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Lessing
Doris Lessing: The Fifth Child
B&T Paladin 2001. Taschenbuch, 160 Seiten – Doris LinksDoris Literatur
Hat Doris Lessing zu oft "Rosemaries Baby" von Roman Polanski geschaut? Oder die Romanvorlage dazu Ira Levin: Rosemary's Baby [Rosemaries Baby] gelesen? Ich weiß es nicht, doch besser als der zu beliebige Film ist der kurze Roman von 1988 jedenfalls.
David und Harriet, beide aus zerrissenen Familien, finden schnell zueinander, heiraten und hintereinander werden Luke, Helen, Jane und Paul geboren. Eine idyllische Familie in einem romantischen grossen Haus; finanzielle Engpässe werden durch Davids Vater James ausgeglichen. "Happiness. A happy family. The Lovatts were a happy family" (S. 28).
Dann kommt Ben und erweist sich als "Problemkind": stark, aggressiv, kaum beherrschbar. Obwohl Harriet eine angeheiratete Lovatt ("love-it") ist und Mutterliebe meist nicht differenziert, kann sie Ben nicht lieben, ja, öfters wünscht sie ihm den Tod. Ben wird (wenn ich es recht erinnere, gegen den Wunsch der Mutter) in ein entferntes Heim gegeben. Als Harriet ihn dort besucht ist sie entsetzt und bringt ihn wieder heim.
Durch John – einem jungen Mann, der in Lovatts Garten aushilft, wird Ben in eine jugendliche Motorradgang eingeführt und scheint dort erstmals aus sich herauszugehen. Nachdem John wegzieht dauert es eine Weile bis sich Ben einer neuen – diesmal nicht so harmlosen Gang anschließt.
Der einst so blühende und gastfreundliche Haushal der Lovatts hat sich hauptsächlich wegen Bens allmählich verflüchtigt. Selbst die eigenen Kinder ziehen weg.
Ausbruch in die Vergangenheit wird »bestraft«
Harriet und David versuchen des Rad zurückzudrehen. Folge: es wird brutal zurückgedreht un dzerstört ihre anachronistische Vision. Die beiden treffen sich Mitte der 60-er Jahre des letzten Jahrhunderts. Entgegen dem Zeitgeist beschließen sie binnen kurzem nach ihrem ersten Treffen zu heiraten und viele Kinder zu haben. Sie haben wenig Geld, dennoch leisten sie sich (ihre wohlhabenden Eltern einberechnend Lessing) ein Riesenhaus, viele Kinder und Haushaltshilfen. James zahlt gutmütig, doch einmal hält er ihnen unwirsch vor: sie hätten diese Lebensform gewählt, nun sollten sie nicht damit rechnen, dass andere die Zeche bezahlen (S. 48).
Sie benutzen Verhütungsmittel, doch Harriet wird trotzdem schwanger. Sie katapultieren sich selbst zurück in eine Zeit des heimeligen Familientums, während um sie (man nehme nur ihre Eltern, oder Sarah und William) die sozialen Gefüge zerstört sind oder jedenfalls brüchig sind.
Doris Lessing zieht für den Leser keine Lehre daraus, sondern läßt Ben auftreten, der den Plan zu leben wie in alten Zeiten, ins Groteske steigert. Am Ende des Romans stellt sich Harriet vor, wie sie durch Ben eine Rasse, Tausende von Jahren vor der Menschheit ("before humanity") sieht. Hausten sie vielleicht in Höhlen und aßen sogar Herdengenossen? (S. 158). Sie sieht im letzten Satz des Romans Ben als von einer anderer Art (S. 159).
Harriet hält an der Bestrafungsidee fest; ein Motiv, dass oftmals die religiösen Lehren zur Abschreckung in die Welt setzen. Auf Davids Frage, Bestrafung, wofür? entgegnet sie: "Für die Anmassung zu denken, wir könnten glücklich sein. Glücklich, nur weil wir beschlossen es zu sein" (S. 141). David weist dies zornig zurück: "Weist du nicht, wohin solche Gedanken führen? Pogrome und Bestrafungen, Hexenverbrennung und zornige Götter –!" (S. 141).
Weihnachten – Ostern – Sommerferien
Der Lebensrhythmus wird im Hause der jungen Lovatts durch Weihnachten, Ostern und die Sommerferien bestimmt. Luke, Helen und Paul werden kurz nach Weihnachten oder zwischen Weihnachten und Ostern geboren (S. 24, 27, 30). Nur Ben wird einen Monat zu früh vor den Sommerferien geboren.
Vorzeichen – schicksalshafte Bestrafung
Schon nach der Geburt des dritten Kindes, Jane, stehen die Zeichen auf Sturm. David und William haben berufliche Probleme. Innerhalb von fünf Jahren sind in der kleinen ruhigen Stadt Verbrechen an der Tagesordnung (S. 29).
Das markanteste Vorzeichen künftigen Unheils ist die Geburt eines Kindes von Sarah (Harriets Schwester) und William mit Down Syndrom (Doris Links). Harriet glaubt nicht an bloßes Unglück, sondern hält das Kind für eine Strafe für die zänkische Ehe der Eltern (S. 29). David schiebt später die fünfte Schwangerschaft auf die böse Ausstrahlung ihres Schlafzimmers zurück.  
Der dämonische Ben
Die Autorin legt nicht nur zum Genre des Romans zahlreiche mehrdeutige Spuren aus (mehr dazu weiter unten), sondern auch zur wahren Natur des fünften Kinds.
Vieles deutet vom Beginn der Schwangerschaft an darauf hin, dass etwas Besonderes heranwächst, kein normales Kind.
• In der Diskussion darüber, wann das fünfte Kind geplant sei (Harriet: "We are going to give it a rest [...] For at least three years"), bezeichnet William das fruchtbare Paar als "madmen" (Verrückte, Wahnsinnige) und David bestätigt diese Wortwahl (S. 34). Ein hartes Wort für ein normales Ehepaar, das nur mit der Verhütung nicht zurecht kommt. Der Dreijahresplan scheitert (wann lernen die zwei wie man wirkungsvoll verhütet kind?), Weihnachten 1973 ist Harriet wieder schwanger (S. 40).
• Wie konnte diese Schwangerschaft passieren? fragt die Erzählerin oder sie artikuliert damit die gedankliche Frage des Paars (S. 40).
• Witzelnd weist David die Vaterschaft zurück: "It's this room. I swear it's baby-maker" (S. 40). Er wälzt die Vaterschaft auf einen irrationalen Einfluss durch ein Zimmer ab. Also die zweite unbefleckte Empfängnis kind und das kurz vor Weihnachten.
• Später weist er die Vaterschaft nochmals von sich, als ihn Harriet daran erinnert: "He's our child" (kursiv im Original). "No, he's not," said David, finally. "Well, he certainly isn't mine" (S. 90).
• Das Unheil kündigt sich weiter an, als Harriet ausser sich gerät: "She was frantic, exhausted ... she was peevish; she lost temper, she burst into tears ... " (S. 41). Sie murrt, dass der Fötus sie vergiftet (S. 41). David findet, sein Weib sei nicht ganz bei Trost (S. 43).
• Später steigert er seinen Befund und erklärt sie für "possessed" (S. 50), was wohl "besessen" meint. Harriet greift zu Beruhigungspillen für sich und ihren Fötus. Ihn nennt sie schon vor der Geburt ein Monster (S. 58) und wenige Wochen nach der Geburt ist er das Neandertal-Baby (S. 65).
• Dann gibt die Autorin dem Geschehen die Spitze: "My God", sagte Harriet (S. 49). Das steht recht unvermittelt als einzige Aussage zwischen ihrem Grunzen (!) und Stöhnen. Ausserdem ist nur "God" durch Kursivsetzung hervorgehoben.
• Ben steht für "Sohn".
• Dr. Brett über Ben: "A real little wrestler ... He came out fighting the whole world" (S. 60). Damit verwendet er dasselbe Wort wie William während der Schwangerschaft: "What have you got in there? [...] A wrestler?" (S. 50). Wer würde einen Säugling in den Zusammenhang mit der ganzen Welt bringen?
• Der Kämpfer der ganzen Welt erinnert an "Retter der Welt" (Joh 4,42; 1 Joh 4,14), der "Salvator Mundi", oder auch der "Herrscher der Welt" (Joh 14,30; Joh 12,31), der oft mit dem Satan gleichgesetzt wird (womit wir bei Rosemaries Baby gelandet sind).
• Auch spätere Bezeichnungen für Ben als Gnom, Kobold und Ähnliches sprechen gegen einen von der Art Homo sapiens.
Wie soll/kann man diese Indizien interpretieren?
Man kann sie ignorieren und auf einer naturalistische Erklärung Bens bestehen (siehe gleich anschliessend). Man kann sie ernst nehmen und Ben als Verkörperung eines guten oder bösen Dämons ansehen. Ein Mitdiskutant stufte dies mit dem Zwischenruf: "Verschwörungstheorie!" als abstrus ein. Doch die Vaterschaft durch ein Zimmer (um ein Indiz herauszugreifen) ist kaum abstruser als durch einen heiligen Geist, Mt 1,18. Die oben skizzierten Auslegungen sind recht gut belegt. Wie phantasievoll manche Leser darüber hinaus werden, zeigt eine Interpretation, die Doris Lessing in einem Interview nannte. Sie erzählte von einem Journalisten, der meinte, die Familie im Roman sei eine Allegorie auf Europa, Ben symbolisiere die Unheil bringenden Einwanderer im 20. Jahrhundert. Das wies Lessing als zu phantasiereich zurück. 
Dafür kommen mindestens zwei Varianten in Betracht
• Reinkarnation des unehelichen Sohnes Jesus. Vor allem die ungeklärte Vaterschaft und die Anspielungen auf die genannten Bibelstellen sprechen dafür.
• Satan oder einer seiner "Artgenossen". Dafür spricht eigentlich mehr, besonders aber Bens aggressives Verhalten. In diesem Fall hätten die Lovatts mal einen Exorzisten befragen müssen; einige Religionen stellen diese Berufsart auch heute noch, siehe Doris Links.
Naturalistische Erklärung Bens
Ben ist ein genetischer Ausreißer. So kann ich nicht zustimmen (irgendjemand sagt es im Roman), dass die Familie Lovatt, ins Mittelalter zurückgeworfen wird. Nein, es ist ein genetischer Rück- oder Fehlschlag, aus welchen Gründen auch immer. Ben ist ein Neandertaler, ein Kobold, eine Missbildung ("freak"). Er durchkreuzt das Grossfamilienidyll, die romantische Vision von Harriet und David, dass sie – ohne Mittel – den Zeittrend zur Kleinfamilie durchbrechen können, dass in einem mondänen Landhaus (direkt aus einem Schauerroman) die einzelnen Familiensprengsel wieder zueinander finden. Das Gegenteil tritt ein: die Familie wird zersprengt. Der Versuch eine Grossfamilie alten Stils zu pflegen scheitert letztendlich (siehe Doris Vergleichsliteratur).
Ben verdeutlicht, dass der Homo sapiens und der Schimpanse 95 % ihres Erbguts gemeinsam haben, nicht viel weniger, als die Menschen untereinander gleich haben (Fernández-Armesto, S. 147; siehe Doris Links).
Später Nachgedanke
Die Anspielung auf einen genetischen Schlag in die Vorzeit (Neandertalerbaby) geht von der irrigen Annahme aus, dass unser Vorfahren extrem aggressiv und gewalttätig waren. Und dass wir genetisch sehr viel zahmer seien. Diese Annahme scheint mir verfehlt.
Inhaltliche Kritik
• Die Abneigung gegen Ben setzt früh ein (schon während der Schwangerschaft), danach wünscht die Mutter ihrem Kind mehrmals den Tod!?
• Warum wurde keine klare ärztliche Diagnose eingeholt? der begleitende Dr. Brett scheint nicht gerade eine Koryphäe zu sein. Dies wird erst als Ben schon 1 Jahr zur Schule ging nachgeholt (S. 123-124). Dabei wiederholt Dr. Gilly einen Vorwurf: "I'm going to come straight to the point, Mrs Lovatt. The problem is not with Ben, but with you" (S. 124).
Harriet als Zerstörer der Familie
Das Motiv Harriets als "scapegoat", als Sündenbock, tritt noch des öfteren auf. Allerdings wird es damit begründet, dass sie Ben seinerzeit zurückholte (S. 141).
Genre
Lessing legt geschickt zahlreiche Spuren für den Leser aus. Man kann The Fifth Child daher als Gothic Novel, als Science Fiction oder als Fantasy lesen. Die Erzählung Davids für seine Kinder während der fünften Schwangerschaft legt ein Märchen nahe. Ich las es realistisch, wie es die zuvor geborene Amy (A kommt vor B) einer Kusine nahelegt. Amy klingt zutraulich. Sie hat ein Down-Syndrom, eine spezielle Genommutation (Doris Links). Ben klingt härter und ist es auch.
Doris Lessing meinte in einem Interview: "It's a horror story. It seems to me it's a classic horror story." (Rothstein 1988 Doris Links).
Das fünfte Kind besticht durch seine knappe, packende Erzählweise. Die Fährten sind so zahlreich gelegt, dass viele Deutungen möglich sind. Man muss sich nicht entscheiden und Doris Lessing tat es auch nicht, sondern schrieb im Jahr 2000 einen Folgeroman: Ben, in the World (Ben in der Welt).
Vergleichsliteratur
Jane Smiley: A Thousand Acres [deutsch: Tausend Morgen]
Toni Morrison: The Bluest Eye [deutsch: Sehr blaue Augen]
Links
LessingDoris Lessing
LessingDoris Lessing: Wikipedia deutsch
Rezensionen
LessingLeselust: Doris Lessing: Das fünfte Kind
LessingMervyn Rothstein: The Painful Nurturing of Doris Lessing's 'Fifth Child', NY Times, 14.6.1988
LessingDieter Wunderlich: Doris Lessing: Das fünfte Kind

LessingDown-Syndrom
Doris Doris Lessing: Briefing for a Descent into Hell
Doris Doris May Lessing: Under My Skin: Volume One of My Autobiography, to 1949 [Unter der Haut. Autobiographie 1919 - 1949]
Doris Exorzismus: Austreibung von Dämonen, Teufeln und anderen Geistern
Doris Felipe Fernandez-Armesto: So You Think You're Human? A Brief History of Humankind
LessingRosemaries Baby
Literatur
Gamallo, Isabel C. Anievas (2000): "Motherhood and the Fear of the Other: Magic, Fable and the Gothic in Doris Lessing's The Fifth Child". In: Richard Todd, Luisa Flora, Hg.: Theme Parks, Rainforests and Sprouting Wastelands: European Essays on Theory and Performance in Contemporary British Fiction. Amsterdam: Rodopi. S. 113-124.
Hagge, Helmut P. (1996): "Doris Lessing - 'The Fifth Child'. Lektüre eines Problemromans in der Studienstufe des Gymnasiums". Fremdsprachenunterricht 40:3. S. 186-187.
Hanson, Clare (2007): "Reproduction, Genetics, and Eugenics in the Fiction of Doris Lessing". Contemporary Women's Writing 1. S. 171-184
Kugler-Euerle, Gabriele (1996): "Doris Lessing's Nasty Child, 'The Fifth Child'. Eine rezeptionsorientierte Lektürebehandlung auf der Sekundarstufe II". Fremdsprachenunterricht 40:3. S. 188-194.
Rau, Albert (1997): "Living with the Alien: Approaching Doris Lessing, 'The Fifth Child', in Advanced EFL-Courses". Neusprachliche Mitteilungen 50:1. S. 28-33.
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Lessing Lessing Doris Lessing: Das fünfte Kind. btb, 1997. Taschenbuch: 219 Seiten. Eva Schönfeld, Übs. Lessing
Doris Lessing: Das fünfte Kind. Hoffmann und Campe, 2008 – 4 CDs – Marlen Diekhoff (Sprecher) Lessing
Lessing Lessing Doris Lessing: The Fifth Child. B&T Paladin 2001. Taschenbuch, 160 Seiten Lessing
Doris Lessing: The Fifth Child. New York: Vintage, 1989. Taschenbuch, 144 Seiten Lessing
Lessing Lessing Interpretationshilfe Englisch: The Fifth Child. von Doris Lessing. Stark 2003. Taschenbuch, 88 Seiten Lessing
Albert Rau: The Fifth Child von Doris Lessing. Frankfurt: Diesterweg, 1992. Taschenbuch, 122 Seiten Lessing
Lessing Lessing Ellen Pifer, Hg.: Demon or Doll: Images of the Child in Contemporary Writing and Culture. University of Virginia UP 2000. Taschenbuch, 288 S. –
Auswahl der berücksichtigten Werke: Don DeLillo: White Noise; Charles Dickens: Bleak House – David Copperfiled – Great Expectations – Oliver Twist; William Golding: Darkness Visible – The Hot Gates – The Lord of the Flies; Henry James: What Maisie Knew – The Turning of the Screw; Jerzy Kosinski: The Painted Bird – Passing By; Milan Kundera: The Book of Laughter and Forgetting; Doris Lessing: Children of Violence – The Fifth Child; Ian McEwan: The Child in Time; Toni Morrison: Beloved; Vladimir Nabokov: Lolita – Bend Sinister – Invitation to a Beheading; Salman Rushdie: Imaginary Homelands – Midnight's Children; Mary Shelley: Frankenstein; Muriel Spark: The Prime of Miss Jean Brodie; Laurence Sterne: Tristam Shandy; Mark Twain: The Adventures of Huckleberry Finn
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 21.9.2008