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Everett
Percival Everett: God's Country
Frankfurt am Main: Edition Büchergilde, 2014. Gebunden, 222 Seiten. [God’s Country, 1994] Susann Urban, Übs. – Percival LinksPercival Literatur
Es beginnt wie in einem typischen Westernfilm. Jock Marder (einige Besprechungen nennen ihn Curt Marder, aber bei mir wird der Ich-Erzähler als Jock Marder eingeführt, S. 11) beobachtet aus der Ferne, wie Banditen, die sich als Indianer verkleidet hatten, sein Haus niederbrennen, seine Frau kidnappen und seinen Hund töten.
Es wird ein „running gag”, dass er – wann immer er die Geschichte später erzählt – wegen des getöteten Hunds bedauert wird.
Mich erinnerte es an das MAD Magazin, in dem Anfang der 60-er Jahre des 20. Jhdts. das Folgende zu finden war:
Advertisement in the Chicken Magazine
„To the one
who stole my car, burnt my house, kidnapped my wife, killed my son — shame on you!”
Jock Marder will nicht so sehr seine Frau wiederfinden als die Banditen bestrafen. Dazu heuert er den besten Fährtensucher an, den Afroamerikaner Bubba. Anders als der indianische Fährtensucher in James Fenimore Cooper: Der letzte Mohikaner [The Last of the Mohicans] ist Bubba so ziemlich die einzige redliche Gestalt  in God’s Country. Jock erweist sich bald als Hasadeur: beim Pokern verliert er sein Landstück, das er eignetlich Bubba als Preis für seine Dienste versprochen hatte.
Es folgt eine Road Movie Jahrgang 1871 auf Pferden, auf Mulis und zu Fuss, sehr turbulent und mit witzigen Dialogen. Es tauchen so ziemlich alle aus dem Western bekannten Stereotypen auf.
Natürlich baut der Englisch Professor an der University of Southern California Percival Everett jede Menge literarische und historische Bezüge ein. So wird Jock Marder gezwungen, für sich und sein Pferd zwei Gruben auszuschaufeln, darin werden sie bis zum Hals eingegraben: Samuel Becketts Theaterstück „Happy Days” aus dem Jahr 1960 läßt grüßen.
Dem Zweigespann Jock und Bubba schließt sich der angeblich sechzehnjährige Jake an, der sich als Bub ausgibt, sich aber später als Mädchen herausstellt: ein Topos bekannt aus Film und Roman.
Die historische und schillernde Gestalt des Colonel George A. Custer gibt sich im God's Country die Ehre. Das Indianerproblem formuliert er so: „Der Barbar als solcher achtet den Grundbesitz nicht, will meinen, wir eignen uns das Land an, und die wollen es zurück, lassen nicht locker.” (S. 133). Die Leser lachen, aber das Lachen sollte im Hals stecken bleiben, wenn man sich an ähnliche zeitgenössische Vorurteile und Rassismen erinnert, so gab die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis in einer TV-Show bei Michel Friedmann noch im Jahre 2010 kund: "Der Schwarze schnackselt gerne!" und deshalb sollte man die Frauen besser wegsperren, wenn Bubba in der Nähe ist.
Immerhin bringt Colonel Custer seinem Gast Jock Marder das Schachspielen bei (S. 134). Ein Mann von solch hoher Kultur adelt natürlich auch seine rassistischen Vorurteile. Auch das ein Stereotyp: der moralische Barbar pflegt höchste Kultur.
Witzige Dialoge
Der Roman strotzt vor witzigen Dialogen.
Beispielhaft ein Zwiegespräch des Ich-Erzählers mit Bubba. Dieser legt sich fest:
„Wir trennen uns.”
„Trennen? Du meinst, du und ich reiten in unterschiedliche Richtungen, schlagen nicht denselben Kurs ein?”
„So ungefähr.”
„Well, da muß ich sagen, daß ich mir nicht sicher bin, daß das so 'ne richtig gute Idee ist.”
„Hiermit hast du's gesagt.” (S. 107)
Schon an diesem kurzen Dialogstück erkennt man die parodistische Richtung des Romans und die kongeniale Übersetzung durch  Susann Urban.
Noch ein Beispiel aus der Bar von Terkle.
„Terk”, sagte ich.
„Nein.”
„Hab dich doch noch gar nix gefragt.”
„Ist egal. Die Antwort lautet nein.” (S. 201)
Wie ich schon anführte: Bubba ist die einzige integre Figur des Westernspektakels. Alle anderen sind allenfalls Maulhelden. Bubba ist aber der einzige, der „dank” seiner Hautfarbe kein Held sein kann. Das bringt Percival Everett in der Schlussszene auf die Spitze.
Bubba knallt im Showdown den Revolverhelden Raleigh Dunnicl ab. Wenn er gefasst wird muss  er mit dem Strang rechnen. Doch Bubba flüchtet und der verbleibende Jock wird als Held gefeiert, der den allseits gefürchteten Raleigh im fairen Kampf erledigt hat. „Damit bis du 'ne Legende!” (S. 207).
Wer sich auf einen echten Western eingestellt hat muss schon nach wenigen Seiten umdenken. Wem das nicht gelingt muss zum nächsten Kiosk gehen. Da gängige Western selten glaubwürdig sind ist es auch diese Persiflage konsequenterweise nicht.
Es wird ständig beklagt, dass es an humorvollen Romanen mangelt. Hier ist ein kurzweiliger, witziger Klamauk im besten Sinne, der zudem bewirkt, dass die Leser über das Verhältnis der unterschiedlichen Menschen, ihren Umgang miteinander und die „political correctness” in Romanen, die in der Vergangenheit spielen, nachdenken.
Nochmals: hervorragende Übersetzung, wenngleich ich diesmal das US-amerikanische Original nicht gelesen habe.
Links
EverettPercival Everett
EverettBesprechung: Gods Country--A Novel
EverettDavid Bowman: Cowpoke Absurdism. New York Times, June 5, 1994
EverettGeorge Armstrong Custer
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EverettPercival Everett: God’s Country. Frankfurt am Main: Edition Büchergilde, 2014. Gebunden, 222 Seiten. [God’s Country, 1994] Susann Urban, Übs. Everett
Percival Everett: God's Country. Beacon Press, 2003. Taschenbuch, 232 Seiten Everett
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