| Paula
Fox: Desperate Characters [Was am Ende bleibt]. London: Harper, 2003. Introduction by Jonathan Franzen. 156 Seiten |
| Gleich vorweg: ein unaufgeregtes Buch,
das ich sicher mehrmals lesen werde. Gleich der erste Absatz wirft den Leser in die ordentliche Wohnung des ordentlichen, weißen, protestantischen, reichen US-Paares Otto und Sophie Bentwood (welch antiquierten Namen für US-Verhältnisse um 1970). Erst später merkte ich freilich, daß sich schon in dieser Szene das Unheil ankündigt. In den gediegene Wohnraum (Buchregal mit dem kompletten Goethe und zwei Reihen französischer Dichter) in New York, Brooklyn Heights fällt das fluoreszierende Licht der Küchenlampe. Doch es wird gleich deutlicher: Sophie wird von einer streunenden Katze, der sie Essen geben will, gebissen. Die nachfolgende Angst davor, daß die Katze tollwütig sei, durchzieht den Roman. Der nächste Einschnitt wird diskutiert: Charlie, der langjährige Partner in Ottos Anwaltskanzlei trennt sich von ihm. Zu Beginn des 2. Kapitels schraubt Paula Fox den Zugriff des Bösen eine Ebene höher in die Wohngegend der Bentwoods. Hinter dem Wohnhaus gibt es betrunkene Neger, schreiende Babies, verschmutzte Rinnsteine. Dagegen nach vorne: "What the owners of the street lusted after was recognition of their superior comprehension of what counted in this world, and their strategy for getting it combined restraint and indirection" (S. 12). Und in Kapitel drei schließlich geht es auf Landesebene, wenn Sophie fragt: "Don't you know you can't get a doctor any more? Don't you know this country is falling apart?" Nicht nur, daß das Land bedroht ist und auseinanderfällt, es gibt auch keinen Doktor, kein Mittel dagegen. Ich fragte mich: holen ziehen die USA mit Afrika gleich: Das Grandiose an dem kurzen Roman ist die Dichte; Paula Fox beherzigt die Schreibregel: "Zeige, sag' es nicht!"; selbst die Zeichen liegen nicht alle so brutal zutage wie der Vandalimus in der Ferienwohnung der Bentwoods. Dafür war ja schon die geschilderte allererste Szene des Romans typisch. Der Kampf der WASP US Amerikaner gegen den Zugriff des Bösen ist höchst aktuell. Nicht nur deshalb ist Desperate Characters unbedingt zu lesen. Die Einleitung von Jonathan Franzen ist als Ausleitung (nach der Lektüre!) hilfreich. Voll des Lobes aber auch mit subtantiellen Hinweisen. |