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Auster
Paul Auster: Moon Palace
[deutsch: Mond über Manhattan]. London: Faber & Faber, 1992 [1989]. Broschiert, 307 Seiten
Spezielle Abschnitte
Auster FazitAuster ZeitebenenAuster TechnikenAuster MalereiAuster MondAuster VaterproblemAuster Namen

Auster Western FrontierAuster VerweigerungshaltungAuster Zitat von Nikla TeslaAuster Baseball
Auster Der erste Absatzauster StammbaumAuster AnmerkungenAuster Hier irrt Paul Auster oder M. S. Fogg
Auster VergleichsliteraturAuster LinksAuster Literatur

Moon Palace ist ein Bildungsroman, angereichert mit dem Gegensatz zwischen dem urbanen US-Amerika und der West Frontier. Der Gegensatz Wildnis und Zivilisation ist spätestens seit James Fenimore Cooper (1789-1851) ein wichtiges Thema der US-amerikanischen Literatur. Der Bildungsroman seine lange Tradition in der europäischen Literatur; doch seit Henry James: The Portrait of a Lady (1881) und dem noch bekannterem The Adventures of Huckleberry Finn (1885) von Mark Twain gibt es dafür auch in Nordamerika eine reiche Linie (siehe Auster Vergleichsliteratur).
Der Roman Moon Palace ist vom Autor in 7 Kapitel unterteilt, handlungsmässig sind es drei Teile. Zuerst steht der Ich-Erzähler Marco Stanley Fogg im Mittelpunkt, dann Julian Barber alias Thomas Effing und im letzten Teil Solomon Barber.
Marco ist ein lottriger Student, der sich soweit durchhängen läßt, dass er obdachlos im Central Park fast verhungert. Doch er wird wunderbar gerettet durch seinen ehemaligen Studentenzimmer-Kameraden Zimmer (Auster hat's mit sprechenden Namen und etwas Deutsch kann er auch) und Kitty Wu. Dann findet er durch die studentische Arbeitsvermittlung eine Job zur Betreuung des Millionärs Thomas Effing, der an den Rollstuhl gebunden ist und mit Kapitel 4 setzt der zweite Abschnitt des Romans ein (S. 99ff). Das Einstellungsgespräch Effing – Fogg (S. 101–105) ist ein dialogischer Höhepunkt des Romans.
Marco hat beim despotischen Effing allerhand Aufgaben zu erfüllen, nicht zuletzt diktiert er ihm seine Lebensgeschichte. Effing war mit Nikla Tesla bekannt (siehe Auster Links), einem genialen Physiker, der kaufmännisch versagte, sich in Fantasien (Energieerzeugung aus der Luft) verlor und schließlich fast vergessen wurde. In esoterischen Zirkeln geniesst er wegen seiner letzten Lebensphase kultisches Ansehen.
Nach Effings Tod sucht und benachrichtigt Marco dessen Sohn Solomon und mit Kapitel 6 beginnt der dritte Abschnitt (S. 228ff). Marco zieht mit Kitty zusammen: von Effing hat er einiges geerbt, so dass die gröbsten Geldsorgen zunächst weg sind. Am Ende wird aus dem sich gehen lassenden Bummelstudenten, ein junger Marco, der sein Ziel (die Höhle seines Großvaters) im Westen nur noch gezwungen verfolgt. Er erkennt, dass diese Suche eine Farce ist; fährt mit Solomon mit, weil er hofft, dass sie die Höhle nie finden werden, er aber andrerseits meint, die Umständen lassen es nicht anders zu (S. 278). Schließlich wird ihm gesagt, dass die Gralssuche vergeblich bleibt. Er vollendet die Reise bis an den Strand des Pazifiks (S. 306).
In den Roman baut Auster in der Technik der Gothic Novel einige Geschichten ein: Der Western mit Thomas Effing, George Ugly Mouth und den Gresham Brothers (The Mysterious Life of Julian Barber); das Science Fiction – Fantasy Elaborat von Solomon Barber (Kepler's Blood).
Sehr gelungen ist die Schwebe bezüglich des Status der erzählten Lebensgeschichten. Onkel Victors Ansicht: "Every man is the author of his own life" (siehe Auster Zufall) kann auch so gelesen werden, dass Julian und vielleicht auch Solomon einiges oder alles erfinden. Solomon und Marco kommen in der Diskussion darüber (S. 276) überein, dass es im Wesentlichen wohl stimmen wird, obwohl Julian ein notorischer Übertreiber war (S. 275).
Fazit
Bevor für den Schüler oder neugierigen Leser die weiteren Themen
Auster ZeitebenenAuster TechnikenAuster MalereiAuster MondAuster VaterproblemAuster NamenAuster Western FrontierAuster VerweigerungshaltungAuster Nikla TeslaAuster BaseballAuster Der erste AbsatzAuster AnmerkungenAuster Hier irrt Paul Auster oder M. S. Fogg
behandelt werden, hier die Gesamtbeurteilung: Moon Palace ist ein moderner Roman, der in manchem US-spezifisch ist (Western Frontier, Baseball). Paul Auster häuft die intertextuellen Bezüge, doch so, dass auch der Leser, den das weniger juckt, sein Lesevergnügen hat. Allerdings muß man vor der Lesefreude dem Autor für die zahlreichen Zufälle Generalabsolution erteilen.
Unter diesen Voraussetzungen kann man die Lektüre bestens empfehlen.
Zeitebenen
Ein Reiz des Romans entsteht durch das Erzählen des Hauptstrangs in zwei Zeitebenen. Dazu kommen in typischer Auster-Manier und in weiter zurückliegenden Zeiten die vielen Geschichten in der Geschichte. Dadurch gibt der Ich-Erzähler oft Ereignisse oder Sachverhalte (wie die Vaterschaft Solomons) preis, bevor sie in der zweiten Zeitebene dran sind; ein zugegeben zweischneidiges Verfahren.
Techniken
Paul Auster hier viele Register der Schreibkunst zieht. Inwieweit dies eine Fortführung der Moderne, eine Kennzeichen der Postmoderne oder ein Zugeständnis an die Mode ist, inwieweit es genau diesem Roman angemessen ist und die Lesefreude fördert, mag jeder selbst entscheiden.
  • Der Einsatz von mehreren Zeitebenen wird heute schon erwartet.
  • Der besonders ausgefeilte erste Satz eines Werks - bei Moon Palace ist es der gesamte erste Absatz - ist Pflicht für Creative Writing (siehe Auster Der erste Absatz).
  • Den virtuosen Einsatz sprechender Namen beherrscht Auster.
  • Der Bezug auf aktuale Personen (hier z. B. Nikla Tesla) wird in der Literatur oft durch indirekte Referenz ergänzt. Wird beispielsweise der Inhalt des Buchregals eines Protagonisten aufgelistet, kann das für den Leser wertvolle Ergänzung der Charakterisierung der Person sein. Reines "Namedropping" ist fragwürdig. Auster setzt es glaubwürdig auf der langen Fahrt von Solomon und Marco in den Westen ein. Die Liste der Assoziationen endet mit der Übereinstimmung, dass von allen Früchten die Zitrone am besten riecht (S. 290).
  • Das Spiel mit den Genres im Roman ist – spätestens seit James Joyce: Ulysses – wohlbekannt. Gothic Novel, Western und Fantasy sind in Moon Palace klar erkennbar. Zudem benutzt Auster drei Biografien (oder sind es vier? oder fünf?): Marco, Julian, Thomas, Solomon, Paul. Siehe dazu den Essay von Helga Korff unter Auster Links: "Paul Auster: The Book Of His Life".
  • Wie geschickt Auster Episoden seines Lebens (hier genauer seines Vaters Samuel Auster) in seine Romane einbindet zeigt Helga Korff an der Parallelität Thomas Edison versus Samuel Auster und Thomas Edison versus Nikla Tesla. Thomas Effing, der von Tesla ausführlich erzählt, nennt Edison "asshole" und macht ihn für die Einsetzung des elektrischen Stuhls verantwortlich (S. 143).
  • Moon Palace wird oft als pikaresker Roman, d.h. Schelmenroman gelesen. Dabei wird darauf verwiesen, dass Marco Lazarillo de Tormes (anonym, 1554) liest. Das Schelmenhafte erschliesst sich mir aber nicht.
Malerei  
Drei Maler spielen eine besondere Rolle: Blakelock, Cole und Moran; es sind Landschaftsmaler aus der zweiten Hälfte des 19. Jhdts.
Ralph Albert Blakelock, 15. 10. 1847 New York – 9. 8. 1919 nahe Elizabethtown, N.Y. Blakelock ist für seine Mondszenen berühmt ("Moonlight", 1885).
Thomas Cole, 1.2. 1801 Bolton-le-Moors, Lancashire, England – 11.2. 1848, Catskill, N.Y., U.S. Er malte 1836 eine Serie von fünf großen Bildern "The Course of Empire". Es sind Allegorien auf den Fortschritt der Menschheit. Von dieser Serie hängt ein schwarz-weiß Exemplar in Marcos Zimmer bei Thomas Effing (S. 108). cole
“Shroon Mountain, Adirondacks” Thomas Cole, 1838, Cleveland Museum of Art, Ohio
Thomas Moran, 12. 2. 1837 Bolton, Lancashire, England – 25. 8. 1926 Santa Barbara (Kalifornien). Moran ist, wie Blakelock und Cole, ein Maler der sogenannten Hudson River School, der sich auf Landschaftsbilder des amerikanischen Westen spezialisierte. Nach ihm wurde der Mount Moran im Grand Teton Nationalpark benannt (Auster Grand Teton National Park). Diese photografisch genau malende Künstler sollen in Moon Palace wohl die wahrheitsgetreue Schilderung der Biografie Effings unterstreichen.
Die Frage nach der Korrektheit der abenteuerlichen Western(parodie?) bleibt aber – vor allem, weil Auster aus der Position Marcos erzählt – offen. Siehe dazu den Essay von Helga Korff: "Art in Moon Palace. Zur Rolle der Kunst und des künstlerischen Prozesses" unter Auster Links.
Mond
Der vielfache Einsatz des Mondes, direkt am Himmel oder symbolisch, soll hier nur angedeutet werden. Der Mond tritt gleich im ersten Satz des Romans auf: "It was the summer that men first walked on the moon" (S. 1). Der Mond und die Mondlandung des US-Amerikaner (eine wichtige hochsymbolische Tat für die gesamte Nation) setzt den Kontrast zum ersten Abschnitt des Romans. Während die Nation einen Jubelsommer erlebt, verreckt der Protagonist beinahe als Obdachloser im Central Park. Der amerikanische Pioniergeist – hier bezeichnenderweise besonders bei einer eingewanderten Chinesin ausgeprägt – rettet ihn.
Die erste Landung eines Menschen auf dem Mond am 20. Juli 1969 ist zwar datumsmässig nicht so präsent, aber viele Leute erinnern sich genau, wo sie an diesem Tag gerade waren, ähnlich wie am Tag der Ermordung John F. Kennedys oder dem Angriff auf das WTC am 11.9. 2001. Fogg benutzt es öfters zur Zeitangabe.
Moon Palace: Neonschrift eines chinesischen Lokals, die Fogg von seiner ersten Studentenbude in New York aus sieht (S. 17).
Der Waise Marco wächst bei Onkel Victor auf, der als Klarinettist früher beim Cleveland Orchester war, später aber in obskuren Gruppen wie Howie Dunn's Moonlight Moods durch die USA tingelt.
Die Mondlandung ist unter den Studenten, die Marco zufällig in Zimmers Apartment trifft. Anlaß zu einer ausgiebigen Diskussion über die Geschichte der fantastischen Reisen zum Mond, besonders von Cyrano de Bergerac (S. 37-40). Er schrieb 1649 den Roman Die Reise zum Mond [L'histoire comique contenant les états et empires de la lune], der 1657 veröffentlicht wurde (siehe Auster Links).
Solomon schreibt nach seinem Roman Kepler's Blood eine Biografie über Thomas Harriot; nach Aussage Julian Barbers war Harriot der erste Mensch, der den Mond durch ein Fernrohr betrachtete (S. 194).
Auch in Redewendungen tritt der Mond auf. Thomas Effing nennt Marco einen Träumer: "Your mind is on the moon" (S. 216). Bibliotheken finden nicht seinen Beifall: "Libraries aren't the real world, after all. They're places apart, sanctuaries of pure thought. In that way, I can go on living on the moon for the rest of my life" (S. 217).
Marco kommt bei seiner Reise nach Westen an den Navajo Handelspunkt Oljeto, was "Mond im Wasser" bedeutet (S. 304).
Und ganz zuletzt steht er am Pazifik und beobachtet das Erwachen der Stadt mit einem Mondaufgang.
Der Mond erhält im Englischen in "lunatic" die Bedeutung von "nicht ganz bei Trost". Die Stadt erfasst "a lunatic spirit" als Effing und Fogg die $ 50 Noten verteilen (S. 209).
Vaterproblem
Vielfältig wiederholt und dreht Auster Probleme mit dem Vater. Die drei Protagonisten haben alle Probleme mit ihrem Vater.
Marco kennt lange Zeit seinen Vater nicht; seine Mutter Emily tischt ihm die Lüge auf, sein Vater wäre vor seiner Geburt gestorben. Vergleiche dazu aus dem Leben Paul Austers:
"Meine Großmutter starb, als ich zehn Jahre alt war. ... er [Harry Auster, ihr Mann] wechselte gerade eine Glühbirne in der Küche, da erschoss sie ihn auf der Leiter. Einfach so. ... mein Vater hatte mir bei verschiedenen Gelegenheiten sehr unterschiedliche Geschichten über den Tod seines Vaters erzählt. Er sei von der Leiter gefallen oder auch bei einem Jagdunfall gestorben oder als Soldat im Ersten Weltkrieg. Also drei verschiedene Tode."
Die Zeit 6/2007
Erst im dritten Teil tritt Marcos Vater auf: Solomon Barber. Dieser wiederum lernte seinen Vater nie persönlich kennen. Solomon – übrigens – als überfetter Koloß dargestellt und damit Antipode zum fast verhungernden Sohn.
Marco und Solomon brechen 1971 zu grosser Suchfahrt in den Westen auf. Sie wollen die Höhle finden, in der Thomas Effing eine Zeitlang hauste. Sie nehmen einen Umweg nach Chicago. Erst am Grab der Mutter Marcos in Chicago bekennt Solomon, dass er Marcos Vater ist (S. 292). Allerdings weiß es der Leser schon längst, da es der Ich-Erzähler schon zu Beginn des Solomon-Teils preisgibt (S. 237). Wie dieser prosaische Kunstgriff zu bewerten ist, lasse ich offen. Ich war am Grab völlig überrascht, dass Marco es noch nicht wußte.
Namen
Paul Auster nutzt die Namen seiner Personen um Botschaften oder Ideen an den Leser zu bringen.
Marco Stanley Fogg
  • Fogg leitet sich von Fogelman ab (S. 3). Bei der Einwanderung (woher fehlt oder ist mir entgangen) wurde es gekürzt zu Fogg. Jetzt erinnert der Name an die Hauptperson Phileas Fogg aus Reise um die Erde in 80 Tagen [Le tour du monde en 80 jours] von Jules Verne. Marco besucht den gleichnamigen Film im Roman zweimal (S. 6; S. 53). Auster setzt dem Roman ein Motto von Jules Verne voraus: "Nothing can astound an American", ein Zitat aus dem 3. Kapitel von Jules Verne: Von der Erde zum Mond. Direktflug in 97 Stunden 20 Minuten [De la terre à la lune].
  • Marco von Marco Polo (* ca. 1254 vermutlich in Venedig;   8. Januar 1324 in Venedig);
  • Stanley von Sir Henry Morton Stanley (* 28. Januar 1841 als John Rowlands in Denbigh, Clwyd, Wales;   10. Mai 1904 in London).
Nicht nur die Namen spielen auf grosse Entdecker an. Zweimal wird eine Kundschaftsreise in den Westen unternommen. Der Reisebegleiter Effings Edward Bryne erinnert an die Begleiter der grossen Entdecker, beispielsweise an Alexander von Humboldt: Georg Forster auf der Europareise (Alois Prinz: Das Paradies ist nirgendwo. Die Lebensgeschichte des Georg Forster, Auster Rezension) und Aimé Bonpland auf der Amerikareise. Marco kürzte seinen Namen zu M.S. Fogg ab. Das "M.S." kann auch für "Manuskript" stehen und spielt damit wieder auf Onkel Victor an: "Every man is the author of his own life" (siehe Auster Zufall).
Dass Marcos Zimmerkamerad Zimmer heißt wurde schon erwähnt.
Western Frontier
Die drei Hauptpersonen sind mit dem Westen verbunden. Thomas Effings Lebensgeschichte spielt in Utah. Marco bricht mit Solomon zur Suche der Höhle in den Westen auf und geht schließlich die lange Strecke vom Lake Powell bis zum Pazifik zu Fuß. Solomon Barber lehrt an Universitäten des Mittleren Westen.
Am Pazifik beschwört Marco ein Seitenthema: China (Moon Palace ist ein chinesisches Lokal!). Er fühlt, dass sich ab hier eine Leere bis nach China erstreckt (S. 306).
Der Western Frontier wird die städtische Front entgegengestellt, an der vor allem Marco kämpft. Seine Tage als Hobo im Central Park werden so eindringlich beschrieben, dass ich mich bei der Wiederlektüre wunderte, dass es nur ein paar Seiten im Buch sind (genauer: S.55-71).
Die Höhle als zentraler Ort von Thomas Effings Aufenthalt im Westen stellt sich am Ende allerdings als überflutet heraus: die Zivilisation hat den alten Mythos unter Wasser begraben.
Verweigerungshaltung
Etwas eigenartig mutet zunächst Marcos völlige Verweigerungshaltung während seines finanziellen Niedergangs an. Er wendet sich mit Abscheu von den Möglichkeiten, die die Gemeinschaft bietet: Stipendien, Kredite usw. und belügt die anderen lieber als seine Situation bekannt zu geben. Stattdessen beschließt er nichts zu tun, nicht einmal einen Finger wollte er heben (S. 20). Er entscheidet sich also bewusst dazu nichts zu tun:
"I decided that the thing I should do was nothing: my action would consist of a militant refusal to take any action at all. This was nihilism raise to the level of an aesthetic proposition" (S. 20-21).
Christian Seidl arbeitet heraus, dass dieser extreme Individualismus gerade die hervorstechendste Eigenschaft des wahren Frontiersman ist (Seidl 2005, S. 69). Die Totalverweigerung erinnert an Oblomow (Auster Iwan A. Gontscharow: Oblomow) und Bartleby (AusterHerman Melville: Bartleby, the Scrivener).
Zitat von Nikla Tesla
"The sun is the past, the earth is the present, the moon is the future"
Diesen Satz findet Marco in einem Glücksgebäck ("fortune cookie") im Chinarestaurant »Moon Palace« und später in einem Werk von Nikla Tesla (S. 233; siehe Auster Hier irrt Paul Auster oder M. S. Fogg; zu Nikla Tesla, siehe Auster Anmerkungen). Durch die durchgängige Mond-Metapher erhält dieser Satz eine zentrale Bedeutung. Er beschreibt einen kosmisches "Alles fließt" (siehe Auster Heraklit). Die Planeten und ihre Trabanten entstanden aus der Sonne und waren ihr ähnlich. Noch ist die Erde bewohnt; ihr fernes Schicksal gleicht aber dem des Mondes. Merkwürdig scheint, dass sich Solomon (und nicht der Großvater) zu "Sol", die Sonne abkürzt.
Baseball
Es ist verwunderlich, wie selbstverständlich US-Autoren ihre liebenswürdigen Vorlieben, hier zum Baseball, einsetzten. Verwunderlich deshalb, weil ich entsprechendes von deutschen Autoren nicht kenne: wo ist da schon Fußball oder Wintersport eine wichtige Nebensächlichkeit? Oder lese ich nur die "falschen" Bücher? Die ausführlichste und auch literarisch befriedigende Baseballszene beschreibt Don DeLillo in Underworld (Auster Rezension). Neben der Hochseefischerei unterhalten sich Santiago und Manolin in Hemingways The Old Man and the Sea oft über Baseball (Auster Rezension). Marco ist ein Baseballfan. Zur Kennzeichnung eines guten Dialogs setzte Onkel Victor einen Baseballvergleich ein (S. 92).
Der erste Absatz
Der erste Absatz von Moon Palace ist erstaunlich. Er weckt die Neugier, da sehr viel versprochen wird. Liest man ihn nach der Lektüre des Romans wieder erkennt man, dass er "in a nutshell" schon das ganze Buch enthält. Auch viele Signalwörter werden genannt: der Mond, der Zufall, der Vater, der Westen von Utah bis California. Obwohl Marco 1947 (wie Autor Paul Auster) geboren ist, nennt er die Zeit in New York ab 1965 "the beginning of my life". Der Leser wird gespannt und ab dem zweiten Absatz bedient. Siehe Auster Erster Satz in der Belletristik - Romananfänge
Stammbaum zu Moon Palace
auster
Basis: Steven Weisenburger (1994): "Inside Moon Palace". The Review of Contemporary Fiction 14:1, S. 70-79.
Anmerkungen
keinesfalls vollständig; weitere Anmerkungen siehe bei Hans-Peter Schnurr: "Paul Auster, Moon Palace. Historical Background. Annotations. Commentary" unter Auster Links.
S. 62 "Heraclitus ... change was the only constant"
spielt auf Heraklit an, der verkürzt oft mit "panta rhei" ("alles fließt") zitiert wird; siehe Auster Links.
S. 87 "I see what you mean. Orphans in the storm, that kind of thing"; bezieht sich auf den Stummfilm "Orphans in the Storm" von 1921 mit Lillian und Dorothy Gish unter der Regie von D.W. Griffith (aka David Wark)
S. 142-148 Nikla Tesla: 9./10. Juli 1856, Smiljan, Kroation – 7. Jan. 1943 New York City; Wissenschaftler und Erfinder; ab 1884 überwiegend in den USA lebend.
Nach Tesla ist die physikalische Einheit der magnetischen Flussdichte benannt; siehe Auster Links.
  Hier irrt Paul Auster oder M. S. Fogg  
  "In late October I wrote a nine-page letter about the New York City blackout" (S. 15).
Da es der New York City blackout von 1977 nicht gewesen sein kann, kommt nur der 9. November 1965 in Frage (siehe Auster Links). Darüber kann Fogg aber im Oktober noch nicht schreiben.
 
  In der Autobiografie des Physikers Nikla Tesla findet sich (ich habe 2 Online-Versionen geprüft) der Satz "The sun is the past, the earth is the present, the moon is the future" nicht, den Marco dort zu lesen vermeint (S. 233). Nikla Tesla schrieb an anderer Stelle
"Modern science says: The sun is the past, the earth is the present, the moon is the future. From an incandescent mass we have originated, and into a frozen mass we shall turn. Merciless is the law of nature, and rapidly and irresistibly we are drawn to our doom".
"The Problem of Increasing Human Energy", The Century Magazine Juni 1990 (siehe Auster Links)
 
 
Vergleichsliteratur
Bildungsromane (Kleine Auswahl; chronologisch)
Henry James: The Portrait of a Lady (1881)
Mark Twain: The Adventures of Huckleberry Finn (1885)
Jerome David Salinger, : The Catcher in the Rye. (1951); Auster Rezension
Ralph Ellison: Invisible Man (1952); Auster Rezension
Jeffrey Eugenides: Middlesex (2002)
Chariton von Aphrodisias: Kallirhoe. Tyche, Schicksalsgottheit und Gottheit des Zufalls
Guterson, David: East of the Mountains. Ähnlich dem Thomas Effing will hier Ben Givens, seinen Tod vor Augen, noch etwas erreichen. Auster Rezension
Treichel, Hans-Ulrich: Tristanakkord. Ein reicher Künstler heuert einen unbemittelten Jungakademiker an. Auster Rezension
Auster Anfang
Literatur
Siehe auch Online-Interviews und -Artikel auf Auster Links.
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Springer, Carsten (2001): A Paul Auster Sourcebook. Frankfurt a.M.
Stillman, Peter: "Bibliography of Auster's Major Works". AusterOnline verfügbar
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Andreas Lienkamp, Wolfgang Werth, Christian Berkemeier, Hg.: As strange as the world. Annäherungen an das Werk des Erzählers und Filmemachers Paul Auster. Münster: Lit, 2002. Broschiert,168 Seiten Auster
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