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Gottfried Keller
Gottfried Keller. Züricher Novellen
Die Novellensammlung Züricher Novellen erschien 1876/77; einzelne Novellen daraus erschienen schon früher
Hadlaub – Der Narr auf Manegg – Der Landvogt von Greifensee – Ursula
1861 Das Fähnlein der sieben Aufrechten
In Das Fähnlein der sieben Aufrechten finden wir Romeo (Karl Hediger) und Julia (Hermine Frymann) am Züricher See. Die Väter gehören einem Bund / Verein von sieben gestandenen Züricher Charakterköpfe an; sie versagen dem Nachwuchs die Zustimmung: Frymann ist bedeutend reicher als Hediger. Mit dem Männerbund, symbolhaft für die Schweiz, ist es nicht so weit her.
Beim Schützenfest im Jahr 1849 überzeugt Karl aber rhetorisch und schießmäßig. Happy end.
Warum stufe ich Das Fähnlein der sieben Aufrechten trotz mehreren oberlehrerhaften Reden (die man überspringen kann) als heute noch lesbar ein? Manche Literaturgeschichtenloben die Charakterdarstellungen, den Lobgesang auf Bürgersinn und Vaterlandsliebe, alles Dinge, die mich kaum diese Novelle empfehlen lassen. Mir imponierten Hinweise auf hochaktuelle gesellschaftlichen Entwicklungen oder Auswüches und radikales umstürzlerisches Gedankengut.
  • Schneidermeister Hediger pflegt eine Waffensammlung, das Recht dazu wird heute noch in den USA von einer starken Lobby verteidigt. Mit dem Jagdgewehr will er aber "nicht auf Hasen und Rebhühner, sondern auf Aristokraten und Jesuiten, auf Verfassungsberecher und Volksverräter Jagd" machen.
  • Dabei ist Hediger durchaus angepasst. Daß er arm ist und Frymann reich findet er in Ordnung: "So soll es bleiben." Ihm genügt die "innere Gleichheit", was immer das ist. Ja, er hat gar eine Abneigung, in diese reiche Familie durch Karl einzuheiraten: "Ich sehe nicht ein, warum einer meiner Söhne nach fremden Gute die Hand ausstrecken soll, ohne einen Streich darum gearbeitet zu haben." Statt ungerechte Verhältnisse zu ändern oder aufzuweichen will zu Feinden erklärte Schichten wie Aristokraten und Jesuitenlieber abknallen.
  • Karl praktiziert psychologisches Training für seinen Scharfenschützensport und Keller ist wohl der erste Autor, der dies beschreibt: Visualisierung der künftigen Wettkampfsituation.
  • Karl kann auch gegen einen Hünen beim Fingerhakeln bestehen: er hat beruft sich auf sein körperliches Training. Nicht nur Junker und Berghirt sollen sich turnerisch üben, auch der Schneiderssohn soll trainieren (und das Fitnessstudio besuchen).
  • Karls Gegenpart in der Scharfschützenkompanie ist Ruckstuhl, ein durch Immobiliengeschäfte reich gewordener fauler Buchbinder. Er hält sich durch Geldgeschenke seine Kameraden bei Laune und ist genau der Typ, den der konservative Hediger verabscheut, erfreute der Immobilienhai Ruckstuhl sich doch "einer hübschen jährlichen Einnahme, ohne eine Stunde wirklicher Arbeit".
Wie schon angemerkt: über Patriotismus und Lehrhaftigkeit muß man hinweglesen.
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Sekundärliteratur
Reichert, Karl: "Die Entstehung der »Züricher Novellen« von Gottfried Keller". In: Zeitschrift für deutsche Philologie, 82. Jg. (1963), S. 471-501.
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keller Gottfried KellerGottfried Keller. Züricher Novellen. Bernd Neumann, Hg. Ditzingen: Reclam, 1989. 415 Seiten

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