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Boyle
T. Coraghessan Boyle: The Tortilla Curtain
[deutsch: América] London: Bloomsbury, 2004. Taschenbuch, 355 Seiten – Boyle LinksT. Coraghessan Literatur
Die siebzehnjährige América und der 33-jährige Cándido flüchten illegal aus Mexiko nach Kalifornien. Der Roman erschien 1995, da war der Tortilla-Vorhang, das ist die Grenze zwischen Mexiko und den USA, noch durchlässig.
T.C. Boyle gewann mich als Leser bereits mit seinem Motto auf The Grapes of Wrath von John Steinbeck. Dort heißt es über die "Oakies":
»They ain't human. A human being wouldn't live like they do. A human being couldn't stand it to be so dirty and miserable«.
Das Zitat aus dem Buch wurde auch im Film ziemlich wörtlich übernommen.
Ganz abgesehen, dass John Steinbeck ein von mir favoritisierter Autor ist, zitiere ich genau dies auch gelegentlich um die Mechanismen der Abgrenzung zu zeigen. Wenn man die andere Gruppe zunächst aus der Gemeinschaft der sauberen Menschen ausschließt, fällt die Diskriminierung und Schlimmeres umso leichter. Es ist eine der Standardrechtfertigungen für Inhumanität.
Zwei Paare aus zwei verschiedenen Lebenswelten kreuzen im Roman des öfteren ihre Wege.
Da ist das schon genannte mexikanische Flüchtlingspaar, das nicht anderes als menschenwürdig leben will. Aus der US-Gesellschaft griff sich Boyle ein Yuppie-Paar: Kyra Mossbacher ist eine erfolgreiche Grundstück- und Immobilienmaklerin, ihr Ehemann Delaney ist Schriftsteller und ähnelt damit wohl dem Autor selbst.
Wie es sich für eine aufrechten Schriftsteller gehört, ist Delaney zunächst liberal und sozial eingestellt. Er schreibt zudem ökologisch gerichtete Artikel. Wanderungen in den kalifornischen Sierras gehören zu seinem Freitzeitprogramm, Verständnis für eine unberührte Natur zu seiner Haltung.
Im Laufe des Romans gleitet Delaney allmählich auf die Abschottungsseite über. Das Wohnviertel erhält eine Mauer um die Flüchtlinge herauszuhalten. Zum Teil wird dies motiviert durch eindringende Kojoten. Die zweimal die Hunde der Mossbachers attackieren und verschleppen.
Trotzdem hier die Frage auftaucht, wer zuerst da war (in der Tierwelt waren es sicherlich die Kojoten), schlittert auch der Leser auf der schiefen Bahn der Ausgrenzung entgegen.
Die soziale Einstellung reicht oft nur solange es einen selbst nicht betrifft.
Die Personen und Schauplätze entstanden greifbar. Hier hatte ich den Vorteil, dass ich zumindest die Grenze zwischen Mexiko und Texas von eigenen Reisen her kenne (1987, 1989) und mich schon deshalb über die Jahre immer für die Problematik an dieser Wohlstandsscheide interessiert habe.
América und Cándido sind ein starkes und tragisches Paar. Sie durchlaufen einige Katastrophen und Unglücksfälle, wobei ich meine, einige davon gehen auf Candidos Nachlässigkeit. América ausgeraubt, gedemütigt und vergewaltigt  ist die Leidtragende. Sie wird schwanger und muss trotzdem arebiten gehen, weil Candido nicht imstande ist für die beiden zu sorgen. Das durch Candido verursachte Feuer (S. 257) wird von Boyle etwas dick aufgetragen. Es gipfelt schließlich in einer Geburt, die an die legendenhafte Geburt Jesus erinnert:
»... in the middle of it all, with the terrible clenching pains coming one after the other, the animals suddenly stopped howling and the wind ceased its incessant drumming at the walls« (S. 282). Da wird dann sogar die wilde Katze zahm und América kürt sie zur Hebamme (S. 283).
Zum Ende des Romans kann Boyle trotzdem nochmals steigern als er Delaney in die Büsche, wo die Mexikaner hausen, ausschickt. Im Inferno aus Feuer und Wasser ist der Verbleib des Kindes und das Schicksal des Paares fraglich, da setzt Boyle im letzten Satz einen Hoffnungsschimmer. Ein Weißer (wohl Delaney) reicht ihm die Hand und er greift sie.
Eine stilistische Eigenheit dramatisiert das Geschehen. Boyle wechselt häufig zwischen gemächlichem Auserzählen und schnellen Aktionsbeschreibungen. Das gibt dem Text Kraft, war mir nur manchmal in den epischen Stellen zu lang.
Hervorragend erzählter, gut komponierter Roman mit einer hochaktuellen Problematik. Boyle nimmt keine Position ein, ich meine er macht jeden Leser – egal wo er zu Beginn der Lektüre steht – nachdenklich. Eine einfache Antwort gibt es weder an der Grenze im Roman noch für die Festung Europa, dass ich vehement gegen die Armut abgrenzt noch im eigenen lokalen Bereich. Manch Kinderfreund denkt anders, wenn man den Kindergarten direkt neben sein Haus bauen will. Ein ungewöhnlich starker Roman! Sehr zu empfehlen.
Links
BoyleT. Coraghessan Boyle
BoyleT. C. Boyle
BoyleThe Tortilla Curtain - Online Resources
BoyleAmérica
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Boyle Fritz Mauthner: Der letzte Deutsche von Blatna (1886)
John Steinbeck: The Grapes of WrathBoyle John Steinbeck
Literatur
Cotes, Peter (2005): "Eastenders Go West: English Sparrows, Immigrants, and the Nature of Fear". Journal of American Studies 39:3. S. 431-462
Hicks, Heather J. (2003): "On Whiteness in T. Coraghessan Boyle's The Tortilla Curtain". Critique: Studies in Contemporary Fiction 45. S. 43-64
Kingsolver, Barbara (1995): "Downscale in Topanga Canyon". The Nation 261:9. S. 326-327
Meyerson, Gregory (2004): "Tortilla Curtain and The Ecology of Fear". BoyleOnline verfügbar (pdf)
Paul, Heike (2001): "Old, New and 'Neo' Immigrant Fictions in American Literature: The Immigrant Presence in David Guterson's Snow Falling on Cedars and T.C. Boyle's The Tortilla Curtain". Amerikastudien 46.2 (2001): 249-65.
Weiler, Bernd (2004): "Tschechische »Scheerenschleifer« – Illegale »Beaners«. Über die Ängste der Etablierten bei Fritz Mauthner und T.C. Boyle". Newsletter Moderne. Zeitschrift des Spezialforschungsbereichs Moderne – Wien und Zentraleuropa um 1900. 7:2, S. 32-36.
Mauthneronline 1Mauthneronline 2 (pdf)
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Tom Coraghessan Boyle: The Tortilla Curtain. Penguin, 1996. Taschenbuch, 355 Seiten Boyle
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Christian Dörr: Tom Coraghessan Boyle: The Tortilla Curtain. Analysen und Reflexionen: Darstellung und Interpretation. Beyer 2008. Taschenbuch, 104 Seiten Boyle
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Ulrich Imig, Hg.: T.C. Boyle: The Tortilla Curtain. Textheft. Cornelsen, 2005. Taschenbuch, 356 Seiten Boyle
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