Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
Capote
Truman Capote: Breakfast at Tiffany's [Frühstück bei Tiffany]
Stuttgart: Reclam, 1989. Broschiert, 155 Seiten. Herbert Geisen, Hg. – Truman LinksTruman Literatur
Dieser kurze Roman wurde bisher von mir falsch eingeschätzt, wohl wegen des Titels (Tiffany und mondän sind nahezu synonym) und wegen der Verfilmung mit Audrey Hepburn, die den Eindruck verstärkte. Dabei steht die Hauptperson, die junge Holly Golightly, dem frischen Holden Caulfield aus The Catcher in the Rye näher als ich dachte.
Die achtzehnjährige Holly ("It was a face beyond childhood, yet this side of belonging to a woman", S. 15) tritt 1943 unvermutet ins Leben des Ich-Erzählers (Alter Ego des Autors), wirbelt es auf und verschwindet wieder. Dabei umgibt ihre Vergangenheit (irgendwo in Texas, verheiratet mit 14), ihre Gegenwart, als auch ihre Zukunft die Aura des Ungewissen. Das hat sie mit Gatsby gemeinsam.
So ist beispielsweise unklar, womit sie genau ihren aufwändigen Lebensstil bestreitet. Nur von den 50-Dollar-Scheinen, die sie von Herren abkassiert, wenn sie abends ausgeht?
Holly hasst nichts mehr, als Männer die beißen (S. 21). Sie will frei sein und wünscht niemand eingesperrt zu sehen. So verschenkt sie einen Vogelbauer mit der Auflage darin keinen Vogel einzusperren. Ihre Katze schenkt sie die Freiheit. Wie Holden Caulfield verabscheut sie die Lügen und Verstellung. Das verträgt sich wenig mit den Kreisen, in denen sie verkehren will und in denen sie sich anscheinend wohl fühlt. Sie verkehrt aber auch in Gangsterkreisen. Und: man hat den Eindruck, dass sie zum Ausgleich der oberflächlichen Glitzerwelt nach einer echten Beziehung sucht.
Sie träumt vom Frühstück bei Tiffany, will aber auch dann als diejenige aufwachen, die sie immer schon ist (S. 47). Andrerseit ist sie einem kleinen Diebstahl nicht abhold. Dies alles zeigt Hollys zwiespältigen Charkater, der gerade die Story so amüsant macht.
Wie beim Grossen Gatsby ist der Ich-Erzähler in den Roman verstrickt und steht andererseits abseits. Capote führt den Leser durch eine spätere Episode (Ist Holly wieder aufgetaucht?) an das Geschehen heran. Dadurch wird das Geheimnisvolle um Holly von Anfang präsent und verstärkt.
Wie dort finden auch in Breakfast at Tiffany's reichlich Feten und Parties statt. Ein junges Mädchen – sie stotternde Mag Wildwood vom Hill Country in Arkansas – wird vom Multimillionär Rusty Trawler geheiratet.
Die Dialoge sind grossenteils witzig und spritzig. Capote flicht reichlich Slang hinein. Dabei ist mir nicht ganz geläufig, ob es sich um zeitbetonte Redewendungen handelt, z.B. „I'm always top banana in the shock department“ (S. 74). Holly wird verhaftet mit der Aufforderung: „Come along sister. You're going places.“ Holly kontert: „Get them cotton-pickin' hands off of me, you dreary, driveling old bull-dyke.“ (S. 112)
New York
Frühstück bei Tiffany kann so nur in New York spielen. Capote nennt viele Lokalitäten (die es zum Teil noch heute gibt), Strassen und Bauwerke. Trotzdem spielt sich alles  in einem kleinen Kreis ab, die den Barbesitzer Joe Bell zu Beginn daran zweifeln läßt, dass Holly wieder in New York ist: "If she was in this city I'd have seen her" (S. 11). Damit wird New York zum Dorf.
Pop
• „Waltzing Matilda“ (S. 19)
• Hits von Cole Porter: „I Love You“ aus dem Musical: Mexican Hayride (1943) – „You'd Be So Nice To Come Home To“ aus dem Film: Something To Shout About (1943) – „Begin The Beguine“ (1935)
Kurt Weill: „Speak Low“ aus dem Musical One Touch of Venus (1943)
Oklahoma (Musical von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein, S. 20), daraus u.a. „Oh What a Beautiful Mornin'“ - „People Will Say We're in Love“
• „Moon River“ (mit anderem Text; S. 20)
• „Brazil“ (S. 60)
25. Oktober 1943
An einem wunderschönen Montag im Oktober 1943 streift Holly mit dem Ich-Erzähler durch die Stadt (S. 65). Da gleich anschließend Halloween ist (S. 66-67), war dies der 25. Oktober 1943, also genau ein Tag vor meinem Geburtstag!
Der Käfig
Zur Symbolik des Käfigs, des Besitzen und Einsperrens lese man Gerald R. Lucas (Truman Links).
Homo- und Heterosexualität
Truman Capote war bekannte sich zu seiner Homosexualität, keine Selbstverständlichkeit zu seiner Lebenszeit. Es ist nicht verwunderlich, dass er auch seine Romanfiguren sexuell verschiedenartig darstellte.  Die Homosexualität und Heterosexualität spielt daher sowohl männlicher-, als auch weiblicherseits in Breakfast at Tiffany's eine gewisse Rolle.
• Holly erkennt einen homosexuellen Mann wie folgt: “There're so few things men can talk about. If a man doesn’t like baseball, then he must like horses, and if he doesn’t like either of them, well, I’m in trouble anyway: he don’t like girls” (S. 46). Ihre Bücher sind folgerichtig zur Hälfte über Pferde, der Rest über Baseball (S. 42). Holly will bei den richtigen Männern mitreden können. • • • Dagegen muss der Ich-Erzähler sein Interesse an diesen Männerthemen vorspielen (S. 42).
• Hollys Bruder Fred, zu dem Holly eine besondere Beziehung hat, ist ein Pferdefreund (S. 49).
• Holly gibt noch ein Signal für die Homosexualität des Erzählers: “Well, I may be rotten to the core, Maude, but: testify against a friend I will not” (S. 124).
Der Herausgeber des Reclam-Bändchens Herbert Geisen gibt zu „Maude“ etwas naiv nur „Mädchenname“ an, was an dieser Stelle nicht sinnvoll erscheint. Dagegen weist Pugh 2002 auf die homosexuelle Bedeutung von „Maud“ hin. In Partridge 2000 steht: „»Maud«: A male prostitute: prostitutes' and homosexuals': since ca. 1940“ (S. 727).
• Holly entpuppt sich als Verfechterin der Heterosexualität: „A person ought to be able to marry men or women“ (S. 99).
• Holly ist ganz schnell dabei, weibliche Personen als dyke, „bull-dyke“, Polizistenlesbe (S. 112),  oder „Miss Dykeroo“, Fräulein Oberlesbe (S. 121) zu bezeichnen. 
Auf diese und zahlreiche andere Belegstellen für die Homosexualität von Joe Bell und dem Erzähler verweist Pugh 2002.
Anmerkungen
»My wild sweet Cathy«, S. 75. Holly zitiert die letzten Worte aus dem Film "Wuthering Heights" (1939): "Good-bye, my wild, sweet Cathy".
Ein erfrischender kleiner Roman, der wegen Lässigkeit, New York, Witz und Sprache und seiner unvergessliche Holly, nicht zuletzt wegen dem 25. Oktober 1943, jetzt schon zu meinen Lieblingsromanen zählt.
Links
CapoteFrühstück bei Tiffany
CapoteTruman Capote
CapoteMatthew M. Cash (1996): "„A-Travelin' Through the Pastures of the Sky“ - A Critical Analysis of Breakfast at Tiffany's"
CapoteLeselust
CapoteGerald R. Lucas: „The Cage“
CapoteDieter Wunderlich
Vergleichsliteratur
Saul Bellow: The Adventures of Augie March
Truman F. Scott Fitzgerald: The Great Gatsby
Truman Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen
Truman Jerome David Salinger: The Catcher in the Rye
Literatur
Hassan, Ihab (1960): "The Daydream and Nightmare of Narcissus". Wisconsin Studies in Contemporary Literature 1:2, S. 5-21.
Kopitsch, Robert (2009): "TRUMAN CAPOTE – Grenzgänger zwischen Literatur und Journalismus. Eine biographische Annäherung und Analyse seiner literarisch-journalistischen Werke". Diss. Universität Wien, Wien. Capoteonline (pdf)
Krämer, Peter (2004): "The Many Faces of Holly Golightly: Truman Capote, Breakfast at Tiffany's and Hollywood". Film Studies 5, S. 58-65 Capoteonline (pdf)
Partridge, Eric, Paul Beale, Hg. (2000): A Dictionary of Slang and Unconventional English. 8th ed. London: Routledge.
Pugh, Tison (2002): "Capote's Breakfast at Tiffany's". The Explicator 61:1. S. 51-53
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
Capote PeterTruman Capote: Frühstück bei Tiffany. Jubiläumsausgabe. Kein & Aber 2008. Gebunden, 174 Seiten Capote
Truman Capote: Frühstück bei Tiffany. Ein Kurzroman und drei Erzählungen: "Das Blumenhaus" - "Die Diamanten-Gitarre" - "Eine Weihnachts-Erinnerung".  Hansi Bochow-Blüthgen, Marion F. Steipe, Helen Ryhenstroh, Elisabeth Schnack, Übs. Reinbek: rororo. Taschenbuch: 144 Seiten Capote
Capote CapoteTruman Capote: Breakfast at Tiffany's. London: Penguin, 2000. Mit den 3 Stories 'House of Flowers', 'A Diamond Guitar', 'A Christmas Memory'. Taschenbuch, 160 Seiten Capote
Truman Capote: Breakfast at Tiffany's. 50th Anniversary Edition. New York: Random, 2008. Broschiert Capote
Capote CapoteTruman Capote: Breakfast at Tiffany's. Herbert Geisen, Hg. Ditzingen: Reclam, 1989. Taschenbuch, 155 Seiten Capote
Truman Capote: Breakfast at Tiffany's. Paramount DVD 2009. Audrey Hepburn & George Peppard (Darsteller), Blake Edwards (Regisseur). Capote
Capote Anfang

Capote
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 22.9.2010