| Alan
Hollinghurst: The Line of Beauty [deutsch: Die Schönheitslinie]. London: Macmillan, 2005. Taschenbuch, 500 Seiten – |
| Der Leser wird sofort in eine
elektrisierende Situation gestossen: Der 20-jährige Nick Guest
wohnt zur symbolischen Untermiete im noblen Haus seines Studienfreunds
Toby Fedden. Der Vater Gerald ist
Staatssekretär bei Margaret
Thatcher, seine Frau
Rachel stammt aus einer reichen jüdischen
Bankiersfamilie. Das Szenario wird ergänzt durch die
eigenwillige Tochter des vornehmen Hauses Catherine, die schon mal
einen alten Taxichauffeur mit aufs Zimmer nimmt. In der Familie Fedden
sieht
man darüber hinweg; ebenso über Nicks homosexuelle
Einstellung. Lang wird man nur vom eleganten Schreibstil getragen, da nichts Wesentliches passiert. Halt, doch, einige peinliche homosexuellen Szenen; davon später mehr. Nick schreibt an einer Promotion über Henry James. Gerald ist Richard Strauss Liebhaber und steuert immerhin die mir bislang nicht aufgefallene Feststellung bei, dass Richard Strauss' Opern von Frauen handeln, seine Orchesterstücke dagegen meist Männer orchestrieren (S. 205). Im Zusammenhang mit Henry James ist oft von A Room with a View, einem Roman von E. M. Forster, die Rede. Vielleicht wegen dessen Verfilmung 1985? Guter Stil und treffende Atmosphäre muss bis zum Kapitel 9 tragen. Da wird Nicks Drogensucht aktuell: er muss sich Stoff besorgen. Auf einer Party gibt es eine häßliche diskriminierende Szene mit einer schwarzen Serviererin. Ohne Folgen. Der zweite Teil trägt den Titel "To Whom Do You Beautifully Belong?" Diese Frage stammt auf dem Theaterstück von Henry James: "The High Bid". In einem Landhaus stellt der Gast Yule diese Frage dem Butler. Sie ist herablassend gemeint. Nach einem kurzen Wortwechsel greift Yule eine goldene Münze aus seinem Wams und legt sie gnädig auf den Tisch. Manchmal bricht die - ach so tolerante - Oberfläche auf. Gerald verliert gegen den Multimillionär libanesischer Abstammung Wani eine Partie Boule. Er zürnt: "Beaten at boules by a bloody A-rab!" (S. 356) Der dritte Teil, etwa ab S. 400 entschädigt nur teilweise für viele Durststrecken bis dahin. Während des Lesens hatte ich gelegentlich den Einfall, dass es sich um eine Groteske um die Vorstellung der Gesellschaft zur Homosexualität handelt. Vieles spricht dagegen. Erst im dritten Teil assozierte ich mit Nick bei der Familie Fedden den Neger, den sich ein Ehepaar zu Weihnachten in einem Sketch von Gerhart Polt einlädt. Erst am Ende des 16. Kapitels fliegt Gerald auf. Nick und Catherine sehen Penny im Flur eines Hauses. Kurz darauf kommen sie zum Apartment mit offener Türe. Sie klingeln, "It's open", treten ein und sehen Gerald in kompromittierender Kleidung (S. 459-60). Dass Penny während eines brisanten Techtelmechtels die Wohnung verlässt mag man noch schlucken. Doch dass Gerald beim Klingeln nicht sofort alarmiert ist, sondern bieder "It's open" ruft, ist hanebüchen. |
| Die drei Teile des Romans sind
mit 1983, 1986 und 1987
zeitlich genau markiert. Sie fallen damit in die inzwischen
legendäre Thatcher-Ära
(Premierministerin von
1979 bis 1990). In der Innenpolitik steht der Thatcherismus
für die Privatisierung vieler Staatsunternehmen und von
lokalen Versorgungsunternehmen. In der Aussenpolitik wurde sie mit dem
Falklandkrieg 1982 mit Argentinien populär und
berühmt-berüchtigt. Entgegen manchen
Buchbesprechungen bekommt der Leser aber davon nichts mit; ausser man
zählt auch den Drogenkonsum der in The Line of Beauty
geschilderten Reichen zum Thatcherismus Hollinghurst kann elegant erzählen, den Somerset Maugham Award 1989 erhielt er wohl zurecht. Der Booker Prize 2004 für das hier besprochene Werk scheint mir weit übertrieben, zumal in der Longlist mit Chimamanda Ngozi Adichie: Purple Hibiscus ( Nick ist sicher eine Entlehnung aus F. Scott Fitzgerald: The Great Gatsby. Dort gerät der Ich-Erzähler Nick Carraway unter die Superreichen (siehe |
| Mich hat der Lebensstil der High Society noch nie
mächtig interessiert. Von der Diana
kannte ich bis zu ihrem
Tod allenfalls ihre Existenz und irgendeine Verbindung mit dem
englischen Königshaus. Für mich ist "Diana" immer
noch ein Superhit für Paul
Anka und keine Lady. Sogenannte Familienepen müssen verdammt gut sein, um mich zu beeindrucken. Positiv fällt mir aus dem Stehgreif ein: Thomas Mann: Buddenbrooks und Jonathan Franzen: Die Korrekturen, eher neutral dagegen: Jeffrey Eugenides: Middlesex (siehe |
| Lobende Kritiken allenthalben
(ich kann's nicht
fassen); Wieland Freund in der Welt meint sogar: "Allan Hollinghursts
perfekter Gesellschaftsroman"; einzig in der FAZ eine Besprechung mit
deutlichen Abstrichen. Es scheint doch
an mir zu liegen, dass ich The Line of Beauty nicht
besonders gut fand. Doch sehen wir uns die Lobeshymnen mal an: • "Nicks Entwicklung vom kleinbürgerlichen Provinzler zum dandyhaften Kosmopoliten" Die Entwicklung konnte ich nicht herauslesen: es bleibt unklar, was Nick vor 1983 war; wie seine häuslichen Verhältnisse waren. • "Hollinghurst spiegelt das große Thema der englischen Literatur: die Klassengesellschaft" Klassengesellschaft? Er spiegelt das Leben der Upper Class. Darunter kommt kaum jemand vor, da Nick dem Leser erst gegenübertritt, als er schon bei den Feddens angekommen ist. Seine Vergangenheit wird nicht reflektiert. Ansonsten tritt ausserhalb der Upper Class noch Leo auf (dient nur als Sexualobjekt) und ein paar Bedienstete. Ein Klassenvergleich ist nur eingeschränkt (eigene Erfahrung) möglich. • "die Fassade des schönen Scheins zerbricht" – Fürwahr, doch dazu brauche ich keinen Roman zu lesen. Die Regenbogenpresse berichtet darüber tagtäglich. • Literaturkritiker Wieland Freund meinte in Die Welt (siehe • Literaturkritiker Andreas Isenschmid meinte, dass die homosexuellen Szenen nicht expliziter sind, als heterosexuelle Szenen in anderen Romanen. Da widerspreche ich. Das ständige Schielen nach Ärschen und Gliedern, die peinlichen Szenen auf den Toiletten, ... kenne ich aus heterosexuellen Szenen in anderen Roman nicht. |
| Die glänzenden Stellen sind zu
spärlich gesät. Hier ist eine: "Sally Tipper sieht Nick ein Buch lesen und bemerkt: "Ah, that's Maurice's book, I see." Nick liest etwas über die Gedichte John Berrymans. Kein Stoff für den neureichen Maurice. Er protestiert: "I don't think ..." und "You're very welcome to read it [...] but it's actually mine ...". Sally klärt den Irrtum auf: Maurice hat den Verlag gekauft. Sir Maurice: "I've bought the whole group." (S. 337-338) Weitere heitere Szenen mit dem superreichen Wani fallen mir ein. Ich zitiere ihn noch einmal. [Wani] "Oh, a disaster, ... Quite unbelievable. One of my bloody companies lost two-thirds of its value between lunchtime and teatime." (S. 439) |
| Preise Booker Prize 2004 für The Line of Beauty Somerset Maugham Award 1989 für The Swimming Pool Library |
| Die Zeit für die 500
Seiten The Line
of Beauty kann man besser verwenden um 2 Romane von Henry
James zu lesen. Ich empfehle |
| Vergleichsliteratur |
| Anthony Powell: A Dance to the Music of Time [Ein Tanz zur Musik der Zeit / Tanz zur Zeitmusik] |
| Evelyn Waugh: Brideshead Revisited [Wiedersehen mit Brideshead] |
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| Alan
Hollinghurst: The Line of Beauty. London:
Macmillan, 2005. Taschenbuch, 500 Seiten |
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