rollen vertauscht. Wenn überhaupt, müßte solcherart Nelly ihren männlichen Gesprächspartner belehren. Oder wäre das Klischee?
Man kann Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation? lesen, wenn man gerne lange Seitensprungabenteuer hören will. Am gelungsten fand ich die ungewöhnliche Kennenlern-Situation und die Episode mit Helene in der Westsahara. Ich empfehle den Roman nicht.
"Pluhar hat die Arbeit an dem Text im Mai 1999 »ziemlich spielerisch und ohne großes Konstrukt« begonnen." Das merkt man. Doch impulsives Aufschreiben schafft keinen großen Roman. Viele Leute meinen, daß gerade ihre Biografie aufschreibenswert ist. Sie täuschen sich. Zwei Biografien in einem Buch verbessert diese Einschätzung nicht.
Zitat aus: "Schmerzlichkeit im Schreiben. Endstation und doch Hoffnung". Birgit Lehner im Gespräch mit Erika Pluhar; Pluharonline beim ORF
Literatur
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Pluhar PluharErika Pluhar: Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation? München: DTV, 2003. Broschiert, 254 Seiten Pluhar
Erika Pluhar: Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation? Hoffmann & Campe, 2001. Gebunden, 254 Seiten Pluhar
pluhar PluharErika Pluhar: Verzeihen Sie, ist das hier schon die Endstation? Hoffmann & Campe, 2001. Gesprochen von Erika Pluhar und Peter Simonischek. 4 Hörkassetten  

Pluhar
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 8.9.2004