| Irene Dische: Großmama packt
aus München: DTV, 2006. Broschiert, 368 Seiten. Reinhard Kaiser, Übs. |
| Die Autorin Irene Dische bedient sich
eines Tricks um die Familiengeschichte der Rothers und Disches im 20.
Jahrhundert zu erzählen. Sie lässt ihre Großmama Elisabeth
Rother auspacken. Davon später mehr. Großmama zeigt vom ersten Satz an dass sie nicht zimperlich ist. Erzkatholisch verurteilt sie Andersdenkende und das Fremdartige. Sie ist voller Dünkel, antisemitisch und rassistisch. Sie übernimmt damit Stereotype ihrer Familie und der Gesellschaft. Das zeigt sich gegen die vermeintlich tiefer Stehenden, insbesondere die Dienstboten, aber auch gegenüber ihrem eigenen Nachwuchs: "Vergib mir Herr, daß ich nach unten geheiratet habe". Für sie persönlich gibt es Ausnahmen. So heiratet sie den jüdischen Arzt Carl Rother und nimmt den vermeintlichen sozialen Abstieg ("Schlamassel", S. 42) in Kauf. Carl wird durch sie zum "Ehrenarier" (S. 41). Ihre Vorurteile werden dank ihrer Scheuklappen oft bestätigt. Ein "Running Gag" (von mehreren; davon später mehr) ist die Kraft der Gebete, die oft erstaunliche Wirkung zeigen (nur beispielsweise: S. 228). Der erste Teil in Nazideutschland zeigt die allmähliche Ausgrenzung der Juden und wie pragmatisch Großmama damit umgeht. Manchmal sieht sie die Lage klar. Bei der Gestapo setzt sie die beschämende Freilassung ihrer jüdischen Verwandten durch. Sie fühlt sich verlassen und vermutet Gott unter einer Decke mit der Gestapo (S. 95). Konsequenzen zieht sie keine: sie bleibt ihren Vorurteilen verpflichtet. Das überwiegende Lob für diesen Roman begreift man erst nach der Auswanderung der Familie nach New York (ab S. 102). Da wird es witzig: wie sich Großmama und die übrige Familie in die US-Gesellschaft integriert ist erheiternd. Einen ersten Höhepunkt gesteht sie ihrer Tochter Renate zu: Wie sich diese bei einem Spaziergang an der Internatsschule Respekt verschafft ist großartig (S. 124-125). Enkelin Irene schockiert später ihre Schule mit eingelegten Embryos aus der Pathologie ihrer Mutter Renate (S. 235). Großmama packt aus ist ein weiterer Mosaikstein im barbarischen Drama um die deutschen Juden in den Dreissigern. |
| Stil |
| Die plappernde Großmutter erlaubt
es der Autorin heikle Sachverhalte locker an den Leser zu bringen. Die Autorin
Irene Dische wird dabei zu oberflächlich und der Lage nicht gerecht. So
witzig die Szene mit den eingelegten Embryos ist, in Verbindung mit der
Sterilisation Behinderter durch Dr. Carl Rother ist sie makaber.
Großmutter Elisabeth scheint eine Gutenacht-Geschichte zu erzählen. Die floskelhafte Wiederholung von "Wo war ich stehen geblieben?" und "Dazu später mehr" amüsiert zuerst, wird allmählich affig und krampfig (S. 365!). Zumal das "später" soweit ich es überblicke selten eingelöst wird. Eine ähnliche interkulturelle Familiengeschichte gab Jan Weiler in Maria, ihm schmeckt's nicht! preis (siehe |
| Erzählkonstruktion |
| Damit löse ich ein oben vermerktes
"davon später mehr" ein. Die erzählende Oma hat für die Autorin
einige Vorteile: sie kann durch die Brille einer verbohrten Deutschen berichten
und dadurch einem ernsten Sachverhalt Esprit geben. Das ist aber auch ein
Nachteil der Konstruktion: alle Personen sieht der Leser nur mit den Augen der
Oma. Es gibt zuwenig Anmerkungen die ein unabhängiges Bild erlauben. Durch
die Gegenübersetzung der Ich-Erzählerin und ihre Abneigung
gegenüber die Disches wird der Leser auf die Seite Irenes gezogen. Dieser
Erzähltrick Gertrude Steins (sie
schrieb eine Autobiografie ihrer Sekretärin und Lebensgefährtin
Alice, die hauptsächlich von ihr selbst handelt; siehe |
| Dieser Roman wurde von Reinhard Kaiser aus dem Amerikanischen übersetzt, aber soweit ich es ermitteln konnte, gibt es keine englische Ausgabe. Ich vermute, es wurde vom Manuskript übersetzt. |
| Seniorentipp "Wenn man über fünzig ist und beim Aufwachen tut einem nichts weh, ist man wahrscheinlich tot" (S. 140) |
| Fazit: Wenn man Großmamas Charakter verdrängt liest man einen guten, nach dem ersten Drittel witzigen Familienroman über kulturelle Widerstände und Anpassung (Juden / Christen; Deutsche in den USA). |
| Louis Leakey (S. 322 ff) |
| Louis Seymour Bazett Leakey, 7.8. 1903 Kabete (bei Nairobi) 1.10. 1972 London; kenianischer Paläontologe und Prähistoriker britischer Herkunft, entdeckte 1932 primitive Steinwerkzeuge und menschliche Schädelreste und 1949 einen fossilen Menschenaffen (genannt »Proconsul«). |
| Vergleichsliteratur |
| Links |
| Irene Dische (* 13. Februar 1952 in New York),
deutsch-amerikanische Schriftstellerin. |
| Rezensionen |
| Literatur |
![]() |
|