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Connolly
John Connolly: The Killing Kind
[In tiefer Finsternis]. New York: Pocket Star, 2003.Taschenbuch, 436 Seiten – Connolly LinksConnolly Literatur
Ein Privatdetektiv namens Charlie Parker, militante Abtreibungsgegner, das Massengrab einer Sekte, das waren die Signale für eine Lektürevormerkung. Eine lobende Rezension von Lutz Bunk im Deutschlandradio (siehe Connolly Links) gab den letzten Anstoß.
Vorab: The Killing Kind ist recht gut zu lesen, der prickelnde Thriller ist es nicht.
Im Prolog wird eine Abtreibungsärztin ermordet. Dann wird Grace Peltier tot in ihrem Auto gefunden. Der Millionär Mercier traut dem polizeilich festgestellten Selbstmord nicht und beauftragt Charlie Parker mit der Ermittlung der wahren Todesumstände. Dieser Ausgangspunkt, Parkers unpathetische Einstellung und unbürokratische Vorgehensweise erinnern zurecht an Philip Marlowe.
Gleichzeitig wird im östlichsten Teil der USA, in Maine, ein Massengrab einer Sekte aus den 60-iger Jahren des 20. Jahrhunderts gefunden. Grace befasste sich in ihrer Magisterarbeit kurz vor ihrem Tod mit der christlichen Gemeinschaft und suchte Kontakt zu einer zeitgenössischen Bruderschaft. Bei seiner Nachforschung kommt Parker nicht weiter. Die Bruderschaft schottet sich ab.
John Connolly entwirft ein vierzigjähriges kompliziertes Beziehungsgeflecht und versteht es durch Teilaufklärung und neue Fadenknäuel die Handlung temporeich voranzutreiben. Gräusliche Spinnenattacken (siehe Connolly Spinnen) und zahlreiche Blutbäder mögen bei manchem Leser Grusel erzeugen. Viele Besprechungen vergleichen John Connolly mit Stephen King.
Die lakonische Sprache hat Connolly freilich mit Raymond Chandler gemeinsam. Witzige Bemerkungen sind selten, aber treffend und originell. Den Bewohnern eines heruntergekommenen Hauses empfiehlt Parker nicht die völlig demolierte Feuerleiter sondern besser die Rettung in den Flammen zu suchen (S. 86).
Allzu oft nimmt Charlie Parker verräterische Indizien wahr. Das mag man genauer Beobachtungsgabe zuschreiben, mir erschien es zu gesucht. So klickt etwas in Voisines Kehle bevor er sprach (S. 98) und einmal liest Parker sein eigenes Leben im Gesprächspartner.
"He knew who I was. I could see it in his face, my past reflected back upon me in the mirrors of his eyes." (S. 223)
Oft streut Connolly zu Beginn eines Abschnitts 2-3 Sätze Naturbeschreibung ein. Das wirkt wie Abhaken eines Merkpunktes aus der Schreibcheckliste. Dass die Spinnen (siehe ConnollySpinnen) bevorzugt in den Münder gesetzt werden ist ein unbegründetes reines Gruseldetail.
Andrerseits legt Connolly Wert auf Details für Kenner seiner Vorläufer. Curtis Peltier sieht beim Besuch Parkers gerade Robert Mitchum in Night of the Hunter (S. 103). Der großartige Film (mit Shelley Winters, † Januar 2006) von 1955 (nicht das Remake von 1991 anschauen, lohnt sich nicht) beruht auf dem ebenso ausgezeichneten Roman von Davis Grubb (siehe grubb Literatur).
Charlie Parker sieht sich als den grossen Pechvogel, dabei auf ein Gedicht von Robert Frost anspielend:
"I see those two roads diverging in a forest, and damn if I don't take the one that ends at a cliff edge." (S. 261) Siehe die Endzeilen aus grubb Robert Lee Frost: "The Road Not Taken"

  • Für meinen Geschmack packt Connolly zuviel in seinen Roman. Da ist vor allem Elmer Pudd, Parkers Hauptgegenspieler (es gibt mindestens noch drei weitere, darunter Carter Paragon, Chef der Bruderschaft). Wie ein US-amerikanischer Mabuse scheint er immer aus dem Nichts aufzutauchen und aus seinem schier endlosen Spinnenvorrat die schrecklichsten Exemplare zu verteilen. Zwar haben sowohl Charlie als auch sein zwei Mitstreiter Angel und Louis – die in ihrer Mehrdeutigkeit am orginellsten daherkommen – keine astreine Vergangenheit, aber ansonsten sind Connollys Charaktere der anderen Seite schnell als solche erkennbar und alle sind grausame Bestien. Dazu baut er noch einen Golem auch er immer wieder aus dem Nichts auftauchend, in das Beziehungsnetz.
  • Neben der Überladung ist mein zweiter Kritikpunkt eine Schwäche vieler US-Thriller (und besonders auch Filme, beispielsweise The Silence Of The Lambs [Das Schweigen der Lämmer]). Die Aktionen und Gegenaktionen sind teilweise stümperhaft. Das erhöht bei naiven Gemüter den Nervenkitzel, mir sträubt sich das Rückgrat. Da stellt Parker einen Gangster kalt (da es noch 50 Seiten bis zum Buchende sind, ahnt man: das kann nicht der Showdown sein) und tritt dann ahnungslos vors Haus (S. 386) ... — Als das begehrte Jagdobjekt stellt sich ein Buch heraus. Die Verfolger trennen sich. Charlie und Louis wollen noch die letzten Bösewichte erlegen und geben das soeben erhaltene, enorm wichtige Indiz nicht den Kumpanen in die sichere Heimat mit, sondern nehmen es mit auf den riskanten Trip (S. 401). — Charlie antwortet zuletzt auf Fragen nach der Erledigung ausweichend ("You kill them?" "I think so.", S. 423); man ahnt: noch nicht im Reich der Toten. Doch Charlie rechnet in bodenloser Harmlosigkeit nicht damit und verlängert den Showdown (S. 428).
Fazit: wie oben bei "vorab": The Killing Kind ist recht gut zu lesen, der prickelnde Thriller ist es nicht.
Connolly Anfang
Belletristik zum "richtigen" Charlie Parker, dem BeBop Genius: parker Julio Cortázar: Der Verfolger.
Spinnen aus The Killing Kind
Loxosceles reclusa, brown recluse, the violin spider, fiddleback recluse; (Nordamerikanische) Braune Einsiedlerspinne: ConnollyGifttiereConnollySpecies Loxosceles reclusaConnollyUniversity of Florida
Phoneutria nigriventer, Brazilian wandering spider, Kammspinne, Bananenspinne: ConnollyGifttiereConnollyPhoneutria nigriventer, Keyserling 1891
Latrodectus hasselti, die Schwarze Witwe: ConnollyGifttiereConnollyTobias DörrConnollyRedback Spider
ConnollySystematik der Spinnentiere
Links
ConnollyJohn ConnollyThe Killing Kind: ConnollyConnolly-Site
Rezensionen:
connollyLutz Bunk: Kein Buch für Menschen mit Spinnen-Phobie, Deutschlandradio, 7.11.2005
ConnollyDenise M. Clark for Curled Up With a Good Book
ConnollyTobias Gohlis: Die Buchhalter des Bösen DIE ZEIT 05.01.2006 Nr.2
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Literatur
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Connolly   ConnollyJohn Connolly: The Killing Kind. New York: Pocket Star, 2003.Taschenbuch, 436 Seiten Connolly
John Connolly: The Killing Kind. Coronet, 2002. Broschiert, 520 SeitenConnolly
Connolly ConnollyJohn Connolly: In tiefer Finsternis. Berlin : Ullstein, 2005. 446 Seiten. Georg Schmidt, Übs.
grubb Connolly Davis Grubb: The Night of the Hunter. Blackmask 2005. Taschenbuch, 200 Seiten grubb
Davis Grubb, John D. MacDonald, Henry Farrell: Die Nacht des Jägers / Kap der Angst / Was geschah wirklich mit Baby Jane? Area 2004. Gebunden, 795 Seiten Connolly
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