| David Guterson: East of the Mountains [Östlich der Berge]. London: Bloomsbury, 2000. 279 Seiten [1998] – |
| Mitte Oktober 1997 bricht Ben Givens,
ein pensionierter Herzchirurg aus Seattle, zu einem Jagdausflug auf. Da er an
Darmkrebs im Endstadium leidet und als Arzt genau weiß, dass es bald
zuende gehen wird, beschließt er in der Bergeinsamkeit sich selbst das
Leben zu nehmen. Mit seinen zwei Hunden Tristan und Rex zieht er los; da er
sich zu einem mehrtägigen Jagdsausflug verabschiedet, kann er sicher sein,
dass nicht zu früh nach ihm gesucht werden wird. Sein letzter Ausflug führt ihn in das mythische Pionieramerika mit freier Jagd, steppenartige Landschaften, in die Salbeiwüste am Columbia River ("sage") mit urigen Ranches und weite Plantagen. Nur ist es nicht der Mythos des weiten wilden Westens sondern des verheissungsvollen Ostens (siehe Ben wird als Arzt so eingeführt: "His assistants knew that when the heart was isolated-when everything human was erased from existence except that narrow antiseptic window through which another's heart could be manipulated-few were as adroit as Dr. Givens" (S. 3). Doch Givens Plan wird durch einen Verkehrsunfall zunächst vereitelt. Er muß sich durchschlagen und trifft verschiedene Personen, die ihm weiterhelfen. Er selbst gibt großzügig Geld, kümmert sich um einen kranken mexikanischen Wanderarbeiter und hilft bei einer kritischen Geburt. Anstelle von Ben werden Doris, die 15-jährige Mutter und die neugeborene Ellen Dolores weiterleben. Bens Bekanntschaften sind gewöhnliche Leute, die ihm zeigen, dass jeder Mensch wertvoll ist, seinen Platz hat und benötigt wird. Man gibt und es wird gegeben: einer der vielen biblischen Bezüge, siehe: |
| Entwicklung |
| Manche Kritiker warfen dem Roman vor, Ben durchlaufe keine Entwicklung. Dabei ist seine Entwicklung für mich offenbar. Er erkennt im Laufe seiner Begegnungen, dass der Selbstmord nicht die geeignete Massnahme ist (wenn dies auch nicht durch die Handlung motiviert ist) und widerruft seine lebenslange Neigung zur Flinte. |
| Stil |
| Der leise Ton des Autors verbreitet
eine eindringliche Stimmung. Die Landschaft wird genau geschildert, doch blieb
sie für mich merkwürdig unwirklich. Guterson entwirft einen fast
greifbaren atmosphärischen Hintergrund, von dem ich aber den Eindruck
hatte, er läuft auf einer Leinwand ab. Viele Kritiken bemerkten denn auch,
East of the Mountains sei schon als Filmskript geschrieben (das mag man
gutheissen oder nicht). Sehr gut kommt, mehr so nebenbei, der Slogan für
die USA "Wilderness at your doorstep" heraus. Siehe dazu
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| Metaphern und Themen |
| Flinte |
| Ben dringt versehentlich in den "Wolfhound Orchard" ein. Es kommt zum Konflikt mit dem Besitzer William Harden, einem Hundefanatiker; dieser nimmt Ben (dauerhaft) die Flinte ab und lässt ihn schwer verwundet das Weite suchen. Schon sein Vater hat viele Tiere mit dieser Flinte getötet, dann auch Ben, am Ende aber überlässt er sie Bill und erkennt den Fluch, der auf den Gewehren liegt. "That gun is cursed," Ben said, "All guns are cursed." ... "You go ahead and take it," said Ben. "I pass that gun on to you, Harden, and wash my hands of it" (S. 271-272). Der biblische Bezug: "Ich wasche meine Hände in Unschuld" (Ps 26,6). Pilatus, dem dieser Satz oft zugeschrieben wird. sagte es etwas anders: "Ich bin unschuldig am Blute dieses Gerechten" (Mt 27,24). |
| Der Osten im biblischen Mythos |
| Ex Oriente lux Der Osten dient in der Bibel als Metapher für die Wiederkunft Jesus'. Dabei steht in deutschen Bibelübersetzungen oft "Morgenland", in englischen "east". Im Osten liegt oft die Verheissung; Gottessucher ziehen nach Osten: "Da hob Jakob seine Füße auf, und ging in das Land, das gegen Morgen liegt" 1 Mose 29,1 "Then Jacob continued on his journey and came to the land of the eastern peoples" Gen 29,1 "Kinder des Morgenlandes" "sons of the east" Ez 25,10 "Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten" Mt 2,2 Englisch: "We saw his star in the east". In der Offenbarung stehen vier Engel an den vier Enden der Erde, die den Wind festhalten. Ihnen ist die Macht gegeben das Land und das Meer zu schädigen. Dann kommt ein anderer "Engel mit dem Siegel des lebendigen Gottes von Sonnenaufgang" und ruft den Vieren zu: "Schädigt nicht das Land und das Meer ...." Offb 7,1-3. Im Englischen: "Then I saw another angel coming up from the east". Zurück zu East of the Mountains Westlich der Berge ist das Licht getrübt durch die Wolken, die vom Ozean aufsteigen. Doch östlich der Berge lag die Landschaft Ben im Sonnenlicht zu Füssen (S. 34). |
| Östlich der Berge im Popsong |
| "East of the mountains and west of the sea My love lies weeping for me. Now I'm west of everything, out here on my own, Weeping for the only love I've known. Text und Gruppe: Kris Delmhorst |
"I left my baby east of the
Rockies North of the Rio Grande West of Missouri South of Dakota land." Bobby Darin (Sid Robin/Lou Singer) & Billy May (orch), Atlantic, August 1960 |
| Vergänglichkeit |
| Ein durchgehendes
Thema ist die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens(Ben ist Arzt). Schon
früh wird Ben durch seine Lehrerin darauf durch Gedichte hingewiesen (S.
80; alle Gedichte, siehe Percy Bysshe Shelley: "Ode to the West Wind". Darin thematisiert Shelley den Wind als Bewahrer und Zerstörer. Es endet mit der Zeile: "If Winter comes, can Spring be far behind?" Für Bens Situation ist es fraglich, ob dem "Winter" ein "Frühling" folgt. Guterson hat die Zeit für den Roman mit dem spätem Oktober klug gewählt. Und vor allem eines meiner Lieblingsgedichte vom selben Autor: "Ozymandias", das auch von der menschlichen Selbstüberhebung handelt. Das kann man in Hinblick auf Bens Vorhaben verschieden sehen: ist es selbst überheblich, wenn er die letzten schmerzvollen Tagen oder gar nur Stunden abschneiden will oder wenn er bis zuletzt am Leben klebt? |
| Landschaft als Heimat und Ort der Erinnerung |
| Die Landschaften beschreibt Guterson genau und führt sie als Hort der Erinnerung vor das Auge des Lesers. Dies wird auch durch die Gedichte seiner Jugend vorbereitet. So die beiden Housman Gedichte "Loveliest of Trees" und "Far in a western brookland" (S. 82) und Samuel Taylor Coleridge: "Frost at Midnight", Christopher Marlowe: "The Passionate Shepherd to His Love", Sir Walter Raleigh : "The Nymph's Reply To The Shepherd" (alle S. 80). |
| Hippie-Roman |
| Ben geht auf einen Einsamkeitstrip in die Berge. Mit Marihuana nebelt er sich in Erinnerungen. Es wurde mir nicht klar, warum Guterson Ben erst Hasch rauchen lassen muss. Die Erinnerungspassagen hätte er auch so einflechten können. |
| Hiob |
| Im Motel schlägt
Ben die Bibel auf und liest prompt einen Stelle, die genau auf ihn, der vom
schmerzhaften Darmkrebs geplagt wird, zugeschnitten ist (S. 207): "Days of affliction have taken hold upon me..." Jb 30,16-19 "Mich hat ergriffen die elende Zeit Des Nacht wird mein Gebein durchbohrt allenthalben, und die mich nagen, legen sich nicht schlafen. Mit großer Gewalt werde ich anders und anders gekleidet, und ich werde damit umgürtet wie mit meinem Rock. Man hat mich in den Kot getreten, und gleich geachtet dem Staub und der Asche" |
| Odyssee |
| Ben gleicht in manchem Odysseus. Er absolviert verschiedene Stationen und kehrt dann nach Hause zurück. Allerdings sind die aufgereihten Stationen mehr einem Kreuzweg ühnlich. |
| Kritik |
| Die Stationen in Bens Odyssee ziehen
etwas schematisch an ihm vorbei. Die Hilfsbereitschaft fast aller Menschen (Ausnahme: Bill Harden), die er trifft, ist beispielhaft. Das kann zutreffen: In einsamen Gebieten sind die Menschen dem anderen gegenüber aufgeschlossen. Irgendwie glaubt man es doch nicht ganz. Es kommt einen vor, als ob Ben an verschiedenen Stationen eines Kreuzwegs vorbeizieht:
Mit seiner Odyssee verliert Ben seinen Plan aus dem Auge. Er erkennt, dass er noch gebraucht wird (Geld an die jungen Begleiter; Diagnose und Krankenhauseinlieferung des Wanderarbeiters; Geburtshilfe). Doch das erscheint verlogen: man muß als Leser der Diagnose: Krebs im Endstadium trauen. Statt seinem selbstbestimmten Ende erwartet ihn Siechtum zuhause. Das Ende ist für einen todkranken 73-jährigen fast zu schön: er ruft seine Tochter an und sagt ihr, dass er zuhause ist. Er vollzieht, was ein Waldlerbauer als Extrawunsch aussprach (siehe
Ich pflichte der nachfolgenden Beurteilung zu: "Doch bei Guterson wirkt die sprachliche Kargheit gelegentlich unbeholfen und die Distanz des Erzählers maskenhaft. Nur eine dünne Linie trennt die Prosa der Meister vom verfilmbaren Einerlei. Guterson überschreitet sie allzu oft", Andreas Kilb: "Sanfte Magie", siehe |
| Nicht oder nicht ausreichend behandelte Themen |
| Warum die Jagdleidenschaft? Noch dazu als Arzt? und
offensichtlicher Tierliebhaber? Oder ist damit nicht so weit her? Jedenfalls
entging es mir, was mit den beiden Hunden Tristan und Rex nach Bens geplantem
Selbstmord in der Wildnis geschehen sollte. Sollten sie wie die beiden
Schächer bei seinem Tod zusehen und ihn bewachen? Immerhin erkennt Ben am
Ende, dass alle Gewehre verflucht sind ( Die Hauptfrage des Buches (die sich mir stellt) ist: Ist der Freitod in Bens Situation (oder welcher anderen?) moralisch gerechtfertigt oder gar geboten? wird zu wenig diskutiert oder exemplifiziert. Siehe dazu
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| Links | |
Percy Bysshe Shelley: "Ode to the West Wind" |
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| Rezensionen | |
| Rezensionen deutsch | |
| David Guterson | |
| Vergleichstexte |
| Thematisch William Faulkner: "The Bear'', Homer: Odyssee, Alison Lurie: The Last Resort Leo Tolstoi: Der Tod des Iwan Iljitsch, Stilistisch David Guterson: Snow Falling on Cedars - Schnee, der auf Zedern fällt Eric-Emmanuel Schmitt: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, |
| Literatur |
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| David Guterson: East of the
Mountains. London: Bloomsbury, 2000. Taschenbuch, 279 Seiten
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| David Guterson: Östlich der
Berge. München: Goldmann, 2003. Susanne Höbel, Übs.
Broschiert, 313 Seiten
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