| Marilynne Robinson: Gilead London: Virago, 2005. 282 Seiten |
| John Ames, ein 76 Jahre alter,
sterbenskranker Priester in Gilead, Iowa, * 1880, schreibt seinem
siebenjährigen Sohn einen langen Brief. Er überblickt sein Leben und
sein Werk. Zu Beginn rechnet er aus, was von seinen Predigten schriftlich blieb: 67.500 Seiten (S. 22). Das hebt ihn quantitativ auf die Ebene von Augustinus, den er noch öfters zitieren wird ( Der Schreiber springt munter durch die Generationen ab dem Sezessionskrieg (Amerikanischer Bürgerkrieg 1861-65) bis in die Erzählzeit von 1956 oder 1957. Der zehn Jahre ältere Bruder Edward, der in Deutschland studiert und von dort als Atheist zurückkommt, erlaubt es dem Prediger ihm sehr wichtige Glaubensfragen zu behandeln. Als Edward ihn auf Fuerbach und ähnliche Schriften aufmerksam macht, muß er sie heimlich lesen: seine Mutter verbot ihm die Lektüre und jeglichen Kontakt mit seinem Bruder (S. 31). Es scheint, dass John Ames viele philosophische Werke (Feuerbach, Milton, Locke (S. 57), Sartre, Gide; siehe
Eine andere Vermutung ist, dass der 7-jährige Sohn des 74-jährigen Schreibers nicht dessen leiblicher Sohn ist. Seine bedeutende jüngere Frau führt er nie richtig ein (ist auch nicht nötig, da der Brief ja an seinen Sohn richtet, der seine Mutter gut kennt) und nennt sie immer "your mother". |
| Für die Autorin gilt das, was John
Ames bekennt: for me writing has always felt like praying (S. 21).
Im Interview mit Terry Gross (siehe Daraus ergibt sich der kompakte, makellose Stil des Werkes. Marilynne Robinson trifft genau den Ton, den man von einem älteren Priester erwartet, von dessen Leben eine respektable Predigtsammlung übrig bleibt und der eigentlich immer betet (S. 5). Der Text fliesst wie Balsam in die Kehle; allerdings auch ohne Höhepunkte. Zusammen mit dem belehrenden und die Bibel interpretierenden Inhalt stellt sich beim Lesen irgendwann eine Abnutzung ein. Erst das oben genannte Spannungselement um Jack Boughton peppt die Predigt dann auf. Die besänftigende, ausgleichende, allen wohl wollende Tour gerät gelegentlich (unfreiwillig) komisch. "He could knock me down the stairs and I would have worked out the theology for forgiving him before I reached the bottom" (S. 217) |
| Absicht des John Ames Da der Altersunterschied zu seinem Sohn so gross ist (67 Jahre!) will John Ames ihm all dies mit auf den Lebensweg geben, wozu er vielleicht aufgrund seines Alters oder zu frühen Sterbens nicht in der Lage ist (S. 152). Das Vorhaben gelang ihm ausgezeichnet. |
| Themen |
| Neben dem Verhältnis der
Väter zu den Söhnen und umgekehrt liegt ein Schwerpunkt auf dem
verlorenen Sohn, Lk 15, 11-32. Edward ist der verlorene Sohn aus der Familie
John Ames', Jack der bei der Familie Boughton. Ist nicht auch der
7-jährige Sohn ein verlorener? |
| Neben den bereits
genannten Themen beklagt John Ames durchgehend den Wandel der Zeiten, die sich seiner Ansicht nach wohl
zum Schlechteren hin bewegen. "I blame the radio for sowing a good deal of
confusion where theology is concerned. And television is worse" (S. 237;
siehe
|
| Neben den rein theologischen Disputen
wirft John Ames oft auch philosophische
Probleme ein. Entweder er erkennt deren Tragweite nicht oder er
löst sie recht pragmatisch oder er führt sie auf ein göttliches
Mysterium zurück. Kann es in einem gesetzmässigen Universum geschehen, dass heisses Wasser aus dem "C"-Hahn fliesst und kaltes aus dem "H"-Hahn? John schlägt der verstörten Frau einen definitorischen Wechsel vor: c=heiss, h=kalt (S. 150). "Where a resolution is necessary it must also be possible" (S. 159). Wie John Ames auf diese kühne Behauptung kommt und wie er sie versteht, erläutert er nicht. Vielleicht meint er den ethischen Grundsatz: Sollen impliziert Können ("Ought implies Can"). Setzt man die Gültigkeit dieses Postulats voraus, so ergibt sich: "Du kannst, denn du sollst" (Kant: Kritik der praktischen Vernunft A 283). Bei der These "not deciding to act would be identical with deciding not to act" (S. 159) scheint mir John Ames zu vorschnell. Die Vertauschung des Nicht-Operators mit dem Verb für die Aktion ist nicht statthaft. Beispiel: Wer sich nicht dafür entscheidet, heute ins Kino zu gehen, hat vielleicht darüber nicht nachgedacht. Man kann ihm nicht unterstellen, dass er sich dafür entschieden habe, nicht ins Kino zu gehen. Überlegungen zu "existence" (S. 203) haben eine lange philosophische Tradition. Das Attribut "existiert" ist keine "normale" Eigenschaft. Ames führt den Gedanken weiter: wenn Gott der Urheber alles Existierenden ist, dann ist der Satz "Gott existiert" sinnlos. Er sieht darin ein Problem der Sprache und findet mit dem Bild der "ladder to the moon" (S. 204) schon ein passendes Bild. er kommt zur allgemeineren Folgerung: "don't look for proofs" ... "because they claim for God a place within our conceptual grasp" (S. 204; siehe Das Problem des Fremdpsychischen tippt Ames nur an, dazu packt er auch gleich die These, dass jeder eine andere Sprache spricht (S. 224). Beides hätte wohl W. v.O. Quine ("Indeterminacy of Translation", siehe In einem leicht zu überlesenden Satz bekennt sich Ames zur aktiven Sterbehilfe an sich selbst. In deutschen christlichen Kreisen würde er damit auf völlige Ablehnun stossen: "I'd rather drop dead doing for myself than a day to my life by acting helpless" (S. 248). |
| Fazit |
| Gilead
besticht durch seine stilistische Geschlossenheit. In einem langen Brief an
seinen Sohn packt der Reverend John Ames achtzig Jahre Geschichte seiner
Familie. Zahlreiche Bibelstellen interpretiert er für den Laien und
spricht viele theologische und philosophische Probleme an. Allerdings
reißt der Themen nur an und hebt im Zweifelsfall die Bibel hoch. Der
salbungsvolle Text lässt irgendwann die Schlagkraft missen. Ames
plädiert dafür nicht alles erklären zu wollen und möglichst
oft die Bibel zu Rate zu ziehen. Gerade dadurch erscheint mir diese Einstellung
sowohl für Ames' Sohn als auch für den empfänglichen Leser als
gefährlich [ Wenn man die Diskussion in den USA um die Evolutionstheorie ( |
| Warnung |
| John Ames
erklärt alles mit Bibelzitaten, die er entsprechend auslegt. Dadurch wird
Gilead zu einer bestätigenden Lektüre für religiöse
Geister und zur gefährlichen Lektüre für viele anderen. Die
Antwort auf wesentliche Probleme ist der Blick in die Bibel. Viele Probleme
( Diese Bevorzugung der Bibel könnte man noch an vielen Stellen des Textes nachweisen. Sie gipfelt in der Predigt gegen Rationalismus und Irrationalismus, da beide die Schöpfung und nicht den Schöpfer verherrlichen (S. 265). Diese Geisteshaltung gleicht der des Kalifen Omar I. Er eroberte 642 Alexandria und befahl, alle Bücher der berühmten Bibliothek zu vernichten: entweder enthalten sie etwas anderes als im Koran steht, dann sind sie schädlich. Oder sie enthalten nichts anderes: dann sind sie überflüssig ( Ich plädiere deshalb dafür, dass man Gilead nur im Doppelpack mit Richard Dawkins: The Root of All Evil (für 2006 angekündigt) oder einem Karlheinz Deschner Werk lesen darf. |
| Marilynne Robinson |
| * 1947 Sandpoint, Idaho,
USA Auszeichnungen für Gilead 2005 Pulitzer Prize for Fiction 2004 National Book Critics Circle Award for Fiction |
| Links |
| Literatur |
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| Marilynne Robinson: Gilead.
Large Print Press 2006. Taschenbuch, 386 Seiten
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| Marilynne Robinson: Gilead.
Brendow 2006. Karl-Heinz Ebnet, Übs. Gebundene Ausgabe: 304 Seiten |
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