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Melville Herman Moby Dick
Die Farbenlehre Goethes und Newtons im Kapitel 42 "The Whiteness of the Whale"
Johann Wolfgang von Goethe und Sir Isaac Newton; John Locke und Robert Boyle
Maximen und ReflexionenPolemische GedichteWär nicht das Auge sonnenhaftZitate Goethes
Zwei moderne Physiker über Goethes Farbenlehre

Herman Melville: Moby Dick, Chapter "The Whiteness of the Whale" (Auszug):
Is it that by its indefiniteness it shadows forth the heartless voids and immensities of the universe, and thus stabs us from behind with the thought of annihilation, when beholding the white depths of the milky way? Or is it, that as an essence whiteness is not so much a color as the visible absence of color, and at the same time the concrete of all colors; is it for these reasons that there is such a dumb blankness, full of meaning, in a wide landscape of snows—a colorless, all-color of atheism from which we shrink? And when we consider that other theory of the natural philosophers, that all other earthly hues—every stately or lovely emblazoning—the sweet tinges of sunset skies and woods; yea, and the gilded velvets of butterflies, and the butterfly cheeks of young girls; all these are but subtle deceits, not actually inherent in substances, but only laid on from without; so that all deified Nature absolutely paints like the harlot, whose allurements cover nothing but the charnelhouse within; and when we proceed further, and consider that the mystical cosmetic which produces every one of her hues, the great principle of light, for ever remains white or colorless in itself, and if operating without medium upon matter, would touch all objects, even tulips and roses, with its own blank tinge—pondering all this, the palsied universe lies before us a leper; and like wilful travellers in Lapland, who refuse to wear colored and coloring glasses upon their eyes, so the wretched infidel gazes himself blind at the monumental white shroud that wraps all the prospect around him. And of all these things the Albino Whale was the symbol. Wonder ye then at the fiery hunt?
Im ersten Teil des zitierten Absatzes spielt Melville Goethes Farbenlehre gegen Newtons Farbenlehre aus: "whiteness is not so much a color as the visible absence of color, and at the same time the concrete of all colors". Mit " the natural philosophers" sind die Vertreter der Farbe als sekundäre Qualität gemeint, also insbesondere John Locke [29.8. 1632 Wrington (County Somerset) – 28.10. 1704 Oates (County Essex) , englischer Philosoph], aber auch Robert Boyle [25.1. 1627 Lismore (County Waterford, Irland) – 30.12. 1691 London; britischer Naturforscher].
Zur Farbenlehre ist das umfangreichste Werk Goethes. Es entstand etwa zwischen 1790 und 1810. Es besteht aus "Didaktischer Teil", "Polemischer Teil", "Materialien zur Geschichte der Farbenlehre" und "Statt des versprochenen Supplementaren Teils".
In Zur Farbenlehre hackt Goethe schon im "Vorwort" auf Newton herum:
"Aber eine Geschichte der Farbenlehre zu schreiben oder gar auch nur vorzubereiten, war unmöglich, solange die Newtonische Lehre bestand. Denn kein aristokratischer Dünkel hat jemals mit solchem unerträglichen Übermute auf diejenigen herabgesehen, die nicht zu seiner Gilde gehörten, als die Newtonische Schule von jeher über alles abgesprochen hat, was vor ihr geleistet war und neben ihr geleistet ward." Goethes Werke, Band XIII, Hamburg 1966, S. 319
"Das Auge hat sein dasein dem Licht zu danken. Aus gleichgültigen tierischen Hülfsorganen ruft sich das Licht ein organ hervor, das seinesgleichen werde, und so bildet sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere Licht dem äußeren entgegentrete." Goethes Werke, Band XIII, Hamburg 1966, S. 323
Hier und im nachfolgenden Gedicht greift Goethe Gedanken des Neuplatonikers Plotin [um 205 Lykonpolis (heute Assiut) – 270 Minturnae (Kampanien)], "eines alten Mystikers" auf. Goethe gab das leicht veränderte Gedicht auch gesondert heraus (rechts).
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?
Goethes Werke, Band XIII, Hamburg 1966, S. 324
Wär nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt' es nie erblicken;
Läg' nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt uns Göttliches entzücken?
Goethes Werke, Band I, Hamburg 1978, S. 367
Goethes Farbenlehre wurde von den Physikern kritisiert. Mancher Kritik wäre der Boden entzogen, wenn Goethe sich auf den physiologischen Teil beschränkt (siehe folgendes Zitat aus der "Einleitung") und auf die Polemik gegen Newton verzichtet hätte.
"Wir betrachten also die Farben zuerst, insofern sie dem Auge angehören und auf einer Wirkung ung Gegenwirkung desselben beruhen; ferner zogen sie unsere Aufmerksamkeit an sich, indem wir sie an farblosen Mitteln oder durch deren Beihülfe gewahrten; zuletzt aber wurden sie uns merkwürdig, indem wir sie als den Gegenständen angehörig denken konnten. Die ersten nannten wir physiologische, die zweiten physische, die dritten chemische Farben." Goethes Werke, Band XIII, Hamburg 1966, S. 325
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In Goethes Selbstanzeige seines Werkes Zur Farbenlehre in Cottas “Morgenblatt”, Extrabeilage Nr. 8, 6.Juni 1810 schreibt Goethe selbst über den polemischen Teil seiner Farbenlehre:
Die seit einem Jahrhundert herrschende Newtonische Theorie hingegen gründete sich auf einen beschränkten Fall und bevorteilte alle die übrigen Erscheinungen um ihre Rechte, in welche wir sie durch unsern Entwurf wiedereinzusetzen getrachtet. Dieses war nötig, wenn wir die hypothetische Verzerrung so vieler herrlichen und erfreulichen Naturphänomene wieder ins gleiche bringen wollten. Wir konnten nunmehr mit desto größerer Sicherheit an die Kontrovers gehn, welche wir, ob sie gleich auf verschiedene Weise hätte eingeleitet werden können, nach Maßgabe der Newtonischen Optik führen, indem wir diese Schritt vor Schritt polemisch verfolgen und das Irrtumsgespinst, das sie enthält, zu entwirren und aufzulösen suchen.
Wir halten es rätlich, mit wenigem anzugeben, wie sich unsere Ansicht, besonders des beschränkten Refraktions-Falles, von derjenigen unterscheide, welche Newton gefaßt und die sich durch ihn über die gelehrte und ungelehrte Welt verbreitet hat.
Newton behauptet, in dem weißen farblosen Lichte überall, besonders aber in dem Sonnenlicht, seien mehrere verschiedenfarbige Lichter wirklich enthalten, deren Zusammensetzung das weiße Licht hervorbringe. Damit nun diese bunten Lichter zum Vorschein kommen sollen, setzt er dem weißen Licht gar mancherlei Bedingungen entgegen: vorzüglich brechende Mittel, welche das Licht von seiner Bahn ablenken; aber diese nicht in einfacher Vorrichtung. Er gibt den brechenden Mitteln allerlei Formen, den Raum, in dem er operiert, richtet er auf mannigfaltige Weise ein; er beschränkt das Licht durch kleine Öffnungen, durch winzige Spalten, und nachdem er es auf hunderterlei Art in die Enge gebracht, behauptet er, alle diese Bedingungen hätten keinen andern Einfluß, als die Eigenschaften, die Fertigkeiten des Lichts rege zu machen, so daß sein Inneres aufgeschlossen und sein Inhalt offenbart werde.
Die Lehre dagegen, die wir mit Überzeugung aufstellen, beginnt zwar auch mit dem farblosen Lichte, sie bedient sich auch äußerer Bedingungen, um farbige Erscheinungen hervorzubringen; sie gesteht aber diesen Bedingungen Wert und Würde zu. Sie maßt sich nicht an, Farben aus dem Licht zu entwickeln, sie sucht vielmehr durch unzählige Fälle darzutun daß die Farbe zugleich von dem Lichte und von dem, was sich ihm entgegenstellt, hervorgebracht werde.
Also, um bei dem Refraktionsfalle zu verweilen, auf welchen' sich die Newtonische Theorie doch eigentlich gründet, so ist es keineswegs die Brechung allein, welche die Farbenerscheinung verursacht; vielmehr bleibt eine zweite Bedingung unerläßlich, daß nämlich die Brechung auf ein Bild wirke und ein solches von der Stelle wegrücke. Ein Bild entsteht nur durch Grenzen; und diese Grenzen übersieht Newton ganz, ja er leugnet ihren Einfluß. Wir aber schreiben dem Bilde sowohl als seiner Umgebung, der Fläche sowohl als der Grenze, der Tätigkeit sowohl als der Schranke, vollkommen gleichen Einfluß zu. – Goethes Werke, Band XIII, Hamburg 1966, S. 528-29
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Aus Maximen und Reflexionen, Goethes Werke, Band XII, Hamburg 1967
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Mikroskope und Fernröhre verwirren eigentlich den reinen Menschensinn.
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Abbildungen, Wortbeschreibungen, Maß, Zahl und Zeit stellen noch immer kein Phänomen dar. Darum bloß konnte sich die Newtonische Lehre so lange halten, daß der Irrtum in dem Quartbande der lateinischen Übersetzung für ein paar Jahrhunderte einbalsamiert war.
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Newton als Mathematiker steht in so hohem Ruf, daß der ungeschickeste Irrtum, nämlich das klare, reine, ewig ungetrübte Licht sei aus dunklen Lichtern zusammengesetzt, bis auf den heutigen Tag sich erhalten hat, und sind es nicht Mathematiker, die dieses Absurde noch immer verteidigen und gleich dem gemeinsten Hörer in Worten wiederholen, bei denen man nichts denken kann?
Der Newtonische Versuch, auf dem die herkömmliche Farbenlehre beruht, ist von der vielfachsten Komplikation; er verrknüpft folgende Bedingungen.
Damit das Gespenst erscheine, ist nötig:
1. ein gläsern Prisma;
2. dieses dreiseitig,
3. klein;
4. ein Fensterladen;
5. eine Öffnung darin;
6. diese sehr klein;
7. Sonnenbild, das hereinfällt;
8. in einer gewissen Entfernung, in einer
9. gewissen Richtung aufs Prisma fällt;
10. sich auf einer Tafel abbildet,
11. die in einer gewissen Entfernung hinter das Prisma gestellt ist.
Nehme man von diesen Bedingungen 3., 6. und 11. weg: man mache die Öffnung groß, man nehme ein großes Prisma, man stelle die Tafel nah heran, und das beliebte Spektrum kann und wird nicht zum Vorschein kommen.
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Der Newtonische Irrtum steht so nett im Konversationslexikon, daß man die Oktavseite nur auswendig lernen darf, um die Farbe fürs ganze Leben los zu sein.
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Polemische Gedichte Goethes gegen Newton
Wer glaubt's?
 
“Newton hat sich geirrt?” Ja, doppelt und dreifach! “Und wie denn?”
Lange steht es gedruckt, aber es liest es kein Mensch. – Goethes Werke, Band I, Hamburg 1978, S. 214
Aus: Zahme Xenien

Freunde, flieht die dunkle Kammer,
Wo man euch das Licht verzwickt
und mit kümmerlichstem Jammer
Sich verschrobnen Bildern bückt.
Abergläubische Verehrer
Gab's die Jahre her genug,
In den Köpfen eurer Lehrer
Lasst Gespenst und Wahn und Trug.

Wenn der Blick an heitern Tagen
Sich zur Himmelsbläue lenkt,
Beim Sirok der Sonnenwagen
Purpurrot sich niedersenkt:
Da gebt der Natur die Ehre,
Froh, an Aug' und Herz gesund,
Und erkennt der Farbenlehre
Allgemeinen ewigen Grund!
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Zwei moderne Physiker über Goethes Farbenlehre
"Es ist ferner oft darauf hingewiesen worden, wie empfindlich Goethe auf die Kluft zwischen seiner Farbenlehre und der allgemein anerkannten Optik Newtons reagiert hat, wie heftig und unsachlich seine Polemik gegen Newton gelegetnlich gewesen ist; ..."
"An diesr Stelle wird vor allem hervorgehoben, daß Goethes naturbetrachtung eben vom Menschen ausgehe, daß in ihr der Mensch und sein unmittelbares Naturerlebnis den Mittelpunkt bilde, von dem aus sich die Erscheinungen in eine sinnvolle Ordnung fügen. Eine solche Formulierung ist zwar richtig, und sie macht den großen Unterschied zwischen der Goetheschen Naturbetrachtung und der Newtonschen besonders deutlich. Aber sie übersieht doch einen ganz wesentlichen Punkt, daß nämlich nach Goethes Überzeugung dem Menschen in der Natur die göttliche Ordnung sichtbar gegenübertritt."
Werner Heisenberg: "Das Naturbild Goethes und die technisch-naturissenschaftliche Welt", Vortrag auf der Hauptversammlung der Goethe-Gesellschaft in Weimar, 21. Mai 1967, zitiert nach: Werner Heisenberg. Schritte über Grenzen. Gesammelte Reden und Aufsätze. München 1971. S. 243-262
Henning Genz, Professor am Institut für Theoretische Teilchenphysik an der Universität Karlsruhe:
"Als Physiker sah sich Goethe vor allem auf Grund seiner Farbenlehre, die aus ganzheitlichem Geist geboren war. Sie ist, und das wußten bereits Goethes naturwissenschaftlich gebildete Zeitgenossen, abgrundtief falsch. Die Fortschritte der Optik zu seiner Zeit, die auf analysierenden Methoden beruhten und sich in mathematischen Formeln ausdrücken ließen, hat Goethe nicht zur Kenntnis genommen" (S. 81). "Goethes Polemik gegen Newton unterdrücke ich, weil sie über Goethes Psychologie hinaus irrelevant ist. Aber es finden sich bei ihm auch zahlreiche Invektiven, die sich nicht gegen Newton selbst, aber gegen dessen Auffassungen wenden" (S. 82) goethe newton Henning Genz: Wie die Naturgesetze Wirklichkeit schaffen. Über Physik und Realität. München 2002

Melville, Herman, Moby Dick
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 21.12.2002