Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
London
Jack London: Burning Daylight [Lockruf des Goldes]
Fairfield: 1st World Library, 2007. Broschiert, 395 Seiten – Jack LinksJack Literatur
Elam Harnis alias Burning Daylight kommt aus der Wildnis in die Goldgräberstadt Circle City und in dem toten Ort gibt es eine tolle Nacht. Burning Daylight landet am Pokertisch und verliert sein nicht unbeträchtliches Vermögen an Gold. Trotzdem wettet er $ 500, dass er binnen 60 Tage die Post aus dem entfernten Dyea holen würde. Nach der spannenden Pokerrunde ist die extrem schwierige Wettfahrt der nächste Höhepunkt im Roman. Dieses 6. Kapitel erinnert an Friedrich Schillers "Die Bürgschaft" und an Londons eigene berühmte Kurzgeschichte: "To Build a Fire".
Burning Daylight rappelt sich wieder auf, trifft das Gold in Alaska und macht erneut ein Vermögen. Dabei ist es weniger die Gier nach dem Geld an sich die in treibt, denn eine Sucht: Jeder Claim den er dazukauft ist das Los einer Lotterie (Kap. I:11, S. 116). Noch genauer: „Money was only a marker. It was the game that counted with him” (Kap. I:11, S. 117).
Da hält es ihn nicht mehr: er nimmt in New York naiv am Spiel der Finanzjongleure teil, wird übers Ohr gehauen, geht nach Kalifornien und spielt sich zum Multimillionär empor. Die Wildheit der Städte übertrifft diejenige der arktischen Natur. Als Elam seine angebetete Dede Mason nicht gewinnen kann, verzichtet er auf alles Geld und zieht sich mit ihr auf seine Farm in den Sonoma Mountains zurück. Elam und Dede kehren zurück zur nackten Einfachheit und zur rauhen Scholle. Er heiratet Dede und wiedersteht auch der letzten Versuchung.
Jack London nimmt damit in Burning Daylight Jean-Jacques Rousseaus Rückkehr zur Natur wieder auf und eine Parole der Ökologiebewegung des 20. Jhdts. vorweg: „Zurück aufs Land!”
Nach diesem Kurzinhalt des mächtigen Epos einige
Anmerkungen und Analysen

Burning Daylight ist der erfolgreichste Goldsucher in Alaska. Er besitzt ein perfektes Hirn und perfekte körperliche Koordination (Kap. I:3, S. 35). Doch in der Zivilisation degeneriert er. Das Armdrücken ist die Episode, die es mehrmals verdeutlicht: zuerst ist Burning Daylight darin allen überlegen, dann, Jahre später in Kalifornien, unterliegt er und erst als er wieder ins natürliche Leben zurückkehrt, findet er wieder seine alte Kraft.
Jack London warb für seinen Roman: „Read my Burning Daylight, in which I show a successful superman who at the end of his triumph and career, throws his thirty million dollars to the winds in order to win to a greater thing, namely love.” (Labor 1988, S. 1439)
Jack Londons Denken und Lebenseinstellung wurde von Herbert Spencer, Thomas Henry Huxley, Charles Darwin, John Tyndall, Karl Marx, Ernst Haeckel und Friedrich Nietzsche beeinflusst. Das zeigt sich in Burning Daylight durchgehend. Wie schnell der Sozialdarwinismus im Fahrwasser von Herbert Spencer in rassistische Gefilde gleiten kann, zeigte sich im 20. Jhdt. leider zu häufig. Jack London ist nicht frei vom Überlegenheitsanspruch der weißen Rasse: „No wonder the race of white men conquered, was his thought, when it bred men like this man. What chance had the Indian against such a dogged, enduring breed?”  (Kap. I:4, S. 53)
Burning Daylight ist – wie andere Werke des Naturalismus / Realismus – man lese Leo Tolstoi: Anna Karenina – durchsetzt vom politischen Gedankengut des Autors. Anders als der genannte Tolstoi (der übrigens genau im Erscheinungsjahr von Burning Daylight 1910 starb) sind aber seine Ausführungen zum Teil heute noch hochaktuell. So preist er die ehrliche Arbeit des einfachen Menschen im Gegensatz zu der davon schmarotzenden Schicht (Kap. II:5, S. 172-173). Statt den Spekulateuren aus der Patsche zu helfen, plädiert er dafür, sie ihre Suppe selbst auslöffeln zu lassen (Kap. II:23, S. 354). Damit zeigt er sich nochmals ganz auf der Seite des kleinen Mannes.
  • Thematisiert wird dies besonders in den bibelgleichen Begegnung mit einfachen Menschen, die sich mit ihrer Hände Arbeit mühsam über Wasser halten, während die Nutznießer in den Grossstädten sitzen und von deren Arbeit profitieren (Kap. II:8-9, S. 196-222). Die Winzerin bekommt 22 Cents für 1 Gallone Wein (= 3,8 Liter). In den feinen Restaurants der Städte zahlte Burning Daylight dafür bis zu $ 8.
  • Bibelähnlichen Charakter weist auch Dede auf: sie will Burning Daylight nur heiraten, wenn er sich vollständig vom Geld und den Geldgeschäften lossagt. Das finde ich reichlich unrealistisch (in einem ontologischen Sinne).
London streut nicht nur seine sozialdarwinistischen, sozialistischen Gedanken ein, sondern reichlich auch andere Einsichten:
  • Zwar spielt die Hochfinanz mit der Erde als Kartentisch und mit Brot bis Automobilen, aber „in the end, lucky and unlucky, they were all a long time dead.” (Kap. II:10, S. 226)
  • „it was far easier to break away from the drink and the cards than from a woman once the man was properly entangled.” (Kap. I:2, S. 15)
Ökologie
London schildert den Raubbau an der Natur für damalige Verhältnisse (1910) dramatisch:
„It was a scene of a vast devastation. The hills, to their tops, had been shorn of trees, and their naked sides showed signs of goring and perforating that even the mantle of snow could not hide.” (Kap. I:13, S. 131) Er wohnte selbst 1905 bis 1916 im Sonoma Valley (valley of the moon), wo sich Elam und Dede niederlassen und harmonisch von und mit der Natur leben: „It was in the afternoon, and a bright sun was shining down on a world of new green. Along the irrigation channels of the vegetable garden streams of water were flowing, and now and again Daylight broke off from his reading to run out and change the flow of water.” (Kap. II:27, S. 385)
Sprache
Londons reichhaltige und kraftvolle Sprache wird dem Inhalt vollauf gerecht. Linguistiker haben bei ihm 51 verschiedene Verben für "sprechen" festgestellt (Peprnik 1969, S. 147). Damit führt er die US-amerikanischen Autoren des 19. Jhdts. an. Die Sprache unterstreicht die Authentizität des Romans.
Struktur
Der Roman gliedert sich in zwei Teile mit 13 und 27 Kapiteln. Im ersten Teil zeigt London die Natur und ihre Zerstörung durch die Zivilisation, im zweiten Teil setzt er die Zivilisation im Osten und Westen der USA entgegen. Die Zweiteilung ist aber nicht in allen Ausgaben konkret durchgeführt, wird aber auch inhaltlich klar (ohne äußere Strukturmerkmale).
Auch die Feinstruktur der beiden Teile ist gut ausgedacht.
Im wilden Alaska wird mit einer Pokerrunde die Spielleidenschaft und der Ehrenkodex eingeführt. Beides findet seinen Ausdruck in der irrsinnigen Wettfahrt. Im dritten Abschnitt explodiert die Goldsuche und der Erfolg.
Zur Feinstruktur des zweiten Teils nur soviel: London setzt gleichnishaft mehrere Begegnungen Daylights ein um zu zeigen, dass das Leben mit der Natur auch mitten in der Zivilisation praktiziert werden kann. Dessen erinnert sich Daylight später und zieht sich selbst mit seiner geliebten Dede auf eine Farm zurück.
Burning Daylight wurde 1910 veröffentlicht und wurde ein Bestseller. Zu recht: es entwirft eine grandioses Bild der USA um die Wende des 19. zum 20. Jhdt. Die entwickelten sozialpolitischen und ökonomischen Ideen haben hohe Aktualität. Burning Daylight erweist sich als breiter Bildungsroman, in dem der rohe Burning Daylight am Ende geläutert zur Arbeit an der eigenen Scholle zurückkehrt und sogar seine Abneigung gegen die Kultur vorsichtig aufgibt. Er liest Gedichte von Ruyard Kipling und William Ernest Henley (Kap. II:26, S. 382) und freut sich, wenn seine Frau Dede das Gloria aus der Missa Longa von Wolfgang Amadeus Mozart (KV 262) anstimmt. Die Botschaften:
  • die Liebe überwindet die Gier nach Gold, die Leidenschaft fürs Kartenspiel und die Sucht nach Alkohol,
  • die Gier der Menschen zerstört den Norden, und – auf einer anderen Ebene – auch das ganze zivilisierte Land,
  • die raue Ehrlichkeit der Natur ist der Verlogenheit der Zivilisation vorzuziehen.
Wem diese Thematik entgegenkommt, den erwartet ein langes Lesevergnügen.
Links
London Jack London
LondonLockruf des Goldes TV-Vierteiler (Wikipedia)
LondonBurning Daylight (Wikipedia)
Burning Daylight: Text online London1London2
Vergleichsliteratur
London Jack London: "To Build a Fire"
London Leo Tolstoi: Anna Karenina
London F. Scott Fitzgerald: The Great Gatsby
James Fenimore Cooper: Lederstrumpf [The Leatherstocking Tales]

Literatur
Berliner, Jonathan (2008): „Jack London’s Socialistic Social Darwinism”. American Literary Realism, 1870-1910 41:1, S. 52-78.
Harpham, Geoffrey (1975): „Jack London and the Tradition of Superman Socialism”. American Studies 16:1, S. 23-33.
Labor, Earle (1962): „Jack London’s Symbolic Wilderness: Four Versions”. Nineteenth-Century Fiction 17:2, S. 149-161.
Labor, Earle, Robert C. Leitz, III, I. Milo Shepard, Hg. (1988): The Letters of Jack London Vol. 1: 1896-1905; Vol. 2: 1906-1912; Vol. 3: 1913-1916. Stanford: Stanford UP. 1768 Seiten
Mills, Gordon (1955): „Jack London’s Quest for Salvation”. American Quarterly 7:1, S. 3-14.
Mills, Gordon (1959): „The Symbolic Wilderness: James Fenimore Cooper and Jack London”. Nineteenth-Century Fiction 13:4, S. 329-340.
Peprnik, Jaroslav (1969): „Reporting Phrases in English Prose”. In: Jan Firbas, Josef Hladky, Hg.: Brno Studies in English Vol. 8. Brno: Universita J. E. Purkyne, S. 145-152.
Shi, Jinbi (2008): „The Development of Jack London’s Ecological Thought in “All Gold Canyon,” Burning Daylight, and The Valley of the Moon”. The Trumpeter 24:1, S. 87-115.
Stanley, David H. (1984): „Jack London’s Biographical Legend”. American Literary Realism, 1870-1910 17:1, S. 67-88.
Walker, Dale L. (1967): „Jack London (1876-1916)”. American Literary Realism, 1870-1910 1:1, S. 71-78.
Wang, Lijun (2011): „An Exploration of Jack London’s Ecological Thought in Burning Daylight”. M & D Forum, S. 1137-1141. LondonOnline (pdf)
Bei Amazon nachschauen   Bei Amazon nachschauen
London LondonJack London: Lockruf des Goldes. DTV, 2010. Taschenbuch, 304 Seiten. Erwin Magnus, Übs. London
Jack London: Burning Daylight. CreateSpace 2013. Taschenbuch, 228 SeitenLondon
London LondonJack London: Burning Daylight. CreateSpace 2013. Taschenbuch, 302 Seiten London
Jack London: Burning Daylight. Fairfield: 1st World Library, 2007. Broschiert, 395 Seiten London
London Anfang

London
Email zurück zur Homepage eine Stufe zurück
© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 10.7.2013