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Middlesex
Jeffrey Eugenides: Middlesex
[deutsch: Middlesex]. London: Bloomsbury, 2003. 529 Seiten – eugenides Linkseugenides Literatur
Eugenides gewann 2003 mit Middlesex den Pulitzer Prize und fast alle sind voll des Lobs. Dem kann ich mich nur bedingt anschliessen (aber immerhin: anschliessen!).
Cal Stephanides erzählt die Geschichte einer griechischen Familie, die in den 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts aus Kleinasien nach Detroit einwandert über drei Generationen.
Er selbst ist aus der dritten Generation und ursprünglich 1960 in Detroit als Mädchen Calliope geboren:
"I was born twice: first, as a baby girl, on a remarkably smogless Detroit day in January of 1960; and then again, as a teenage boy, in an emergency room near Petoskey, Michigan, in August of 1974." S. 3
So beginnt der Schmöker effektvoll.
Es entwickelt sich Einwanderer-Epos, ein Roman um den American Dream, ein Wissenschaftsroman, eine Reise durch die USA, ein Thriller (nur ganz am Ende) und ein Entwicklungsroman. Eugenides meistert dies alles. Allerdings wirkte vieles für mich überladen und besonders nach dem rasanten Einstieg bis ins zweite Drittel schleppend.
Middlesex bietet einige spannende Episoden: der Brand in Smyrna (eugenides Links), Desdemona arbeitet beiden schwarzen Muslimen (eugenides Links), Lefty wird zum Spieler, Unruhen der Afroamerikaner, usw. Dies wird mit einigem Leerlauf gepolstert. Anregende Diskussionen, z.B. die Re-Interpretation der Boston Tea Party (S. 257, eugenides Links) wechselten mit seitenlangen medizinischen Erörterungen, die ich schlicht übersprang. Wird hier mit wissenschaftlichen Erörterungen das aus dem Inzest resultierende Schuldgefühl in der Familie Stephanides übertüncht?
Das meiste war vorhersehbar (dass ein Hermaphrodit die Hauptrolle spielt wusste man aus jeder Besprechung) und riß einen versierten Leser nicht vom Hocker. Die erste große Überraschung kam für mich auf Seite 438 (von 529).
Jeffrey Eugenides versteht – wie so viele US-Schreiber – sein Handwerk gut. Das zeigt sich am oben zitierten ersten Satz; an der Tristam-Shandy-Technik; an der Themen- und Anspielungsdichte der ersten 39 Seiten. Da funkelt Homer und die griechische Mythologie, europäische Geschichte und Geistesgeschichte und es blitzen Genetik und Biologie auf. Doch leider läßt das bald nach oder ich wurde müde.
Fast jedes Kapitel wird durch eine kleine Episode des Erzählers eingeleitet; man merkt, dass Eugenides in Stanford Creative Writing studierte. Amüsant, auflockernd und in den Spuren von Lawrence Sterne (der Ich-Erzähler kommt endlich zu Beginn des 3. Buchs zur Welt, S. 215) sind dabei oft Einsprengsel über Charakterführung oder Einblicke in die Schreibwerkstatt. Der Sinn der eingeflochtenen Beziehungsepisoden aus der Erzählgegenwart blieb mir unklar. Zur Aufhellung des erwachsenen Cal trugen sie nicht bei.
Manche Einzelheiten, die ich nicht verstand (Calliope nennt ihre Freundin durchgehend "Object"), sind wohl meinem Unverständnis zuzuschreiben. Dafür freut man sich, wenn man Anspielungen durchschaut:
• "Will you move, you're blocking my sun", S. 345; eugenides Diogenes aus Sinope)
• Anspielung auf die bekannte Unterstellung: "There are no atheists in foxholes" (S. 350, eugenides Links).
Stilistisch fiel mir Eugenides nicht auf. Er bringt wenig Vergleiche, die zudem unterschiedlich ausfallen. Vermurkst finde ich inhalierten Zigarettenrauch als "Tschernobyl in ihren Lungen" (S. 346), gelungen dagegen kurz darauf den Vergleich von Erinnerungen mit den Schneeflocken in einer gläsernen Halbkugel (S. 348).
Rassenproblematik
Neben der besonderen Situation der Einwanderer lässt Eugenides auch immer wieder die Rassendiskriminierung einfliessen. Entlarvend dazu:
[Tessie:] "We were ready to accept the Negroes. We weren't prejudiced against them. We wanted to include them in our society if they would only act normal! [...] the Negores were fully capable of being just like white people" (S. 240).
Dass der Autor durch Kursivsetzung den Lesern vorgibt, wo zu klatschen ist, finde ich nicht so berauschend.
Jeffrey Eugenides ist ein kluger Autor und er hat ein kluges Buch geschrieben. Dass er die griechischen Einwanderer aus Kleinasien stammen lässt, zeigt seine Beschlagenheit in der Geschichte: die europäische Geistesgeschichte startete mit den Vorsokratikern in Kleinasien, auch wenn dies zeitgenössiche Politiker in der Diskussion um den EU-Beitritt der Türkei verschweigen oder schlicht nicht wissen.
Middlesex ist ein Familienepos in langer Tradition. Ich scheine bei diesem Genre nur das Allerbeste zu honorieren. Angestachelt vom großen Vorauslob habe ich mir von Middlesex mehr versprochen. Vielleicht ist es aber auch einer jener Romane, die eine Zweitlektüre erfordern.
Vergleichsliteratur
Saul Bellow: Herzogeugenides Rezension
Ulrike Draesner: Mitgift
Jonathan Franzen: The Corrections, deutsch: Die Korrekturen – eugenides Rezension
Salman Rushdie: Midnight's Children, deutsch: Mitternachtskinder
Lawrence Sterne: Tristram Shandy
David Foster Wallace: Infinite Jest
Links
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