| Shirley
Jackson: The Lottery
and Other Stories New York: Farrar, Straus and Giroux, 2005. Taschenbuch, 320 Seiten – |
| Bis vor kurzem kannte ich nur "The Lottery" in einer Hörfassung. Dann brachte der Bayerische Rundfunk drei weitere Geschichten auf deutsch: "Wie Mutter es immer gemacht hat" [Like Mother Used to Make], "Probe aufs Exempel" [Trial by Combat] und "Charles" [Charles]. Jetzt wollte ich mehr lesen und wurde belohnt. |
| Alle 25 Kurzgeschichten der
vorliegenen klassischen Sammlung sind lesenswert. Lediglich "My Life
with R.
H. Macy" fand ich nur ausreichend. Sie ist wohl nach 50 Jahren mit
ihrer Anspielung auf den Abkürzungsfimmel nicht mehr
aufregenswert. Im Pop wurde das Thema für die US Army schon
1944 von Louis Jordan
mit "G.I. Jive" aufgespießt. Dafür sind einige Geschichten "The Lottery" qualitativ durchaus ebenbürtig; "After You, My Dear Alphonse" – meine Lieblingsgeschichte (derzeit) – ist vielleicht sogar besser. |
| Shirley Jackson behandelt meist recht alltägliche Situationen. Wer die Zähne unter der Oberfläche oder gar das Grauen nicht bemerkt liest vielleicht eine nichtssagende Story. "A Fine Old Firm" könnte dafür ein Beispiel sein. Bei der Jackson sollte man immer das Bösartigste annehmen, dann sind die meisten Geschichten mindestens arg verstörend und entlarvend. Es ist wohl so ähnlich wie bei den Hörspielen von Günter Eich: entweder sie sind ausgezeichnet oder man faßt den Kern nicht, dann sind sie "na ja". So bipolar sind Jacksons Geschichten freilich nicht. |
| Noch
eine allgemeine Anmerkung Alle Stories riefen verschiedenartige Assoziationen und Erinnerungen hervor. Da das Erinnerte meist zeitlich später kam oder veröffentlicht wurde, scheint mir das ein Gütemerkmal zu sein. Man lese bei der jeweiligen Geschichte, was mir dazu einfiel. |
| Inhalt |
| Die 25 Kurzgeschichten werden in der hier bespochenen Ausgabe eingerahmt von einer Einleitung von A. M. Homes und einem Gedichtauszug. Sie sind in 4 Gruppen eingeteilt. Der Originaltitel der Sammlung war The Lottery or, The Adventures of James Harris. |
| I The Intoxicated (1949) The Daemon Lover (Woman's Home Companion 1949) Like Mother Used to Make (1949) Trial by Combat (The New Yorker 1944) The Villager (American Mercury 1944) My Life with R. H. Macy (The New Republic 1941) |
| II The Witch (1949) The Renegade (Harper's 1948) After You, My Dear Alphonse (The New Yorker 1943) Charles (Mademoiselle 1948) Afternoon in Linen (The New Yorker 1943) Flower Garden (1949) Dorothy and My Grandmother and the Sailors (1949) |
| III Colloquy (The New Yorker 1944) Elizabeth (1949) A Fine Old Firm (The New Yorker 1944) The Dummy (1949) Seven Types of Ambiguity (Story 1948) Come Dance with Me in Ireland (The New Yorker, 1943) |
| IV Of Course (1949) Pillar of Salt (Mademoiselle 1948) Men with Their Big Shoes (Yale Review 1947) The Tooth (1949) Got a Letter from Jimmy (1949) The Lottery (The New Yorker 1948) |
| V Epilogue: Poem from James Harris: The Daemon Lover (Child Ballad No. 243) (1949) |
| "The Intoxicated" | ||
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| "The Daemon Lover" | ||
| Erinnerte mich an Karl Valentin & Liesl Karlstadt: "Die Heiratsannonce" (3.1.1941); Johnny Ray: "No Wedding Today" (1956); Jim Lowe: "The Green Door" (1956). | ||
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| "Like Mother Used to Make" | ||
| Erinnerte mich an Max Frisch: Biedermann und die Brandstifter (als Hörspiel: 1953) | ||
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| "Trial by Combat" | ||
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| "The Villager" | ||
| Erinnerte mich an eine mehrtägige Bergwanderung im Vorkarwendel. Als eines Nachmittags ein Gewitterregen losprasselte flüchtete ich zu einer noch winterverlassenen Alm. Ohne Einbruch gelangte ich hinein, verjagte ein paar Mäuse und saß zufrieden im Trocknen. Später kamen andere Wanderer in die Nähe der Alm und ich trat vor die Tür, ihre Frage nach Unterstand erwartend. Jene meinten wohl, ich sei der Almbauer und zogen grüßend weiter. | ||
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| "My Life with R. H. Macy" | ||
| "My Life with R. H. Macy" war beim Erscheinen 1941 eine wunderbare Parodie auf den Abkürzungsfimmel und die Geistlosigkeit mancher Jobs. Heutzutage erzeugt es nur noch ein müdes Lächeln. | ||
| Bertrand
Russell unter "Wörterbücher" eingeordnet Bemerkenswert ist diese Erwähnung von Bertrand Russell. Die Ich-Erzählerin muss einem Kunden über den Standort eines Buchs im grossen Warenhaus Auskunft geben und wird von der Kollegin 13–2246 korrigiert. "The customer went away, and I said to 13–2246 that her guess was as good as mine, anyway, and she stared at me and explained that philosophy, social sciences and Bertrand Russell were all kept in dictionaries" (S. 49). Das sagt einiges über die Popularität von Russell um 1941, wird er doch, neben Philosophie und Gesellschaftswissenschaften extra genannt. – |
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| "The Witch" | ||
| Links | ||
| Literatur zu "The Witch" | ||
| Kelly, Robert L. (1971): "Jackson's "The Witch": A Satanic Gem". The English Journal 60:9, S. 1204-1208. | ||
| "The Renegade" | ||
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| "After You, My Dear Alphonse" | ||
| Eine
Mittagsszene irgendwo in Neu-England (vermutlich; dort spielen
Geschichten der Jackson), irgendwann zur Zeit des 2. Weltkriegs (Johnny
und Boyd spielen tote Japaner mit dem Panzer überfahren; die
Story
erschien 1943). Johnny ist das Kind von Mrs. Wilson, Boyd sein
schwarzer Freund. Mrs. Wilson zeigt mehrfach – ihr vielleicht nicht bewußte – Klischees gegenüber den Afroamerikanern. Boyd trägt Holzscheite. Mrs. Wilson unterstellt, Johnny habe ihn dazu beauftragt. Sie fragt nur Boyd ob er hungrig ist: Schwarze sind das immer (da schlecht ernährt). Sie unterstellt, dass Boyd alles ißt. Wer wenig zu essen bekommt, muß alles nehmen. Ausserdem müssen Schwarze viel essen, da sie später hart arbeiten müssen. Boyd stellt schon mal richtig, dass sein Vater von kleiner Statur ist und darin Mr. Wilson gleicht. Schwarze sind auch meist faul oder arbeitsscheu, so fragt Mrs. Wilson: "Does he ... work?" Als sie erfährt, dass Boyds Vater in der Fabrik arbeitet, unterstellt sie sofort, er müsse schwer heben und tragen. Doch Johnny klärt sie auf: "Boyd's father doesn't have to, [...] He's a foreman." Aber zumindest wird wohl seine Mutter hart arbeiten. Wieder korrigiert ihr Sohn und stellt sie bloß: "Why should she?" [...] "You don't work". Dann unterstellt Mrs. Wilson, dass Boyd viele Geschwister habe: Schwarze sind nicht nur arbeitsscheu, sondern ... Aber Boyd enttäuscht sie: "There's only me and Jean". Am Ende will Mrs. Wilson dem kleinen Boyd auch noch Anziehzeug von Johnny, das diesem zu klein wurde, überlassen. Schwarz sind immer bedürftig. Doch Boyds Familie hat genug zum Anziehen: sie kaufen, was sie brauchen. Jetzt ist Mrs. Wilson verstimmt: ihre stereotypen Vorstellungen brechen weg. Johnny und Boyd vertragen und verstehen sich – über die Rassengrenze hinaus – wunderbar. Sie haben untereinander ein unverkrampftes Verhältnis. Sie spielen und haben sich – unter Kinder häufig – ein Ritual zugelegt. Der Rassismus von Mrs. Wilson ist also nicht angeboren. Bemerkenswert ist ausserdem, dass Mrs. Wilson ihren Sohn mehrfach erzieherisch ermahnt, einmal seinen Grammatikfehler korrigiert, doch zum Panzerspielen mit toten Japanern kein Wort verliert. |
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| Alphonse und Gaston sind zwei Comic-Charaktere des Cartoonisten Frederick Burr Opper (1857-1937), die erstmals 1901 im New York Journal auftauchten. Es sind zwei höfliche Franzosen, die sich gegenseitig mit "After you, Alphonse" und "No, you first, my dear Gaston!" den Vortritt ließen. Diese Floskeln wurden synonym für übereifrige Höflichkeit, aber auch wenn man ein Wagnis dem anderen überlassen will. | ||
| Für mich ist das die beste Geschichte der Sammlung, Lotterie hin, Lotterie her. | ||
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| Vergleiche:
Angelica Gibbs: "The Test". The New Yorker (1940)
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| "Charles" | ||
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| "Afternoon in Linen" | ||
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| "Flowergarden" | ||
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| "Dorothy and My Grandmother and the Sailors " | ||
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| "Colloquy" | ||
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| "Elizabeth" | ||
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| "A Fine Old Firm" | ||
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| "The Dummy" | ||
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| "Seven Types of Ambiguity" | ||
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| Literatur zu "Seven Types of Ambiguity" | ||
| Welch, Dennis M. (1981): "Manipulation in Shirley Jackson's »Seven Types of Ambiguity«". Studies in Short Fiction 18:1, 27-31. | ||
| "Come Dance with Me in Ireland" | ||
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| "Of Course" | ||
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| "Pillar of Salt" | ||
| Erstveröffentlichung: Mademoiselle, Juli
1948 Das Thema – Familie aus dem US Hinterland kommt nach New York und ist überfordert – wurde im selben Jahr bereits von John Cheever beackert: "O City of Broken Dreams", The New Yorker, 24. Januar 1948. Jackson bringt ihre eigene Note in die Story von der Kirchenmaus, die in die Stadt kommt. |
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| "Pillar
of Salt" erinnert an einige Zeilen aus "Tampico" von Stan Kenton, June
Christy, vocal (1945). Margaret aus New Hampshire reist nach New York und besucht Bekannte auf Long Island. Sie stellt fest: "In the stores the prizes were all too high ...". June Christy singt:
June Christy in Tampico, Mexico:
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| "Men with Their Big Shoes" | ||
| Links | ||
| "The Tooth" | ||
| Links | ||
| Literatur zu "The Tooth" | ||
| Pascal,
Richard
(1982): "»Farther Than Samarkand«: The Escape
Theme in Shirley
Jackson's »The Tooth«". Studies
in Short Fiction 19:2, 133-39. |
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| "Got a Letter from Jimmy" | ||
| Links | ||
| "The Lottery" | ||
| "The
Lottery" ist hervorragende Kurzgeschichte: Stil, Konstruktion und
Inhalt passen. Große Aufmerksamkeit erhält sie aber
auch, weil sowohl Philologen, Philosophen, Theologen, Juristen und
Wahrscheinlichkeitstheoretiker sie analysieren
können. |
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| Links | ||
| Literatur zu "The Lottery" | ||
| Bogert, Edna (1985): "Censorship and »The Lottery«". The English Journal 74:1, S. 45-47. | ||
| Britt,
Brian (2005): "Death,
Social Conflict, and the Barley Harvest in the Hebrew Bible". The
Journal of Hebrew Scriptures 5, 1-28. |
||
| Brown, Bill, Peter Yost, Eyal Press, Liz Sacheli, & Edward Park (1986): "The Censoring of »The Lottery«". The English Journal 75:2, S. 64-67. | ||
| Cervo, Nathan (1992): "Jackson's the Lottery". Explicator 50:3, 183-85. | ||
| Coulthard, A. R. (1990): "Jackson's the Lottery". Explicator 48:3, 226-28. | ||
| Lainoff, Seymour (1953): "Jackson's the Lottery". Explicator 12. | ||
| Lape,
Sue Veregge (1992): "»The Lottery's« Hostage: The Life and Feminist
Fiction of Shirley Jackson". Diss. The Ohio State University, Columbus,
Ohio. |
||
| Nebeker,
Helen E. (1974): "»The Lottery«: Symbolic Tour De Force". American
Literature
46:1, 100-08. |
||
| Nørjordet,
Håvard: "The Tall Man in the Blue Suit: Witchcraft, Folklore,
and Reality in Shirley Jackson's The Lottery, or the
Adventures of James Harris". University of Oslo - |
||
| Plewka, Karin (1998): "Shirley Jackson: The Lottery". In: Hanke, Michael, Hg. (1998): Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Stuttgart: Reclam. S. 146–152 | ||
| Shields, Patrick J. (2004): "Arbitrary Condemnation and Sanctioned Violence in Shirley Jackson’s »The Lottery«". Contemporary Justice Review 7:4, 411–19. | ||
| Williams,
Richard H. (1979): "A Critique of the Sampling Plan Used in Shirley
Jackson's »The Lottery«". Journal of Modern Literature 7:3, 543-44. |
||
| Yarmove, Jay A. (1994): "Jackson's the Lottery". Explicator 52:4, 242-45. | ||
| Links | ||
| The
Lottery: Text
online bei
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| Literatur | ||
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| Shirley
Jackson: The Lottery and Other
Stories. New York: Random, 2000. Patrick McGrath: Einleitung.
Gebunden. 320 Seiten |
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