Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Roth
Philip Roth: Everyman
[deutsch: Jedermann]. London: Vintage, 2007. 182 Seiten – Roth LinksRoth Literatur
Ein tolles Buch, für sich gelesen, gewiss. Seine Qualitäten werde ich gleich herausstellen. Doch irgendwie ist Roths Fixierung auf gebrechliche Alte, die es zudem sexuell nochmals krachen lassen wollen, ein vorhersehbares Thema.
Im Mittelpunkt steht ein 71-jähriger ohne Namen, also Jedermann: Alter, Krankheit, Tod treffen jeden, so die unbequeme Botschaft. Er merkt im Rückblick auf seine drei gescheiterten Ehen und  zahlreiche Seitensprünge, dass er im Leben Wichtiges versäumt hat. Er hat sich viele zwischenmenschliche Beziehungen – eigentlich gegen seine Absicht – versaut (S. 158). Zudem verspricht der körperliche Verfall – jedes Jahr hat er nun mindestens einen Krankenhausaufenthalt – nichts für die Zukunft. Er wartet auf nichts (S. 161).
Vielleicht liegt es daran, dass uns Roth nicht alles erzählt, doch der Protagonist hat anscheinend ein typisches US-amerikanisches Leben der Upper-Class gelebt: er arbeitete in der Werbebranche, war viel unterwegs, sein älterer Bruder Howie brachte es gar zum Multimillionär und war immer zur Stelle, wenn es in seinem Leben kritisch wurde. Jetzt hasst er ihn, weil Howie körperlich fit zu sein scheint. Für ihn selbst gilt das oft zitierte: "Old age isn't a battle; old age is a massacre" (S. 158).
Von dem wenigen, dass der Leser erfährt, kann man vermuten, dass der Protagonist zu oberflächlich durchs Leben segelte. Wer vom Schicksal gut bedacht wird und selbst keine Akzente setzt oder Mitmenschlichkeit pflegt, steht am Ende mit leeren Händen da. Dabei hat der Protagonist – trotz aller Gebrechen – eigentlich keinen Grund zum Jammern oder gar Verzweifeln. Ihm stehen mit seiner Tochter Nancy und dem schon genannten Howie gutwollende Menschen zur Seite. Sein eigenes lebenslanges, stoisches Motto sollte ihm auch über die letzten Jahre helfen: "Just take it as it comes. Hold your ground and take it as it comes" (S. 5).
Ich schwankte also zwischen Zustimmung zur Verdammung des Alters und dem Zuruf: Was willst du? Dir geht es doch prima! Seine Resignation zum bisherigen Leben, kann man mit: "Selbst schuld! Du hattest alle Chancen!" abtun.
Anmerkungen
• Die Beschreibung eines jüdischen Diamantenhändlers (!) mit Bart und Seitenlocken (S. 20) kann sich Philip Roth, jüdischer Abstammung, leisten. In Deutschland führte so eine Gestalt (neben anderem) in einem Kinderbuch 2008 zum Indexierungsantrag durch das Bundesfamilienministerium (roth Angegriffene Literatur in Deutschland; der Antrag wurde abgelehnt)
Nat King Cole: "Smile" (Charlie Chaplin, Turner, Parsons), aus dem Film "Modern Times"; Capitol 1954 (S. 147).
Everyman auf englisch zu lesen bewirkt, dass man sich einen soliden Wortschatz für ausgefallene Körperteile und Alterskrankheiten einprägt. Wie so oft bewegt sich Roth in wohlsituierten Kreisen der US-Gesellschaft und führt uns vor, wie man ein Leben, für das es keine Wiederholung gibt, recht nutzlos verstreichen lassen kann. Oder meint das nur der Protagonist von seinem Leben? Roths erzählerische Begabung macht einen guten und lesenswerten Roman daraus. Routine auf hohem Niveau.
Links
roth Philip Roth
rothMetacritic
rothPhilip Roth Discusses 'Everyman' audio
Wer Hugo von Hofmannsthal: Jedermann suchte, kann hier weitermachen: rothJedermann
Literatur
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
roth rothPhilip Roth: Everyman. New York: Random, 2007. Broschiert, 182 Seiten roth
Philip Roth: Jedermann. Rowohlt 2008. Werner Schmitz, Übs. Broschiert, 160 Seitenroth
roth Anfang

Roth
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 22.4.2008