Richard Powers: The Time of Our
Singing London: Vintage, 2004. Broschiert,
631 Seiten. [Deutsch: Der Klang der Zeit] Links
Literatur
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Richard Powers The Time of Our
Singing ist ein weiterer Versuch, mit der Geschichte einer Familie (im
weiten Sinne) eine Geschichte der US-amerikanischen Gesellschaft zu zeichen und
das Leben eines Afro-Amerikaners aus dessen Sicht, aber aus weißer Feder,
zu beschreiben (weitere mir bekannte Romane
dieser Thematik siehe unter: Vergleichsliteratur).
Powers zeigt an der Familie der Stroms (Vater: der deutsch-jüdische
Emigrant und Physiker David Strom, dessen Familie in Deutschland ausgerottet
wurde; Mutter: die Afroamerikanerin Delia Daley) den Versuch die
Rassenschranken zu überwinden. Dabei ist bemerkenswert:
- David Strom findet, dass es den Rassismus nicht gibt,
trotzdem er aus dem rassistischen Deutschland floh. Ignoriert er den Rassismus
oder sieht er ihn wirklich nicht oder will ihn nicht sehen?
- Die Familie Daley fasst Delias Verbindung mit einem
Weißen als Affront auf.
- Sie treffen sich bei einem Konzert von Marian Anderson, einer afro-amerikanische
Sängerin, die hart von den Rassenvorurteilen der USA getroffen wurde.
- Sie kommen sich näher über die europäische
E-Musik. Das ist bei David europäischer Herkunft; er findet unter
den besten Physiker sein Einkommen, die teilweise gute Hobbymusiker waren
einleuchtend; bei Delia allerdings ist zu berücksichtigen,
daß die Afroamerikaner oft einen Hang zur europäischen
Musiktradition haben. Diese Neigung wäre eine Abhandlung für sich
wert: ich kann dem Drang vieler afroamerikanischer Jazzmusiker und Popmusiker
mit Geigen zu spielen nichts abgewinnen. Bei Charlie Parker with Strings (Verve
1947-48) um nur einen der nicht geglückten Versuche zu nennen
blende ich die Geigen gedanklich aus. Meine Vermutung: die Musiker
meinen, erst wenn sie mit Geigen oder in Begleitung eines Symphonieorchesters
spielen, sind sie in der "Kultur" angekommen.
Das Vorhaben von David und Delia (und damit wohl
stellvertretend der große Traum von der freien und liberalen
amerikanischen Gesellschaft) scheitert. Delia stirbt in den Flammen eines
Hauses, die Tochter Ruth vermutet Brandstiftung und bringt es auf den Punkt:
"Her crime was worse than being black. Destroying the barriers, marrying: the
worst any two people can do" (S. 300). Von den drei Kindern wenden sich
Jonah (Gesang) und Joseph »Joey« (Klavier) der Klassischen Musik
zu. Der Ich-Erzähler Joey bleibt nicht bei dieser Musikrichtung,
übernimmt in Atlantic City einen Job als Barpianist. Ruth, die
jüngste Strom, geht sofort eigene Wege, zurück zur schwarzen Wurzel.
Durch sie gerät Joey vollends in Zweifel. Kann man "weiße" Musik
spielen, während Schwarze von Weißen zu Tode gehetzt werden? Ruth
frägt ihren Bruder Joey: "How can you play that jewelried shit while your
own people can't even get a job, let alone protection under the law?" (S.
373). Richard Powers ist Garant für einen vielschichtigen Roman. So
arbeitet David Strom an der Entwicklung der Atombombe mit und wirft damit
weitere moralische Fragen auf. Das Vorhaben Powers gelingt bedingt. Dem
Leser werden die Schwierigkeiten eines normalen Lebens ohne Rassenvorurteile
klarer. Die mir bekannten Geschichten um Ausgrenzung und Benachteiligung der
Afroamerikaner wurden zahlreich und glaubwürdig ergänzt.
Joey
ist zwar der Ich-Erzähler, doch oft übernimmt fast unmerklich ein
Erzähler das Heft.
Powers brilliert stilistisch, beispielsweise
mit aufregenden Vergleichen: "The streets sparkled with smashed shop windows, a
carpet of fake diamonds" (S. 322). Manchmal übertreibt er dabei: "No one
in creation exudes more confidence" (S. 95). Die "city" oder "state"
hätten es auch getan, um es ganz stark zu machen auch "earth"; nein,
Powers greift noch weiter aus. Oder:
| "She forbids speech while the music
plays, and for some minutes afterward" (S. 245). |
Ok, Richie, man kann bei manchen
Musikstücken ergriffen sein. Aber minutenlanges Schweigen, nachdem man
eine Schallplatte angehört hat? Oder: Jonah frägt, woher die Beatles
eine musikalische Idee haben: "Where do you think they got that idea? Ligeti?
Penderecki?" (S. 379). Ohne jetzt das beschwören zu können: auch hier
übertreibt Richie. Die Beatles kupferten von Chuck Berry und Little
Richard. Ich bezweifle, daß die Vier Mitte der 60-er György Ligeti oder Krzysztof Penderecki überhaupt kannten.
Bei
aller Virtuosität fehlen mir aber die Beschreibungen, z.B. von Stimmungen,
Natur- oder Stadtszenen (Ausnahme: Autos bei Schneefall, S. 129). Powers setzt
auf kurze Dialoge mit eingestreuten Handlungen, Überlegungen und
Ausformungen eines Gedanken.
Von diesen oft mehr beiläufig
eingestreuten Ideen lebt das Romangeflecht. Beispiel:
| "Time may turn out to be quantized, as
discontinuous as the notes in a melody. It may be passed back and forth,
carried along by subatomic chronons as discreet as the fabric of matter." (S.
42) |
Powers verlangt vom Leser viel. Man hat ihm
vorgeworfen, er demonstriere Gelehrsamkeit. Das rührt daher, daß
Powers Gedanken oft um die Ecke gedacht sind. Der Leser muß es
nachvollziehen können. Beispiel:
| [Jonah:] "We've got a secret." ... I
looked, yet couldn't believe. "This secret of yours. Does it sound like
Mendelssohn?" "in some countries." (S. 542) |
Lösung: Jonah will heiraten. Ecke:
Hochzeitsmarsch aus Felix
Mendelssohn-Bartholdys Bühnenmusik zu Shakespeares
"Sommernachtstraum".
Viel verlangt Powers auf den Gebieten der Musik, der
Physik (Zeit, Relativitätstheorie) und Philosophie gute Kenntnisse.
[David:] "I've known a few Polacks in
my day. I almost married one." [Jonah:] "I could have been a Polack?"
[David:] "A near Polack. A counterfactual Polack." [Jonah:] "A Polack in
one of many alternate universities?" (S. 7) |
Solch beiläufige Bemerkungen setzen eine
Menge Hintergrundwissen voraus. |
| Familie |
Trotz Musik und Zeit ist The Time of
Our Singing ein Familienroman. Mit den Eltern strömen wichtige Zweige
der US-Bevölkerung zusammen: Flüchtling aus dem zu engen, verbohrten
Europa und Zwangsimport aus Afrika. Deliah und David stellen mit der
Klassischen Musik eine gemeinsame Innerlichkeit für die Familie Strom her.
Powers ruft damit die Kultur des Bildungsbürgertums in Erinnerung ( Links). |
| Philosophische Themen |
Jeder gute Roman ist auch ein
philosophischer, da die letzten Fragen der praktischen Philosophie (Liebe, Tod,
Glück) immer auch in der Literatur behandelt werden. Im vorliegenden
Powers-Roman sind auch weitergehende ethische Probleme vorherrschend:
Rassismus; die Beteiligung am Atombombenprojekt. Dazu kommen philosophische
Themen wie Ästhetik und Zeit.
Zeit ist neben Familie, Musik und Rassismus ein Hauptthema. Im Originaltitel
The Time of Our Singing ist "time" Subjekt. Nicht nur dadurch ist der
deutsche Titel nicht angemessen. Der Klang der Zeit reduziert den Roman
auf seinen historischen und musikalischen Aspekt. David Strom behandelt
Zeitprobleme beruflich als Physiker und privat als Hobby-Naturphilosoph. Wer
sich mit verschiedenen Zeitszenarien beschäftigen will, der lese Alan
Lightman: Einstein's Dreams (siehe
Vergleichsliteratur). Zeit wird auch als Strukturmittel
eingesetzt. Powers zieht zeitliche Fäden, die er an verschiedenen Stellen
ineinander fließen läßt. Die zeitliche Verschachtelung ist
eine modische Allüre, wird aber gekonnt als wichtiges Konstruktionsmittel
eingesetzt, so besonders bei Catch-22 ( Rezension), Underworld (siehe Vergleichsliteratur) oder
Mutmassungen über Jakob ( Rezension). Stil:
Manche Sätze überbrücken Jahre; oft dehnt Powers andrerseits
weinige Augenblicke über mehrere Seiten. Kurzum: auf vielfältige
Weise zeigt Powers die Relativität der Zeit und läßt auch
dadurch Albert Einstein anklingen. |
Insgesamt walzt Powers manche Intonation eines Chorals von Johann Sebastian
Bach und anderes zu weit aus. Der insgesamt gute Roman
wird dadurch zu lang und verpaßt das "sehr gut". |
| Links |
Richard Powers
mit zahlreichen Links |
| Rezensionen |
Reviews and Writings: The Time of Our Singing
reichhaltig: sehr empfehlenswert |
The
Atlantic Monthly: Thomas Mallon, January/February 2003: double review &
Nicholson Baker: A Box of Matches
BR,
Claudia Kuhland
The
Bulletin With Newsweek: James Bradley, 234.2003
Christian Science Monitor: Ron Charles, 23.1.2003
City
Pages: Greil Markus, 6.8.2003
The
Daily Telegraph: David Flusfeder, 16.3.2003
DLF:
Joachim Scholl
The
Economist, 1.-7.2.2003
Entertainment Weekly: Troy Patterson, 23.1.2003
Farrar, Straus and Giroux
FAZ:
Autor des Monats Oktober: Richard Powers
Frankfurter Rundschau: Ulrich Sonnenschein, 5.6.2004
The
Guardian: Peter Dempsey, 29.3.2003
January Magazine: David Abrams, 3/2003
The
Jewish Week: Brawarksy, Sandee, 14.2.2003
Journal Sentinel: Steve Weinberg, 25.1.2003
LA
Weekly, John Powers, 9.1.2003
Metro
Pulse: Jonathan B. Frey, 18.9.2003
The
New Criterion: Max Watman, 5/2003: The Interpreter, by Suki Kim;
Cosmopolis, by Don DeLillo; The Time of Our Singing, by Richard Powers; The
Commissariat of Enlightenment, by Ken Kalfus & The Hazards of Good
Breeding, by Jessica Shattuck
New
York Daily News: Sherryl Connelly, 26.1.2003
The
New Yorker: Sven Birkerts, 13.1.2003
New
York Magazine: John Homans 20.1.2003
New
York Times, Richard Eder, 3.1.2003
The
New York Times Book Review: Daniel Mendelsohn, 26.1.2003
The
New York Times Book Review: Shulevitz, Judith, 23.2.2003
On
Hifi: Wes Phillips, 1.5.2003
Perlentaucher
Politiken: Kim Skotte, 15.7.2003, dänisch
Powell's Books
St.
Louis Post-Dispatch, Dale Singer, 12.1.2003
Salon.com: Laura Miller, 22.1.2003
San
Francisco Chronicle: Brad Vice, 26.1.2003
San
Francsico Chronicle: Jon Carroll, 21.2.2003
Santa
Cruz Sentinel: Chris Watson, 9.2.2003
The
Sunday Telegraph: Bate, Jonathan, 9.3.2003).
Wdr,
Claudia Kuhland |
| Vergleichsliteratur |
Wichtige Afro-Amerikanische Autobiographien |
Don
DeLillo: Underworld
Jonathan
Franzen: Die Korrekturen
Alan
Lightman: Einstein's Dreams Afroamerikaner stehen im Mittelpunkt,
geschrieben von "Whities":
Harriet Beecher Stowe: Uncle
Tom's Cabin
William Styron: The
Confessions of Nat Turner
Philip
Roth: The Human Stain
|
Richard Powers reading from
The Time of Our Singing Audio,
oder hier Farrar, Straus, Giroux
Bildungsbürgertum
Rezension: Galatea 2.2
Zitate |
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