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Roth
Philip Roth: Indignation
[Empörung] London: Vintage, 2009. Taschenbuch, 233 Seiten – Philip LinksPhilip Literatur
Der siebzehnjährige Marcus Messner aus Newark, New Jersey, ist begabt und lernt fleißig. Man schreibt das Jahr 1951, der Koreakrieg hat gerade begonnen. Marcus' Vater beginnt misstrauisch zu werden (ob die Ursache gesundheitlich bedingt stellt sich nicht heraus). Marcus ist brüskiert und flüchtet an ein College in Winesburg, Ohio. Am Ende bewahrheiten sich die wahnhaften Vorstellungen des Vaters.
In Winesburg (vergleiche Sherwood Anderson) läuft der zurückhaltende, lerneifrige Marcus in Probleme mit seinen Kameraden und dann mit Hawes D. Caudwell, Dean des College. Das Gespräch mit diesem, zu dem er zitiert wird, ist ein Höhepunkt des Romans.
Olivia führt Marcus ganz überraschend die sexuellen Freuden vor. Keine Überraschung für den literaturkundigen Leser: der Campus ist mit Ulmen bestückt. Eugene O'Neill: Desire Under the Elms, 1924, weist die Richtung.
Marcus ist verwirrt. Beim Dean kotzt er sich aus (auch Holden Caulfield im Catcher in the Rye kotzt symbolisch ob der Verlogenheit der Erwachsenen), bei Olivia ist er völlig verunsichert.
Marcus hat nicht nur Probleme, weil er sich dem Ordnungsgeist der konservativen fünfziger Jahre widersetzt und seinen eigenen Weg gehen will. Er lernt auch die Religionen zu verabscheuen und beruft sich beim Dean dabei auf Bertrand Russell: Why I am Not a Christian (1927). Nach außen gibt sich die US-Gesellschaft als weltoffen und meinungsfrei. Auf der lokalen Ebene ist kaum etwas schlimmer als anti-religiös oder gar atheistisch zu sein.
Dem obligatorischen Kirchenbesuch am College entzieht sich Marcus. Dazu besticht er einen Kameraden, der für ihn teilnimmt. Scheinbar platzt der Betrug und Marcus' Befürchtungen erfüllen sich. Während der gesamten Monate an den Colleges in New Jersey und dann in Ohio hat er (ähnlich wie sein Vater) Wahnvorstellungen vor dem College-Hinauswurf, Abkommandierung nach Korea und dem Tod. Am Ende erhalten er und sein Vater recht ...
Blut & Sperma
Blut (Tod) und Sperma (Leben) sind nahezu ständig präsent. Als Schüler hilft Marcus in der Metzgerei seines Vaters aus. Ein ehemaliger Zimmerkamerad rächt sich und verwüstet Marcus' Zimmer unter anderem mit seinem Sperma. Im College kommt es (über die genauen Gründe kann man nur rätseln) zu einer Schneeballschlacht, dieZimmer der weiblichen Studentinnen werden gestürmt, in die Höschen onaniert und der "Große Weiße Höschenklau vom College Winesburg" geht in die Geschichte ein. Der Präsident verhängt zahlreiche drastische Strafen.
Am Ende steht der Koreakrieg. Aller Leichtsinn und Übermut, alle Regelverstöße zuhause schrumpfen auf ein menschliches Mass gegenüber dem unmenschlichen Leid im Krieg. Jetzt ist Marcus Messner wirklich in einer "mess".
Roth ging es nicht nur darum einen weiteren US-Entwicklungsroman (wie z.B. der schon erwähnte Catcher, 1951) vorzulegen. Eine historische Nachbemerkung informiert, dass die jugendlichen Proteste der 60-er Jahre dazu führten, dass manche verstaubte Regel am College Winesburg aufgehoben wurde.
Drei Punkte (unter vielen anderen), die mich erfreuten
• Olivia besucht den vom Blinddarm befreiten Marcus am 26. Oktober 1951 im Krankenhaus. Ich wurde genau 8 Jahre alt.
• Bertrand Russell wird vom 18-jährigen Marcus gegen den Dean des College erfolgreich verteidigt.
• Marcus durchschaut instinktiv und von der Russell-Lektüre geleitet, dass man nicht der Obrigkeit blind gehorchen darf und nicht den Gerüchten, Erzählungen und Mythen vertrauen sollte, sondern im Sinne Immanuel Kants seinen eigenen Verstand gebrauchen soll.
Das ist auch seiner Empörung gegen seinen Vater zu verdanken, der nicht so sehr seinen eigenen Augen vertraute, sondern das glaubte, was im der Klempner während der Reparatur der Toilette vorlaberte (S. 14). Später glaubt er nicht seinem Sohn oder seiner Frau, sondern dem Mythos, dass jeder Jugendliche aus der Rolle fällt, wenn er nicht kleinlich alle Regeln einhält.
Dem Dean gegenüber beharrt Marcus: "I am sustained by what is real and not by what is imaginary. Praying to me is preposterous" (S. 93). 
Weitere Themen
• Altersdemenz versus individuelle Paranoia
Ob der Vater altersdement wurde bleibt unklar. Seine grosse Sorge, dass Marcus etwas passieren könnte, ist berechtigt. Marcus greift die Paranoia vor Bestrafung bis zum Tod auf. Doch ist nicht auch sie berechtigt? Andrerseits erzählt alles Marcus unter Morphium. Fiebert er die Geschichte zusammen?
• Verletzung von Regeln
Sowohl in den familiären Beziehungen der Messners, zwischen Marcus und Olivia, als auch im College werden häufig Regel aufgestellt oder mehr oder weniger explizite Regeln verletzt. Keine dieser Verletzungen ist so folgenschwer, wie die Regelverletzung unter den Völkern – hier im Koreakrieg.
• Zivilcourage & Meinungsstärke
Zwischen Unterwerfung und offener Empörung gäbe es einen Mittelweg:
"A little detachment goes a long way at Winesburg. Keep your mouth shut, your ass covered, smile–––and then do whatever you like." (S. 122)
Doch diesen will Marcus nicht gehen. Als er doch mitmacht (und den Kirchenbesuch vortäuscht), scheitert er. Am Todesbett denkt er darüber nach, ob der Mittelweg nicht doch besser gewesen wäre:
"Couldn’t believe like a child in some stupid god! Couldn’t listen to their ass-kissing hymns! Couldn’t sit in their hallowed church! And the prayers, those shut-eyed prayers–––putrefied primitive superstition! Our Folly, which art in Heaven!" (S. 230)
Doch seine Abneigung war stärker:
"The disgrace of religions, the immaturity and ignorance and shame of it all!" (S. 230)
Irgendwann muss man bereit sein den knallharten Weg ohne Kompromisse zu gehen:
"There is some shit I will not eat", heißt es im kurzen Motto von E. E. Cummings
Dazu muss jeder selbst die Grenze bestimmen, ab dem er den Krampf nicht mehr mitmacht. Wenn man zulange mitmacht läuft man Gefahr den richtigen Punkt zu verpassen.
Zu kurz kam in der Besprechung
Olivia, die aus einer geschiedenen Ehe stammt. Nach dem Nicht-in-die-Kirche gehen das nächst Verwerflichste. Sie verschwindet aus Marcus' Umfeld und er sucht sie. Doch seine Mutter verlangt ihm das Versprechen ab mit Olivia zu brechen.
• die Thematisierung der Privatsphäre. Marcus wechselt sein Zimmer im College, nicht weil er ein Feigling ist, sondern weil er seine Privatsphäre erhalten will und wegen dieser Kleinigkeit keine Auseinandersetzung haben will. Gegenüber den Dean beharrt er mehrfach darauf, seine eigene Position vertreten zu dürfen und er verbiete sich eine persönliche Aushorchung (McCarthy war 1951 zugange).
Anmerkungen
• "I shot an arrow in the air", zuerst S. 130, ist der Anfang des Gedichts "The Arrow and the Song", 1846, von Henry Wadsworth Longfellow.
• In religiösen Zirkeln löste Indignation Empörung aus, siehe die Besprechung auf GodSpy von
John Murphy, der "Roth’s worsening artistic arthritis" verantwortlich macht. Ganz anders – erstaunlicherweise – die Besprechung beim katholischen Borromäusverein (Michael Braun, siehe Philip Links). 
Nicht die Empörung der Jugendlichen, die nach ihrem Weg im Leben suchen und die überkommenen Regeln zur Diskussion stellen, ist empörend, sondern das was offensichtlich aus den Regeln resultiert: Blockdenken, Atomaufrüstung und der Koreakrieg, der Zweite Weltkrieg ist noch keine zehn Jahre zu Ende.
Ein herausragendes Alterswerk des grossen Schriftstellers Philip Roth. Etwas zuviel Sperma, aber sehr aktuelle Themen und ein Höhepunkt in der Mitte des Romans mit der Auseinandersetzung Marcus – Dean.
Links
Roth Philip Roth
RothMichael Braun: “Rebel without a cause”: Philip Roth über die “Empörung” der amerikanischen Jugend in den 1950er Jahren, Borro Rezension - Rothenglisch
RothElmar Krekeler: "Philip Roth beschreibt einen See aus Sperma", Die Welt 2.2.2009
RothJohn Murphy: Roth's Wrath. GoSpy, 25.9.2008
RothDieter Wunderlich: "Philip Roth: Die Empörung"
RothSherwood Anderson: Winesburg, Ohio; 1919
Roth Eugene O'Neill: Desire Under the Elms
Roth Bertrand Russell
Bertrand Russell: Why I am Not a Christian: RothpositiveatheismRothusers.drew.edu
Roth Jerome David Salinger: The Catcher in the Rye
Literatur
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roth Roth Philip Roth: Empörung. Reinbek: Rororo, 2010. Werner Schmitz, Übs. Taschenbuch, 208 Seiten Roth
Philip Roth: Indignation. New York: Vintage, 2009. Broschiert, 233 Seiten
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 21.6.2011