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Chatwin
Bruce Chatwin: The Viceroy of Ouidah
[deutsch: Der Vizekönig von Ouidah] London: Jonathan Cape, 1980. 155 Seiten – Chatwin LinksChatwin Literatur
Als Francisco Manoel da Silva 1812 in Ouidah, in Dahomey, dem heutigen Benin, landete war er schon 27 Jahre alt. Er stammte aus Sertão im Nord-Osten Brasiliens. Als Sklavenhändler schuf er sich damit in Dahomey (dem heutigen Benin) ein Vermögen. Der Handel mit dem "schwarzen Gold" zwischen der Slavenküste und Brasilien warf hohen Gewinn ab. Francisco da Silva verließ Dahomey nie wieder. Er wurde von zwei Königen Dahomeys begünstigt und verworfen. 1857 starb Dom Francisco, zwischenzeitlich zum Vizekönig berufen, am Ende aber verarmt.
Die teilweise recht drastischen Romanszenen entspringen oft der Laune der Könige. Franciscos Grausamkeit wird mit seiner harten Jugend begründet (S. 57). Auf seinen Wanderungen zermascht er beispielsweise einen Frosch, kurz darauf erdolcht er eine Katze und zerschmettert sein Kind in der Wiege mit der Gitarre (S. 62-63). Die Episode mit Gitarre und Wiege ist nicht eindeutig. Einerseits schreibt Chatwin: "He held the guitar above the cradle", die Gitarre sollte also noch über der Wiege sein, andrerseits setzt er fort mit: "waited for the crash of splintering wood". Hier ist unklar: ist das wörtlich zu nehmen, das heißt er wartete nur, oder wird das Holz der Gitarre wirklich zerschmettert. Dann kann es nur nach dem Niedersausen auf Wiege und Kind sein. Für die erste Lesart spricht, dass Chatwin weiterfährt mit: "then checked himself and broke it across his knee" (S. 63); also doch nicht in der Wiege zerschmettert, sondern rechtzeitig besonnen!?
Der kurze Roman ist in sechs Teile gegliedert. Der 1. Teil handelt vom alljährlichen Treffen der weit verzweigten Sippschaft der Da Silvas im Jahre 1974. Sie alle stammen irgendwie vom Protagonisten der Teile 3 bis 6 des Romans ab. Francisco da Silva hinterließ 63 Söhne und ungezählte Töchter.
Der 2. Teil ist Madame Hélène da Silva, genannt Mama Wéwé, einer Tochter Franciscos gewidmet, die das Treffen noch mitmacht. Aus den Jahresangaben erkennt man ihren mythischen Status ähnlich wie andere Stammmütter beispielsweise Melusine, Eva, Pandora oder Gefjon. Dabei war mir unklar, wo dieser zweite Teil spielt. Einige Anzeichen sprechen für Afrika, andere für Südamerika.
Obwohl Chatwins Sprache knapp bleibt gelingen ihm eindrucksvolle Bilder. So beschreibt er gleich zu Beginn in vier Sätzen eine Landschaft:
"Turkey buzzards drifted in a milky sky. The metallic din of crickets made the heat seem worse. Banana leaves hung in limp ribbons. There was no wind." (S. 7)
So veranschaulicht er die Macht und Gefährlichkeit des Königs:
"... everywhere an architecure of white skulls outnumbered the heads of the living.
    They came into the presence of the King." (S. 99)
Der Bilderreichtum passt gut zum Bild einer afrikanischen Despotentums.
"The dog howls - The caravan goes by" (Wandspruch, S. 15)
"Die Hunde bellen, aber die Karawane zieht weiter", Sprichwort.
Englisch meist: "Dogs bark, but the caravan goes on"; auch: "Dogs bark, but the caravan moves on", und: "Dogs bark, but the caravan rolls on
Erstaunlich ist, dass Francisco Manoel da Silva in Westafrika Schach spielt (S. 111-112).
The Viceroy of Ouidah zeichnet ein reiches Lebensbild aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Wege und Mechanismen des Sklavenhandels dieser Epoche werden poetisch zubereitet. Mir fehlt bei Romanen dieser Art (siehe auch: chatwin Ahmadou Kourouma: Die Nächte des großen Jägers) jedoch der psychologische Tiefgang oder der rote Spannungsfaden. Sie ufern mir zu sehr aus. Wer sich für ein abenteuerliches Leben im Umfeld des Königshofs von Dahomey begeistern kann wird hier literarisch sehr gut bedient.
Verfilmung 1987 unter dem Titel "Cobra Verde"; Darsteller: Klaus Kinski; Regie: Werner Herzog.
Cobra Verde ist in The Viceroy of Ouidah ein brasilianischer Bandit, der nur reiche Frauen beraubt (S. 60).
Zum Vergleich mit einem Diktator des 20. Jahrhunderts empfehle ich:
chatwin Bernard Diederich, Al Burt: Papa Doc. The Truth about its Dictator. Vorwort von Graham Greene. London: Bodley, 1970. 397 Seiten.
Links
ChatwinBruce Chatwin
ChatwinBruce Chatwin – der extravagante Asket
ChatwinDieter Wunderlich: Bruce Chatwin (Biografie)
dahomey
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ChatwinSue Branford: "Benin's dark past of slavery", BBC 7 September 2006 Weibliche Soldatin aus Dahomey
ChatwinAfrica + African historyChatwinAfrican literature © public domain
Rezensionen
ChatwinRichard Utz, University of Northern Iowa
ChatwinWikipedia
ChatwinDanny Yee: dannyreviews
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Literatur
Lindsay, Claire: "Luis Sepulveda, Bruce Chatwin and the Global Travel Writing Circuit". Comparative Literature Studies 43.1 (2006). S. 57-78.
Pfister, Manfred: "Bruce Chatwin and the Postmodernization of the Travelogue", LIT. 7 (1996), S. 253 - 267.
Derzeit vergriffene Literatur
Raithel, Jürgen: Der Gott der Wanderer. Bruce Chatwins postmoderne Reisebeschreibungen. In Patagonia und The Songlines. Trier: WVT, 1999. 248 Seiten.
Werth, Wolfgang: Kontingenz und Alterität: Kategorien historischer Erfahrung in der anglo-amerikanischen Literatur und bildenden Kunst (Bruce Chatwin und Michael Ondaatje). Heidelberg: Winter, 2003, 290 Seiten. Anglistische Forschungen 313.
Vergleichsliteratur, siehe auch Chatwin Links
Gleason, Judith Iisley: This Africa: Novels by West Africans in English and French. Northwestern University Press 1965. 205 Seiten
Yerby, Frank: Ausgelöscht. Wien, Berlin: Neff, 1971. [The Dahomean] Joachim A. Frank, Übs. 443 Seiten
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Chatwin Chatwin Bruce Chatwin: The Viceroy of Ouidah. Penguin 1988. Taschenbuch, 155 Seiten Chatwin
Bruce Chatwin: The Viceroy of Ouidah. Vintage 1998. Broschiert, 101 Seiten Chatwin
chatwin Chatwin Bruce Chatwin: Der Vizekönig von Ouidah. Frankfurt: Fischer, 2005. Anna Kamp, Übs. Broschiert, 163 Seiten chatwin
Bruce Chatwin: Der Vizekönig von Ouidah. München: Hanser, 2003. Anna Kamp, Übs. Gebunden, 160 Seiten Chatwin
chatwin Chatwin Nicholas Shakespeare: Bruce Chatwin. Reinbek: Rowohlt, 2002. Broschiert: 827 Seiten rushdie
Salman Rushdie: Imaginary Homelands. London: Penguin, 1992. Taschenbuch, 448 Seiten Chatwin
75 Essays, darunter auch Buchrezensionen zu Saul Bellow, V.S. Naipaul, Nadine Gordimer, Italo Calvino, Heinrich Böll, Bruce Chatwin und Gabriel Garcia Marquez
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