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Hosseini
Khaled Hosseini: The Kite Runner
[deutsch: Drachenläufer] Bloomsbury, 2004. Taschenbuch, 340 Seiten – Khaled LinksKhaled Literatur
The Kite Runner war länger als zwei Jahre auf der US-Bestsellerliste, allein in den USA wurden über 4 Millionen Exemplare verkauft, die Verfilmung war sehr erfolgreich und läuft in Deutschland im Sommer 2008 erst richtig an. Der Roman wurde in 47 Sprachen und übersetzt und verkaufte weltweit 15 Millionen Exemplare. Was ist dran an dem hochgelobten Roman?
Der Erzähler Amir wird 1963 in eine wohlhabende afghanische Familie der paschtunischen Elite Bevölkerung geboren. Sie können sich zwei Diener (fast schon Sklaven) aus der unterdrückten Volksgruppe der Hazara ( Khaled Links) halten: Hassan, ein Jahr jünger als Amir, und dessen Vater Ali. Beide sind Amir und seinem Vater Baba treu bis zur Selbstaufgabe – wie sich zeigen wird – ergeben.
Die scheinbar unerschütterliche, schon innige Freundschaft zwischen Amir und Hassan zerbricht, da Amir sich absonderlich verhält.
a) Er behandelt Hassan wie einen Hund und betont seinen Dienerstatus und
b) stellt ihn auf die Probe: was wenn er ihn fordert Dreck zu essen?
c) Nach einem traditionellen Drachenwettbewerb, den Hassan sozusagen für Amir gewinnt, wird Hassan von drei Jugendlichen Assef, Wali und Kamal überfallen, verprügelt und vergewaltigt (!). Amir sieht zu und trollt sich.
d) Dem allen setzt Amir die Krone auf, indem er Hassan einen Diebstahl unterschiebt und daran sogar festhält, als Ali und Hassan darauf gedemütigt das Anwesen verlassen und wegziehen.
Nach dem Einmarsch der Russen in Afghanistan fliehen Baba und Amir in die USA. The Kite Runner geht in einen Einwanderer-Familienroman über. Amir heiratet, trotzdem seine Geliebte nach dem Ehrenkodex ein gefallenes Mädchen ist. Die Ehe bleibt kinderlos. Er wird erfolgreicher Schriftsteller.
Nach dem Tod Babas meldet sich Rahim wieder, ein früherer Familienfreund. Er gibt Amir ein Foto von Hassan und dessen Sohn Sohrab. Hassan kam in den Kriegswirren durch die Taliban um, der Sohn in zweifelhafte Waisenhäuser, wo der kleine Bub vergewaltigt wird.
Amir überwindet sich und reist nach Afghanistan, obwohl die Lage nach der Machtübernahme durch die Taliban noch gefährlicher geworden ist, besonders für jemand, der das Land verlassen hatte. Es stellt sich heraus, dass Hassan und Amir Halbbrüder sind.
Er findet Sohrab in den Händen eines fürchterlichen Militärs, den er zuvor eine Steinigung in einem Stadion durchführen sah. In einem aberwitzigen Zweikampf (der Peiniger stellt sich als die Jugendbekanntschaft Assef heraus; dieser Zweikampf ist so recht auf den US-Markt zugeschnitten: "Winner takes all" gefällt den US-Lesern immer) erobert Amir den Waisen und will ihn nach Pakistan bringen. Doch dieser Plan scheitert und Amir wird klar: er will Sohrab adoptieren. Doch Adoptionen sind schier unmöglich. Amir schafft es um den Preis, dass Sohrab verstummt. Ähnlich wie früher in Kabul Ali und Hassan vor dem Herrschaftshaus in der Hütte lebten, zieht sich nun Sohrab in wohlhabender US-Umgebung vor Amir und Soraya symbolisch in eine "Hütte" zurück. Doch am Ende deutet sich auch bei Sohrab ein Wandel an.
Die glaubwürdigste und lebendigste Person ist der Vater Baba. Auch er hat Verrat betrieben, da er seinen Sohn Hassan verleugnet. Dies obwohl er die Lüge als schwerstes Vergehen ansieht und finanziell alle Optionen hätte. Man kann ihm aber einiges zugute halten: er kümmert sich um Ali und Hassan väterlich; die Paschtunen sehen zu den Hazara eine starke Kluft.
Ali/Hassan und Assef sind klischeehaft überzeichnet.
• Ali/Hassan in ihrer abgöttischen Anhänglichkeit, die sich besonders beim zweifachen Verrat Alis zeigt. Hassan – so wird angedeutet – hat gesehen, dass Amir tatenlos zusah, als er verprügelt und vergewaltigt wurde. (Die Vergewaltigung unter Jugendlichen ist starker Tobak; Hassan ist erst elf Jahre alt.) Das war freilich eine Situation, die man Amir verzeihen mag. Die anderen waren älter, bewaffnet und zu dritt.
Zumindest Hassan – vielleicht auch Ali – weiß, wie er zum "Dieb" wurde. Sein Verhältnis zu Baba ist durchaus so, dass dieser ihm glauben würde.
• Assef ist der Schurke, wie er von Ludwig Ganghofer und Karl May ausgedacht wurde: durch und durch böse.
Amir ist auf erste Sicht ambivalenter gezeichnet, wenn auch der letzte Verrat für mich völlig überzeichnet ist. Man mag es zunächst als Kurzschlusshandlung einstufen, er hatte aber mehrere Gelegenheiten es klarzustellen oder abzubiegen oder abzumildern. Von späterer Reue oder Überdenken ist wenig zu spüren. Ziemlich am Ende stellt sich ein Lerneffekt heraus: seinen Schwiegervater, den General, weist er bezüglich seines Adoptivneffen Sohrab zurecht: "You will never again refer to him as »Hazara boy« in my presence. He has a name and it's Sohrab" (S. 331). Zu Amirs "Erweckung" musste erst der Familienfreund Rahim anrufen ...
Amirs Wutanfall, als sich die Halbbruderschaft herausstellt (S. 206), und seine Vorwürfe an den verstorbenen Baba (S. 208) sind dramaturgisch wirkungsvoll, charakterlich aber unfundiert. Baba war einmal feige und versuchte dann das Beste daraus zu machen. Amir war abgrundtief  verschlagen. In seinem Verhalten zu Hassan spielte viel Neid und Egozentrik mit. Zu seiner Entlastung: Vielleicht wurde Amir auch so egozentrisch, zur dominierenden Klasse gehörig, erzogen. Das gibt der Text aber kaum her.
Andrerseits entwickelt Amir selten ein Verständnis für die anderen. Typisch scheint mir die lange Szene im Haus von Mahid / Maryam und deren Familie zu sein (S. 220-223), die ihm bei der Suche nach Sohrab helfen sollen. Er wird trotz größter Armut gut bewirtet; er sieht die halbverhungerten drei Söhne und schenkt ihnen eine Digitalarmbanduhr.
Die heiligenartige Bescheidenheit und Demut Hassans, die bis zur Aufopferung für den Freund Amir geht, lässt Vergleiche mit Jesus wach werden. Amir, der ihn mehrfach verleugnet und verrät, wäre dann Petrus. In einer öffentlichen Diskussion der BBC mit dem Autor wurde der Vergleich Hassan – Jesus angefragt und von Hosseini nicht verneint.
Zur warmen, teilsweise überschwenglichen Akzeptanz des Romans
In Besprechungen und in Frageaktionen mit dem Autor wird als Verfehlung Amirs meist nur das Wegschauen beim Überfall nach dem Drachenflugwettbewerb angegeben. Das wird auch durch den Autor verstärkt. Gleich zu Beginn wird dieses Ereignis als in der Gasse als das Entscheidende für sein Leben benannt. Dass Amir schon vorher seinen Freund verleugnete (Er ist nicht mein Freund, sondern unser Diener), dass er Hassans Hingabe zu widrigen Aktionen ausnutzte (Prüfung bezüglich Dreck essen) und vor allem seinen aktiven Betrug und Verrat bis zu seinem Wegzug wird anscheinend ignoriert. Ich vermute: als herzzerbrechende Hauptfigur dient er als Identifikation. Da will man seine dominant abscheuliche Seite (die sich sogar in der Ferne in weiterem Desinteresse fortsetzt) nicht sehen.
Die Moralvorstellungen sind uns teilweise fremd
Die Diskriminierung der Hazara hängt – fast ahnt man es – mit unterschiedlicher religiöser Einstellung zusammen. Die Hazara sind Schiiten, die Paschtunen sind Sunniten.
Auch die Aussonderung Sorayas (spätere Frau von Amir) stößt bei den meisten Lesern wohl an.
Dass sich für Amir durch die Enthüllung der Halbbruderschaft so vieles ändert (S. 206-209) zeigt eine komische Moral. Er agiert nach dem Motto: Ja, das wenn ich gewusst hätte, dann wäre ich nicht so gemein zu Hassan gewesen!
An vielen Stellen spürt man die Wärme des Autors für Afghanistan und seine Romanfiguren. Hosseini schreibt elegant und wirkungsvoll. Mich stört es allerdings, wenn man an fast jedem Kapitelende die "Kreatives Schreiben"-Lektionen erkennt: ein andeutender Schlusssatz, der den geistigen Speichelfluss anregt.
Der Zweikampf Assef - Amir ist auf Actionfilm getrimmt. Ab hier bis zum Ende alles etwas hollywoodhaft und nicht mehr so glaubhaft wie zu Beginn in Afghanistan.
Amir beharrt trotz Schwierigkeiten auf Adoption und will sie durchsetzen. Sohrab will keinesfalls mehr in ein Kinderheim. Trotzdem schlägt ihm Amir – meines Erachtens unmotiviert, da er selbst diese Möglichkeit zuvor ablehnte – vor, zumindest übergangsweise in ein Kinderheim zu gehen (S. 312).
Hervorragend gelingt die stillschweigende Gegenüberstellungen der verschiedenen Abschnitte der afghanischen Geschichte: friedvoller, wenn auch problematischer Vielvölkerstatt; Einmarsch der Russen; Bürgerkrieg der Mudschaheddin-Gruppierungen; Machtübernahme der Taliban. Gegen all dies setzt Hosseini das freiheitliche integrative Leben in den USA, ohne dass dort die eigene Identität aufgegeben werden mußte.
Hollywood-Zutaten
Neben einzelnen – bereits genannten Situationen, die so recht nach dem US-Geschmack sind (die USA als gelobtes Land kommt noch dazu) – fallen diese drei "Hollywood-Zutaten" auf. Oder sind es Versatzstücke des Groschenromans?
• lange unentdeckte Halbbruderschaft
• Liebesheirat entgegen den Konventionen
• Adoption gegen viele Widerstände
"How seamless seemed love and then trouble came" (S, 229), aus einem Gedicht des persischen Dichter Rumi (1207-1273).
The Kite Runner bietet dem Leser eine anregende Geschichte um Lüge, Verrat und Freundschaft aus einem entlegenen Land, das aber seit der Invasion der USA im Oktober 2001 wieder im Zentrum des Weltgeschehens steht. Die persönlichen Schicksale und Beziehungen fügen sich gut vor diesem politischen Hintergrund ein.
Sehr lesenswert, wenn auch teilweise zu hollywoodhaft.
Vergleichsliteratur
Joseph Conrad: Lord Jim
Links
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HosseiniAfghanistan
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Rezensionen
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Jefferess, David (2009): "To be good (again): The Kite Runner as allegory of global ethics". Journal of Postcolonial Writing 45:4, S. 389-400.
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