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Philip Roth The Human Stain
Philip Roth: The Human Stain
London: Vintage, 2001. 361 Seiten – philip roth Musik in The Human Stainphilip roth LiteraturRoth Autor Philip Roth philip roth Zitate
The Human Stain ist ein hochgelobter Roman des Anwärters auf den Literatur-Nobelpreis Philip Roth. Für mich war es das erste Werk des Autors und unvoreingenommen hätte ich es als gelungenes, gelegentlich zu ausschweifiges, sicher überzeichnetes Bild der US-Mittelschicht vom Ende des 20. Jahrhunderts eingestuft. Er selbst nennt es die "morally stupid censorious community" (S. 311).
Kunstvoll an Human Stain ist seine Konstruktion, die es Roth erlaubt, viele Themen hineinzupacken. Beeindruckend ist der Stil, der zwar wortgewaltig, abwechslungsreich und elegant ist, sich aber sehr gut lesen läßt.
Ein Thema ist die Versessenheit der US Amerikaner auf political correctness. Roth schildert sie auf mehreren Ebenen. Zum einen spricht er ausführlich die Affäre Bill Clintons mit Monica Lewinsky an. Dazu kommt die "Spooks"-Affäre des Protagonisten Coleman. In dessen Seminar fehlen zwei Studenten seit sechs Wochen. Ohne zu wissen, daß es Afro-Amerikaner sind, frägt er: "Does anyone know these people? Do they exist or are they spooks?" (S. 6) (philip roth Übersetzungsvorschlag) Nun heißt "spooks" zwar Gespenster ("Spuk"), doch auch, herabsetzend, "Schwarze". In Über-Korrektheit wird Coleman angeschwärzt (!) und ohne Unterstützung seitens vermeintlicher Freunde zur Entscheidung gezwungen: er tritt zurück und geht in Frühpension. Zum dritten Mal wird das Thema virulent, als eine Kollegin Coleman Silk mit der Veröffentlichung seiner Affäre mit der bedeutend jüngeren Hausangestellten Faunia Farley des College droht. Erschwerend kommt hinzu, daß Faunia Analphabetin ist (ist sie es wirklich?). Anscheinend ist dies noch verwerflicher. Faunia, die »Tierische«, wird dadurch auf ihre Triebe reduziert. Sie ist die Monica Lewinsky am College. Roth gelingt es die PC-Frage noch öfters zu stellen, so wenn die Professorin Delphine Roux eine Partnersuchanzeige versehentlich als Email an eine College-Mailingliste sendet. Ihre Welt bricht zusammen.
Die Hauptperson des Romans ist jener, inzwischen 71-jährige Coleman Silk, seinerzeit Professor für Latein und Griechisch am College in Athena (!). Er bringt ein weiteres Thema zur grotesken Spitze. Aufgrund seines hellen Aussehens geht er glatt als Weißer durch, obwohl er aus einer afro-amerikanischen (ha, wie pc bin ich hier!) Familie stammt. Coleman gibt sich gerne als Weißer aus, so bei der Armee; doch baut er seine weiße Existenz (für die er sogar radikal mit seiner Mutter jegliche Beziehung abbricht) als Jude auf. Auch gegen jene haben viele Vorurteile: "he [Coleman] made the place competitive, which as an early enemy noted, »is what Jews do«" ( S. 9). Nicht nur Coleman verschleiert seine Herkunft und Identität. Faunia Fairley gibt sich als unverschuldet in schlechte soziale Verhältnisse geratene Person aus. Später liest man von andrerer Seite, beispielsweise ihrem aggressiven Gatten Lester, anderes. Der Leser wird geschickt im Zweifel gelassen. Auch Faunias Analphabetismus ist verlogen; da sie es bis in die Highschool schaffte, war er mir sogleich verdächtig.
Dabei betont Roth in vielen Fällen die äußere Ähnlichkeit zwischen den Generationen (Faunia mit ihrem Vater; S.299. Lisa mit ihrem Vater Coleman; S.305): keiner kann sich verstecken oder die Herkunft verleugnen.
Eine (es gäbe noch zahlreiche) Thematik muß noch beleuchtet werden. Lester und andere sind Vietnam-Veteranen. Nun kann ich die große emotionale Emphatik dieser Ex-Krieger an und vor der Gedächtnismauer für die Opfer des Vietnamkrieges kaum beurteilen. Lester Fairleys Abscheu vor Schlitzäugigen (Vorurteilsthematik) überträgt sich auf paranoiden Ekel vor den Kellnern in einem China-Restaurant. Warum geht Les dann mit seinen Freunden in das Lokal? Roth begründet es damit, daß sie sich damit auf den Besuche der Mauer, einem Vietnam-Kriegsmemorial, vorbereiten. Schon dieser Widerstand der Ex-Krieger vorm Besuch der Heldengedenkstätte ist wenig einsichtig, ist es doch ein symbolisches Treffen mit den gefallenen Kriegskameraden. Die gesamte Schlitzaugen-Phobien scheint mir Roth übertrieben zu haben; aber: ich war nie in Vietnam.
Das gibt Anlaß zu weiterer Stilkritik, die vielleicht zu sehr aus der europäischen Brille ist. Die Personen in The Human Stain geben sich oft zu pathetisch, so wenn Coleman seinem Sohn Jeff telefonisch mitteilt, daß seine Affäre mit Faunia vorbei ist (S. 171-72) und eigentlich schon vorher, wo Coleman – ohne Verteidungschance, nur aufgrund von Gerüchten – von seinen Kinder nicht mehr angehört wird.
Mir gingen die zahllosen Sexszenen und ihre ständige Wiedererwähnung (wie oft wurde dem Leser gesagt, daß Faunias Kinder erstickten, weil sie gerade im Auto ihren Geliebten bediente?) auf den Lesenerv. Das wird so zur modischen Farce des zeitgenössischen Romans.
Das Thema des Professors mit der jüngeren Studentin ist zu abgedroschen. Vergleiche, wie mir spontan einfällt: roth J. M. Coetzee: Disgrace, roth Zeruya Shalev: Liebesleben. Hier ist es zwar eine Putzfrau, das genügt aber nicht als Variation zur Wiederbelebung des Motivs.
Als Erzählerfigur hat Roth (wie ich las, auch schon in anderen Romanen) den Schriftsteller Nathan Zuckermann eingeführt, der oft aus der Ich-Perspektive schreibt. Geschickt wechselt Roth aber die Perspektive, denn er will dem Leser Charaktere und Sachverhalte aus verschiedenen Blickwinkel zeigen. Langweilig war für mich das häufige und lange Räsonieren. In der New York Times Book Review schrieb Judith Shulevitz am 23.9.2001: "at times it almost reads like op-ed (opinion/editorial) commentary". Abstossend waren für mich die endlosen Frageketten. Diese sind ja noch motiviert, wenn sie der Ich-Erzähler sich selbst im stillen Überlegen stellt, obwohl auch dann ein Autor sich mäßigen sollte; für mich unausstehlich (zumindest in dieser Häufung) sind sie aber, wenn der auktoriale Erzähler Frage auf Frage folgen läßt. Vom Autor erwarte ich Antworten oder Schilderung von Sachverhalten, Gedankenströmen usw., die den Leser selbst zum Fragen anregen (wie es unüberbietbar Ernest Hemingway in seine Short Stories vormachte).
Beispiele für Fragenkataloge: der zweite Absatz auf Seite 206 besteht nur aus Fragen; 14 Fragen hintereinander (S. 208); 17 Fragen, immerhin vom Ich-Erzähler, was sie ein etwas rechtfertigt (S. 333-34).
Ein Handlungsstrang blieb für mich völlig offen. Die Professorin Delphine Roux verrannte sich nach ihrer Email-Katastrophe, ausgerechnet am Vorabend von Colemans Tod, in eine hanebücherne Einbruchsstory. Wurde ihr diese abgekauft oder wie entkam sie ihrem Email-Malheur? Diese eine Frage hat Roth zuwenig gestellt. Auf viele anderen hätte er verzichten können.
Hervorragend geschriebener Zeitroman mit lästigen Längen. Manches was ich bemängelte, was mich beim Lesen störte, ist vielleicht für den US Bürger durchaus spannend und nachvollziehbar.
Lexikalische Bedeutung von "spook" und Übersetzungsvorschlag
spook informal
1. a ghost or a person suggestive of this
2. US and Canadian a spy
Übersetzungsvorschlag zum wichtigen Fragesatz Colemans "Do they exist or are they spooks?":
"Gibt es sie oder sind es nur schwarze Löcher?"
Ganz so wild kann es mit "spook" nicht sein: ein Afro-Amerikaner baute es in den Titel seines Romans ein: Sam Greenlee: The Spook Who Sat by the Door, philip roth Rezension.
Literaturnachweis
"fled away," as Keats wrote, "into the storm." (S. 212)
Fürwahr, John Keats schrieb in seinem langen Gedicht "The Eve of St. Agnes"
“And they are gone: ay, ages long ago
These lovers fled away into the storm.”
Siehe: rothPoets' Corner - John Keats - The Eve of St. Agnes und rothJohn Keats: The Eve of St. Agnes
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Musik in The Human Stain  
S. 14 Benny Goodman; Vaughn Monroe;
"You sigh, the song begins. You speak, and I hear violins"; Beginn von "It's magic"
Doris Day: "It's Magic" (Jule Styne, Sammy Cahn). Aus dem Film: Romance On The High Seas, 1948
S. 15 Jimmy Dorsey Orchestra, Helen O'Connell & Bob Eberle (voc): "Green Eyes" ["Aquellos Ojos Verdes" (Alolpho Utrera & Nilo Menendez)]; englischer Text: E. Rivera & E. Woods
Dick Haymes "Those Little White Lies" (Walter Donaldson), 1948
Tommy Dorsey Orchestra, Frank Sinatra "Everything Happens to Me" 7.2.1941
S. 24 Frank Sinatra "Bewitched, Bothered, and Bewildered" (Rodgers, Hart); Erstaufnahme (zahlreiche weitere folgen)
13.08.1957 Studioaufnahme für Capitol (CD "Sings Rogers & Hart"); arr. Nelson Riddle
S. 115 Symphony Sid, = Sid Torin, ein berühmter DJ der 40er Jahre aus New York City mit einer beliebten Freitagnacht-Show. Es gibt einen Song über ihn: "The New Symphony Sid", der mit "close to eighty on the dot" (oder "on the dial") auf die Position des Radios verweist, wo seine Station WMCA zu finden war.
Count Basie "Lady Be Good" (George Gershwin & Ira Gershwin), Live-Aufnahme. Es gibt zahlreiche Basie-Aufnahmen des Gershwin-Klassikers, die in The Human Stain sollte eine Combo-Version und aus den 40-er sein.
Roy Eldrigde "The Man I Love" (George Gershwin & Ira Gershwin) evtl. Roy Eldridge in Paris, 1950 oder auch eine frühere Aufnahme von 1943-44 mit Ben Webster
S. 206 Sergei Rachmaninow "Symphonische Tänze"
S. 207 Nikolai Rimski-Korsakow, hat mehrere Märchenopern und Suiten geschrieben; das hier erwähnte Stück ist daher nicht identifizierbar
S. 208 Sergei Prokofjew "2. Klavierkonzert"
S. 312 Gustav Mahler: 5. Satz aus 3. Sinfonie; Lustig im Tempo und keck im Ausdruck mit Alt-Solo, Frauen- und Knabenchor "Es sungen drei Engel einen süßen Gesang"
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Literatur    
Neelakantan, G. (2007): "Secrecy and Self-Invention: Philip Roth’s Postmodern Identity in "The Human Stain"". The International Fiction Review 34, S. 27-39.
Parrish, Timothy L. (2004): "Ralph Ellison: The Invisible Man in Philip Roth's The Human Stain". Contemporary Literature 45.3, S. 421-59.
Royal, Derek Parker (2006): "Plotting the Frames of Subjectivity: Identity, Death, and Narrative in Philip Roth's The Human Stain". Contemporary Literature 47.1, S. 114-40.
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Philip Roth: Der menschliche Makel. München: Hanser, 2002. Gebunden, 398 Seiten. Dirk van Gunsteren, Übs. Philip Roth
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