| Kazuo Ishiguro: When We Were
Orphans [deutsch: Als wir Waisen waren]. London: Faber and Faber, 2000. 368 Seiten – |
| Christopher Banks, wächst Anfang des
20. Jahrhunderts wohlbehütet im Ausländerviertel
("International Settlement") des
Großstadt Schanghai auf. Die pulsierende Stadt trägt
schon damals die Züge wie wir sie heute von zahlreichen
Metropolen kennen: abgeschirmte Stadtteile für die Reichen und
Privilegierten. Er schließt eine Kameradschaft mit Akira
Yamashita dem etwa gleichaltrigen Japaner. Als Christopher acht Jahre alt ist verschwinden kurz hintereinander beide Eltern. Der Junge wird gegen seinen Willen zur Tante nach England geschickt. Er macht Karriere als Detektiv und gehört als solcher gar zur besseren Gesellschaft in London. Trotzdem er mit Jennifer ein Waisenkind aufnimmt, wird er sein Kindheitstrauma – das Verschwinden seiner Eltern – nicht los. 1937 fühlt er die Zeit für gekommen, in Schanghai seine Eltern zu suchen. Seine Vergangenheit in der Person der schillernden Sarah Hemmings, jetzt Mrs. Medhurst, holt ihn ein. Er nimmt eine wichtige Spur auf: er findet den damals recherchierenden Inspektor Kung in einer Absteige. Dieser kann sich aber nicht so genau erinnern. Da offenbart ihm Sarah, dass sie ihren Gatten verlassen wird und nach Macao flüchtet. Sie bietet ihm an mitzukommen. Zur Überraschung aller (Sarah, Christopher und Leser) sagt er zu. Dann (16. Kapitel, S. 240ff) überschlagen sich die Ereignisse. Kung ruft an und gibt einen wichtigen Hinweis. Der Fahrer, der ihn zum verabredeten Fluchtpunkt bringt, hat ein weiteres entscheidendes Detail. Christopher lässt Sarah im Stich (wenn man will, zum zweiten Mal: das erste Mal war es zu einem Dinner in London) und sucht das Haus, in dem er seine Eltern weiß. Er ist sich sonderbarerweise trotz 18 Jahren Zeitdifferenz dessen ziemlich sicher. Jetzt verfranzt sich Christopher im Kriegsgebiet zwischen Tschiang Kai-schek, kommunistische Rot-Chinesen und Japaner (Der Zweite Japanisch-Chinesische Krieg, siehe Am Ende wird – gerade noch im Rahmen des Erträglichen und bei Kriminalromanen sicher üblich – etwas viel in einer langen Rede aufgeklärt. |
| Wie schon in The
Remains of
the Day ( In starkem Kontrast dazu steht, dass es Banks dann plötzlich auf jede Stunde, ja Minute, anzukommen scheint. |
| Ein Symbol: das häufige und meist kurze Lachen der Handelnden, so ganz nebenbei, kehrt aus The Remains of the Day wieder. Das zweite Symbol, die Lupe, Wahrzeichen des Detektivs, ist neu. |
| Stil |
| Der
erste Teil des Romans (nach dem kurzen Auftakt der Kindheit in
Schanghai) in London kommt in exzellentem Duktus des großen
Somerset Maugham daher. Banks bewegt sich ganz natürlich auf
ausgesuchten Partys, trifft sich mit Freunden in den großen
Hotels. Seine Fälle, die er als Detektiv löst, werden
nur mit scheinbar allseits bekannten Schlagwörtern genannt.
Sie zeichnen den erfolgreichen Detektiv ähnlich, wie sich
Stevens in The Remains of the Day mit den
großen Butlern seiner Zeit vergleicht. Ab Kapitel 12 (S. 181) bewegt sich der Protagonist in Schanghai und der Stil – zunächst noch Gentleman-like wie bei Maugham – wandelt sich bald und schafft eine surreale Atmosphäre. |
| Was als Detektivroman daher kommt, entpuppt sich als ein Roman über Selbstwahrnehmung und Fremdeinschätzung. Das entspinnt sich exemplarisch an Christopher – Akira aber auch anderen Konstellationen in Bezug auf den Ich-Erzähler. |
| Wer sich sowohl mit dem kolonialen herrschaftlichen Stil des ersten teils als auch mit dem surrealen, fast slapstickhaften, wenngleich tragischen zweiten Teil anfreunden kann, der liest einen spannenden Roman. Vor allem sollte man sich auf einige Überraschungen gefasst machen. Sowohl der Romanheld Christopher Banks als auch die Leser werden ein paar Mal durch die Ereignisse verblüfft. Sehr zu empfehlen! |
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| Kazuo
Ishiguro: Als wir Waisen waren. Btb 2002.
Taschenbuch. Sabine Herting, Übs. | ||