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Follett
Ken Follett: Night Over Water
[deutsch: Nacht über den Wassern] London: Petersen, 2000. Taschenbuch, 642 Seiten [1992]
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Einige Leute stecken in einer abgeschlossenen Box (Wohnung, Schiff, Hotel, Flugzeug, Sanatorium, ...), ein aufregendes, angekündigtes Geschehen steht unmittelbar bevor und mit etwas schriftstellerischem Geschick kann man einen aufregenden Roman stricken. Ich kenne dieses Verfahren aus dem Krimi-Genre, siehe Follett Vergleichsliteratur.
Ken Follett praktiziert dieses Verfahren, angeregt – wie er selbst in einem Interview sagte – von  Murder on the Orient Express und Ship of fools (Follett Vergleichsliteratur), in einem Boeing B-314 Flugzeug auf dem Flug von Southampton (England) nach New York. Der Zeitpunkt ist klug gewählt: September 1939; Grossbritannien hat soeben Deutschland den Krieg erklärt.
Dazu führt Follett viele Figuren (aber gerade nicht zuviele) ein, die oft schon vor dem Start miteinander verknüpft sind. Viele wollen England oder ihre Familie gegen Widerstand verlassen. Ausserdem führt der Autor mehrmals Personen ein, die einen Passagier verfolgen, aber den Flug nicht erreichen: sie müssen auf einem alternativen Weg ihr Ziel verfolgen; ausserdem einige Kriminelle; eine handfeste Erpressung, ...
Bei diesen Zutaten muss Spannung aufkommen. Tut es begrenzt auch, vor allem, wenn Harry was Klauen will. Das macht aber die Schwächen des Romans nicht wett.
  • Die Personen werden mit Vorgeschichte und Lebensumstände ausführlichst beschrieben; oftmals tragen diese Abschweifungen wenig zur notwendigen Charakterisierung bei.
  • Der Erzähler kaut dem Leser vieles vor; unzählig sind die Überlegungen der Personen im Fokus, die durchgehen, was passiert, wenn sie jenes machen oder dieses.
  • Die Situationen werden manchmal recht unwirklich geschildert, so das Treffen Eddies mit Tom Luther (S. 262), das Wiedertreffen von Mervyn Lovesey mit seiner ausgerissenen (noch Ehe-)Frau Diana und ihrem Liebhaber Mark (S. 282).
  • Die Meinungen und Haltungen der Akteure sind sehr plakativ oder gar verharmlosend (S. 405-406, Kap.17).
  • Ja, trotz Nachwort und Danksagungen, scheint mir Follett nicht einmal gut recherchiert zu haben. So bestreite ich, dass ein grosses Verkehrsflugzeug 1939 (!), bei einer Atlantiküberquerung (!), nachts (!), in einem Sturmtief (!), bei drohendem Spritmangel (!) so tief geht, dass die Passagiere des Flugzeugs die Passagiere auf dem Deck eines Schiffs erkennen können (S. 408).
  • Follett erzählt breit (damit meine ich nicht abschweifig oder detailliert) und wiederholend; Vorteil: man kann ohne Verlust querlesen.
Gut gelingen dem Autor einige seiner Personen, wenn sie auch oft holzschnitzartig daherkommen; sehr gut vor allem der Gauner und Glückspilz Harry Marks und der vierzehnjährige Percy Oxenford. Die Stränge seiner Handlungen hat Follett gut in Griff, er baut auch manche belebende Zwischenknoten ein.
Lange überlegte ich, warum er mehrere ausführliche (langatmige) Sexszenen einbaute. Um MRR zu gefallen, kann's wohl nicht gewesen sein: ich glaube kaum, dass ein Ken Follett Roman je ins "Literarische Quartett" vordrang. Meine Interpretation: Follett wollte diese Szenen explizit der viktorianischen Prüderie, die schon aufschreit, wenn zwei nicht miteinander Verheiratete in die Honeymoon-Suite ziehen, gegenüberstellen.
Nach John Grisham (Grisham The Testament) las ich nunmehr einen weiteren Roman von einem der rund ein Dutzend extrem erfolgreichen Thrillerautoren. Folletts Night Over Water war – wie schon der Grisham – nur besseres Mittelmaß.
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Vergleichsliteratur
Bristow, Gwen, Bruce Manning (1930): The Invisible Host [dt.: Der Unsichtbare Gastgeber], später auch: The Ninth Guest
Christie, Agatha (1934): Murder on the Orient Express [dt.: Mord im Orientexpress]
Christie, Agatha (1939): Ten little Niggers [dt.: Letztes Weekend], später auch: Ten little Indians; And then there were none
Porter, Katherine Anne (1962): Ship of fools [dt.: Das Narrenschiff]
Schaeffer, Max Pierre (1961): Das Mörderspiel
Links
Night Over Water: Follettoffizielle Website
Ken Follett: Follettoffizielle WebsiteFollettWikipedia
Literatur
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nightFollettKen Follett: Night Over Water. London: Pan, 1992. Taschenbuch, 544 Seiten Follett
Ken Follett: Nacht über den Wassern. Lübbe 1994. Taschenbuch, 536 Seiten Follett
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