| Herman
Melville: Bartleby, the Scrivener. A Story of Wall-street Aus: The Piazza Tales – |
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| Der
Ich-Erzähler, ein New Yorker Notar, der sich selbst als Master of
Chancery (Kanzleigericht) bezeichnet (und dessen Namen der Leser nicht
erfährt) brüstet sich mit seiner Wichtigkeit in der New Yorker
Gesellschaft. Sein Stolz spricht aus seiner Berufung: "The late John
Jacob Astor, a personage little given to poetic enthusiasm, had no
hesitation in pronouncing my first grand point to be prudence, my next,
method" (S. 2403; Seitenzitierung).
Der Notar bezieht sich wohl auf Der Notar findet seine Neuerwerbung so ruhig und gelassen, daß er auf guten Einfluß auf seine anderen drei Büroangestellten hofft (S. 2407). Er wird sich wundern! Bartleby ist (im Gegensatz zu den skurrilen Dickens-ähnlichen Figuren Nippers und Turkey) fleißig und ein perfekter Kopierer (das ist sein Job). Neben der sich wiederholenden Kopierarbeit ist die Anwesenheit des Gesetzes wesentlich. Dem Gesetz hat man üblicher weise zu folgen, sich ihm zu beugen. In der Kanzlei werden Dokumente kopiert, die vor Gericht und Ämtern benötigt werden. Die über unsere Dickens-Figuren hinausgehende Unordnung bricht in das Büroleben ein, als Bartleby zusammen mit dem Chef Korrekturlesen soll. Er weigert sich schlicht mit "I would prefer not to" (
Sein Arbeitsplatz ist trostlos. Die Ausblicke aus dem Büro beschreibt der Ich-Erzähler so:
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| Einen Vorabblick auf die "brick
wall" gibt es hier. |
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Nun ist
Bartleby nicht nur eine Erzählung über den Titel-Anti-Helden, sondern
auch eine über den Erzähler selbst. Kaum merklich ändert er sich unter
dem Einfluß Bartlebys. Zu Beginn schätzt er sich selbst als
herausragend sicher ein ("eminently safe man", S.
2403), im Laufe des Geschehens zeigt er aber Unsicherheit. Er ist nicht
der harte Arbeitgeber, der seine Interessen gegenüber Bartleby mit
Polizeigewalt durchsetzt. Im Gegenteil: er weicht stattdessen mit
seiner Kanzlei aus. Das harte Vorgehen praktizieren erst seine
Nachfolger. Der Erzähler zeigt Verständnis, auch wenn er Bartleby
letztlich nicht versteht. Er duldet zunächst die Verweigerungshaltung.
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| John
Jacob Astor * 1763 Waldorf, Deutschland, wanderte mit 21 Jahren in die USA aus. Ohne Geld kam er in Baltimore an und eröffnete 1786 einen kleinen Pelzladen in New York City. Schon bald war er im China Handel recht erfolgreich und erwarb sich durch Pelzhandel und Grundstücksgeschäfte eines der größten Vermögen der USA; bei seinem Tode 1848 war er der reichste Mann der USA. Mit einem Teil seines Geldes stiftete er die Astorbibliothek in New York (seit 1895 New York Public Library). Sein Astor Haus war der Vorgänger des Astor Hotels und der Waldorf-Astoria Hotelkette. |
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| Interpretation Bartleby entzieht sich eindeutiger und einfacher Interpretation. Die Gründe für Bartlebys Weigerung nennt weder er noch der Notar, noch der Autor. Die Unabhängigkeit von der Autorität braucht keine Begründung. Bartleby behält seine Handlungsfreiheit um jeden Preis. Er verweigert sich zunächst dem Korrekturlesen, dann weiteren Aufgaben; er verweigert "normale" Sozialisation. Stattdessen ernährt er sich einseitig, hat keine eigene Wohnung. Sein Master of Chancery bietet ihm andere Jobs an. Auch diese lehnt Bartleby ab. Er weigert sich seinen eigenen Job aufzugeben: er bleibt und die Anwaltskanzlei zieht aus. Es gipfelt in der Verweigerung der Nahrungsaufnahme, was schließlich zur Lebensverweigerung und zum Tod führt. Bartleby scheint nicht von dieser Welt zu sein. Es sind manch wörtliche Bartleby ist auch der erste in der Weltliteratur, der sich der modernen Angestelltenfabrik verweigert; der erste Nonkonformist der Industrialisierung. In der Erstausgabe 1856 hatte die Geschichte den Untertitel "A Story of Wall-street". Melville läßt Bartlebys "prefer not to" auf die anderen Angestellten abfärben. Zuerst verwendet sogar der Notar selbst "prefer" gegenüber Nippers: "“I’d prefer that you would withdraw for the present.” Somehow, of late I had got into the way of involuntarily using this word “prefer” upon all sorts of not exactly suitable occasions" (S. 2416). Doch gleich anschließned ergibt sich der folgende witzige Dialog.
Man kann auch Belege dafür finden, daß Bartleby nicht ganz bei Sinnen, ja geisteskrank ist. Belegstellen können sein: "I can see that figure now—pallidly neat, pitiably respectable, incurably forlorn!" (S. 2407), "his morbid moodiness" (S. 2414), "a certain hopelessness of remedying excessive and organic ill" (S. 2414), "pallid hopelessness" (S. 2427), "dead-wall reveries" (S. 2414). Er ist gesellschaftlich von Anbeginn völlig isoliert. Allerdings ist fraglich, ob Bartleby schon vor seiner Einstellung krank ist (wenn er es ist) oder es erst mit der geisttötenden Arbeit wird. Der Notar meint gar, es wäre angeboren: "What I saw that morning persuaded me that the scrivener was the victim of innate and incurable disorder" (S. 2415). Ginger Nut hält ihn ebenfalls für verrückt: "I think, sir, he's a little luny" (S. 2410). Dabei ist im Original das Wortspiel Nut's mit "to go nuts" = "überschnappen" und "not for nuts" = "überhaupt nicht" auffällig. Ein wichtiger Interpretationsaspekt ist die (offensichtliche) Lebensunwilligkeit Bartlebys. Alle angebotenen Chancen schlägt er aus. Dafür liefert weder er noch der Erzähler eine einleuchtende Begründung. Sieht Bartleby keinen Sinn im Leben? Trotzdem hat der Erzähler Verständnis für den Protestler, ein Verständnis, das der Leser nicht immer nachvollziehen kann. Eine weitere Sichtweise auf Melvilles Bartleby stellt "To eat or not eat" in den Mittelpunkt. Liest man die Erzählung daraufhin, wird man verblüfft sein, wieviel mit Essen, Trinken und Verdauung zu tun hat. Die Angestellten der Kanzlei verzehren nicht nur, sie sind Nahrung, wie ihre Namen sagen: Turkey, Nippers ("to take a nip" ein Schlückchen nehmen) und Ginger Nut (Ingwer, Nuß; Pfeffernuß). Man hat den Namen "Bartleby", schnell gesprochen, mit "bottle baby" assoziiert. Am Ende taucht im Gefängnis noch Mr. Cutlets, also die Rippenstücke oder unsere Koteletts auf. Nippers leidet an schwerer Verdauung. Er und Turkey teilen sich ihre Arbeitsperioden in Vormittag und Nachmittag ein. Nippers futtert Pfeffernüsse, Kuchen und Äpfel.. Die Natur selbst scheint von Geburt an sein Weinhändler zu sein "nature herself seemed to have been his vintner, and at his birth charged him so thoroughly with an irritable, brandy-like disposition, that all subsequent potations were needless" (S. 2406). Die beiden Schreiberlinge befeuchten ihre Münder gerne mit Spitzenbergs, einer rot-gelben New Yorker Apfelsorte (S. 2407). Gut herausgearbeitet ist dieser Aspekt in Robert N. Mollinger: "Herman Melville's "Bartleby the Scrivener: A Story of Wall Street" in der Ein weiterer Fokus ist auf "humanity", was sowohl Menschsein, Menschheit als auch Humanität bedeuten kann. Bartley schließt sich weder seinen Kollegen noch dem Notar an; aber auch niemand ausserhalb des Büros. Er verweigert sein Teilnahme am Menschsein, an der Menschheit. Das erinnert sofort an die Jesus-Interpretation, der ja auch nicht von dieser Welt war, geboren als Mensch aber auf unmenschliche Weise. Der Notar befindet über Bartleby, daß nichts gewöhnlich Menschliches an ihm sei: "had there been any thing ordinarily human about him, doubtless I should have violently dismissed him from the premises" (S. 2408). So können die letzten Worte der Erzählung "Ah Bartleby! Ah humanity!" (S. 2427) als Gegensatzpaar gesehen werden. Es könnte aber sein, daß – wieder analog zu Jesus – Bartleby mit seinem Verhalten den echten Weg in die Menschlichkeit zeigen will. Dann wären die Abschlußworte eine Gleichsetzung. Weitere Interpretationsansätze in der Moderner Bezug Ich meine die Erzählung Bartleby, the Scrivener hat mit Bürokratieverweigerung, Absage an die Wohlstandsgesellschaft und existenzielle Lebensabneigung zu tun. Sie hat etwas zum Verhältnis des Individuums zum modernen Überwachungsstaat zu sagen: die Ablehnung des "gläsernen Bürgers" benötigt keine Rechtfertigung. Es gibt ein Recht auf eine Sphäre ohne Eingriff des Arbeitsgebers oder des Staates. Bartleby gibt ein frühes Beispiel für passiven Widerstand im Sinne Mahatma Gandhis. Dessen Taktik gegenüber den Briten beruhte auf »Asahayoga« (»Nichtbeteiligung«, »Non-Cooperation«). Bartleby spricht, wenn überhaupt, nur nach Aufforderung (S. 2414). Und wenn er antwortet, so kurz mit "No" oder "I would prefer not to". Dabei ist nichts so aufreizend und provozierend wie passiver Widerstand: "Nothing so aggravates an earnest person as a passive resistance" (S. 2410). Der Notar fühlt sich dadurch "disarmed" und sogar kastriert: "Indeed, it was his wonderful mildness chiefly, which not only disarmed me, but unmanned me, as it were. For I consider that one, for the time, is in a way unmanned when he tranquilly permits his hired clerk to dictate to him, and order him away from his own premises" (S. 2413). Die Absage an die Wohlstandsgesellschaft betrifft das Dogma, man muß soviel arbeiten, damit man sich alles, was die Werbung suggeriert, leisten kann. Man muß angebotene Chancen wahrnehmen. Wer es heutzutage nicht macht und trotz Befähigung auf etwas bewußt verzichtet (aus welchen Gründen auch immer: Familie, Lust an Freizeit, Genügsamkeit, ...) wird schief angeschaut. So auch Bartleby. Eine knappe, wenn auch arg verkürzte Zusammenfassung ist Unbedingt lesen. Bartleby war die erste Arbeit, die Melville publizieren konnte: Sie erschien 1853 in der November und Dezember Ausgabe von Putnam's Monthly Magazine und später im Sammelband The Piazza Tales. |
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| Seitenzitierung
nach The Heath Anthology of American Literature. Volume One.
Boston 1998.
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| Bibel "For a few moments I was turned into a pillar of salt." "Und sein Weib sah hinter sich, und ward zur Salzsäule."1 Moses 19,26 Lots Weib gehorcht nicht ("und sieh nicht hinter dich" 1 Moses 19,17) [ Nach Eva im Paradies die zweite literarische Manifestation der sprichwörtlichen weiblichen Neugierde] und erstarrt zur Salzsäule. Bei "Bartleby" ist es umgekehrt der Auftraggeber. |
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| "But he
answered not a word; like the last column of some ruined temple, he
remained standing mute and solitary in the middle of the otherwise
deserted room." Und Jesus ging hinweg von dem Tempel, und seine Jünger traten zu ihm, daß sie ihm zeigten des Tempels Gebäude. Jesus aber spach zu ihnen: Sehet ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht zerbrochen werde." Mt 24,1-2 |
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| "...
when I remembered that this was an election day." Hinweis auf das Jüngste Gericht, wo es bei Matthäus 25,31-42, u.a. heißt: "Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt." |
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| "How? Why,
simply by recalling the divine injunction: »A new commandment give I
unto you, that ye love one another.«" "Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr euch untereinander liebet, wie ich euch geliebt habe." Joh 13,34 |
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| Der
Ich-Erzähler verleugnet seine Bekanntschaft mit Bartleby: "... but,
really, the man you allude to is nothing to me". "Er leugnete aber und sprach: Ich kenne ihn nicht" Mk 14,68 |
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| Der Ich
Erzähler trifft Bartleby im Gefängnis, die Augen von Mördern und Dieben
auf jenen gerichtet. "Und sie kreuzigten mit ihm zwei Mörder, eine zu seiner Rechten und einen zur Linken." Mk 15,27 |
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| Ganz
am Ende des Hauptteils noch ein wörtliches Bibelzitat: "With kings and counsellors," murmured I. – "mit den Königen und Ratsherren", Hiob 3,14 |
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| Eine
mögliche Zusamenfassung: Wer nichts mit sich machen läßt hat schon viel aus sich gemacht Epigramm von Siegfried Mrotzek, aus: Kleinholz. Epigramme. Fischerhude 1979. |
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| Zeitstruktur In der Diskussion über Bartleby, the Scrivener kam es zu unterschiedlichen Auffassungen über die zeitliche Struktur der Erzählung und der zeitlichen Folge der verschiedenen Verweigerungsstufen des protagonisten. Bartleby verweigert ja nicht sogleich alles, sondern zeitlich und umfangmäßig gestaffelt. Man sehe meine |
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| Bartleby
in der Werbung Was Ihnen Bartleby der Schreiber über Bernd den Verkäufer beibringen kann. Kennen Sie Herman Melvilles 1853 erschienene Geschichte über Bartleby, den Büroschreiber einer New Yorker Anwaltskanzlei? Eines Tages weigerte er sich einfach zu tun, was ihm gesagt wurde. “Ich möchte das lieber nicht tun”, war seine Antwort – und dabei blieb er, egal was kam. Womit er seinen Chef brüskierte, seine Kollegen befremdete und schließlich dem Geschäft schadete. Die Moral der Geschichte: Wenn der Faktor Mensch nicht mitspielt, gibt es keinen Erfolg. Die schönste Geschäftsphilosophie und ausgefeilte neue Prozesse bewirken gar nichts, wenn Sie Bernd im Vertrieb, Doris in der Buchhaltung und alle anderen nicht ins gemeinsame Boot bekommen. Beim on demand Business geht es um neues Denken. ... Anzeige von IBM Deutschland in der SZ, 18.3.2004, S. 5 |
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