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Auster
Zufall und Unwahrscheinlichkeiten in Paul Auster: Moon Palace
[deutsch: Mond über Manhattan]
Normalerweise verdirbt ein zu häufiger Einsatz des Zufalls als Handlungsantrieb die Lektüre. In Moon Palace treten der Zufall und unwahrscheinliche Ereignisse so regelmässig auf, dass man dem Autor nicht mehr gram darüber ist, sondern seine Methode (zähneknirschend) akzeptiert.
Nach der Sekundärliteratur (besonders Ickstadt, 1998, und Klepper, 1996) ist der Zufall gerade das Mittel um die Auflösung der Sinnzusammenhänge zu zeigen. Ohne Kausalität, sei sie nun in der Natur vorhanden oder – wie Kant meinte – von uns in die Natur gelegt, als Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung, wäre die Welt für uns chaotisch und unerkennbar. Die Strukturlosigkeit als Sinnverweigerung? Jedenfalls überlegt Marco:
"Causality was no longer the hidden demiurge that ruled the universe: down was up, the last was the first, the end was the beginning. Heraclitus had been resurrected from his dung heap, and what he had to show us was the simplest of truths: reality was a yo-yo, change was the only constant" (S. 62). Zu Heraklit siehe auster Anmerkungen.
Die Orientierungslosigkeit des Ich-Erzählers spiegelt sich in der Welt: Sinnzusammenhänge sind aufgehoben. (Eigentlich belegt die Globalisierung jedoch, dass die Sinnzusammenhänge strenger, weitgreifender und umfassender sind als je geglaubt.)
Der Zufall kurbelt nicht nur das Geschehen an, sondern wird auch von den handelnden Personen thematisiert.
Onkel Victors Ansicht "Every man is the author of his own life ... The book you are writing is not yet finished. Therefore, it's a manuscript. What could be more appropriate than that?" (S. 7; deutsche Fassung: "Jeder dreht seinen eigenen Film") wird durch den Plot vielfach widerlegt. Allerdings verkürzt Marco seine Vornamen zu "M.S." damit "manuscript" nachahmend.
Im Englischen wird zwischen "by chance" und "coincidence" unterschieden. Die erste Wortwahl bringt schon zum Ausdruck, dass der Zufall auch Chancen bietet.
  • Um sich über Wasser zu halten, versetzt Marcos die Bücher, die er von Onkel Victor geerbt hatte. "As chance would have it, I took the last ones up to Chandler on the same day the astronauts landed on the moon" (S. 31), also am 20. Juli 1969. (Chandler ist der aufkaufende Antiquitätenhändler.)
  • Bei der ersten Begegnung mit Kitty, seiner späteren Geliebten und Lebensgefährtin, tragen beide dasselbe T-Shirt: "a weird coincidence" (S. 35).
  • Der reiche Self-made-man Thomas Effing verleugnet den Zufall mehrfach: "There are no coincidences. That word is used only by ignorant people. Everything in the world is made up of electricity, animate and inanimate things alike" (S. 104). – "Just by coincidence, of course. Ha! As if there's any such thing as coincidence" (S. 196).
  • Die gesamte Verwandtschaftsbeziehung der drei Protagonisten, angedeutet mit dem Gespäch über Emily (S. 236-237), ist ein gigantisches Zufallsnetz.
  • Ohne es ausdrücklich als Zufall zu deklarieren, spekuliert Marco über drei mögliche frühere Treffen zwischen Onkel Victor und seinem Vater Solomon (S. 245-247).
  • Auster lässt Solomon selbst ein Buch schreiben, Kepler's Blood, das vor unwahrscheinlichen Ereignissen strotzt: "the story lurched frome one improbability to the next" (S. 253).
  • Ohne dass Solomon den Unfall Julian Barbers kennt – der unglückliche Fall, der zu dessen Lähmung führt –, passiert Ähnliches seinem Roman Helden John Kepler (S.254).
  • Und "natürlich" gibt es auch in Kepler's Blood einen verschwundenen Vater. Nach ihm forscht John Kepler jr. – die Spitze aufsetzend – durch eine Fahrt nach Utah (S. 259).
  • Mit wunderhaft gutem Glück - "miraculous good luck (none too plausible presented by Barber)" - stößt er auf Spuren und sogar auf John Kepler sr. Dieser verweigert sich und gibt vor ein Geist zu sein, der vom Mond kam (S. 259).
  • Später sucht ein Jack Moon nach John Kepler jr. (S. 260). und entführt wiederum dessen Sohn. Eine haarsträubende Geschichte, denn nun sucht John Kepler jr. nach seinem entführten Sohn und "by pure chance - everything in Barber's book happens by chance -" findet er eine Spur von Jack Moon (S. 262).
  • Die Aussage, dass alles in Solomon Barbers Buch auf Zufall beruht, kann man auch auf Marco Fogg alias Barber übertragen. Ganz am Ende, als Marco allein nach Westen fährt, findet er durch Zufall die Richtung (S. 302).
  • Kein Zufall aber eine recht unwahrscheinliche gelegentliche Großzügigkeit ist den Barbers zu eigen. Julian verteilt $ 20.000 in $ 50 Scheinen (will er sich Ablass erwirken, da er das Geld nicht rechtmässig erworben hatte?); Solomon vererbt sein großes Anwesen an Tante Clara, mit der Weisung es an die afroamerikanische Dienerin Hattie Newcombe zu vererben. Die Begründung Solomons dazu (S. 272) leuchtet nur auf den ersten Blick ein. Anmerkung: einige historische Personen des Romans haben in ihrem Leben auch Dollarscheine verschenkt; man lese dazu die Interpretationshilfen (Auster Literatur).
  • Ein schwer zu schluckender Vorgang (und völlig unnötig) ist es, dass Marco am Ende im Motel ausrastet (S. 302).
  • Nicht zufällig hat Auster auch den Roman The Music of Chance (Die Musik des Zufalls, Reinbek: Rowohlt 1992) geschrieben.
Die abnormale Häufung von Zufällen weckt bei mir Verständnis für diejenigen Leser, die gerade aus diesem Grund den Roman Moon Palace für nicht gelungen halten. Entgegen meiner sonstigen Einstellung akzeptiere ich dieses Manko hier. Es zeigt, dass Onkel Victors Motto "Every man is the author of his own life" (S. 7) nicht ganz stimmt.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 10.2.2007