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Ishiguro
Kazuo Ishiguro: Nocturnes. Five Stories of Music and Nightfall
London: Faber and Faber, 2009. Taschenbuch, 221 Seiten [Bei Anbruch der Nacht, Barbara Schaden, Übs.]
Kazuo LinksKazuo Literatur

In den fünf Nachtstücken stehen junge Musiker oder Musikliebhaber („Come Rain or Come Shine“) im Blickpunkt: talentiert, mit „potential“ („Cellists, S. 195), aber erfolglos. Das Ehrliche an allen Stories: keiner schafft es, zumindest nicht auf den Seiten dieser schmucken Erzählungen. Das gibt allen Stories eine melancholische, wehmütige Stimmung.
Crooner
Der polnischer Gitarrist Jan spielt in Venedig in einer Band für die Touristen. Da sieht er Tony Gardner, den Lieblingssänger seiner Mutter an den Zuhörertischen. Jan gelingt es den alternden Crooner in ein Gespräch zu verwickeln. Die seit 27 Jahren mit ihm verheiratete Lindy Gardner gesellt sich hinzu und es zeigen sich Spannungen. Tony engagiert Jan zu einem venezianischen Duett besonderer Art. Er will sich von Lindy trennen.
Jan bekommt eine Lektion in Sachen Glamourleben: mehr Schein als Glanz. Der Leser findet einen jungen Musiker am Beginn seiner Laufbahn und einen älteren Sänger, der es nochmals wissen will. Oder: der es nicht wahrhaben will, dass er am Ende angekommen ist.
Beim Duett vor Lindys Zimmer singt Tony in der Gondel:
• "By the Time I Get to Phoenix"
• "I Fall in Love Too Easily"
• "One for My Baby"
Come Rain or Come Shine
Charlie ist mit Emily, der Jugendfreundin Rays verheiratet. Aber es kriselt. Da kommt Ray zu einem mehrtägigen Besuch, Charlie muss auf Geschäftsreise und hat einen Vorschlag um seine Beziehung wieder einzurenken. Zwei bizarre Charaktere, Raymond und Charlie, verhakeln sich zu einer Ferngroteske. Einiges läuft schief, doch am Ende geht Charlies Rechnung auf. Emily und Ray verbindet die Liebe zur Musik von Sarah Vaughan, Chet Baker, Julie London, Peggy Lee, Billie  Holiday und Ray Charles. Man kann die Geschichte so lesen, dass diese Verbindung letztlich den Weg zum Happy-End ebnet.
Nebenbei wird die Fragen angerissen, was von den Jugendvisionen übrig bleibt und ob man nicht oft den Zeitpunkt zur Umsetzung verstreichen lässt.
Malvern Hills
Der groteske Stapel, den Kazuo Ishiguro in „Come Rain or Come Shine“ anzündet, ist in „Malvern Hills“ ebenfalls hergerichtet. Doch diesmal läßt der Autor die Erwartungen ins Leere laufen. Streit und Knistern zwischen den Personen ist reichlich vorhanden, durch die Musik und Lanschaft wird aber eher eine besinnliche Grundierung beigemischt.
Der namenlose Ich-Erzähler, Songschreiber und Gitarrist, kommt in London mit seiner eigenkomponierten Musik nicht an und zieht sich in das Hügelland seiner Jugend zurück. Dort führt seine Schwester mit ihrem Mann Geoff ein Ausflugslokal. Da ist jede Hilfe willkommen. Der Künstler und der Praktiker Geoff haben recht unterschiedliche Lebensansichten. Das führt bald zu Spannungen im Ablauf. Ein Schweizer Touristenehepaar, Sonja und Tilo, wird vom Ich-Erzähler aus Rache und Bosheit an die falsche Hoteladresse komplementiert. Diese groteskenwürdige Situation gibt Anlass zu Missverständnissen zwischen den beiden und dem Ich-Erzähler und zwischen Sonja und Tilo. Es stellt sich heraus, dass die Schweizer professionlle Musiker sind und davon brauchbar leben können. Sie haben das erreicht, was der Songschreiber noch anstrebt. In der kritischen Sonja findet er eine verwandte Natur. Doch auch dies baut Ishiguro nicht aus: alles bleibt in der Schwebe. Mir war das etwas zu wenig, obwohl es eine wundervoll stimmungsvolle Story ist.
Nocturne
Steve, Ich-Erzähler und eher erfolgloser Saxofonist, bekommt auf absonderliche Weise Lindy Gardner (alternder Glamourstar, von Sänger Tony Gardner – siehe erste Story „Crooner“ – inzwischen geschieden) zur Zimmernachbarin. Zusammen werden sie in groteske Situationen verwickelt, die man kaum kurz andeuten kann. Deshalb nicht mehr darüber.
Auffallend ist, wie sich Lindy Gardner, mit einer gewissen Bauernschläue erfolgreich durchs Leben bewegt. Als sie Steve nicht mehr braucht ist sie – allerdings mit Verabschiedung – auch schon weg. Bei ihrem zweiten Treffen auf Lindys Zimmer wird übrigens Schach gespielt und es ergibt sich ein bemerkenswerter Dialog, siehe auch Schach in der Literatur (Kazuo Links).
Lindy Gardner sagt von sich selbst, sie sei der Welt schlechteste Schachspielerin. Sie fordert Steve zu einer Partie auf. Während des Spiels kommt es zu folgendem Dialog:
„Steve, is this right? I can do this and take your queen?“
„Oh. Yeah. I guess so. I didn't see that. Hey, Lindy, you're a lot smarter at this than you let on. Now what am I supposed to do?“
„All right, I tell you what. Since you're the guest, and you werer obviously distracted by what I was saying, I'm gonna pretend I never saw it. Isn't that nice of me?“ (S. 151)
Von mehreren Seiten wird der US-amerikanische Erfolgszwang beleuchtet, der Lindy und Steve Schönheitsoperationen beim zwielichtigen Boris machen läßt. Boris erinnert an Boris Karloff und ist – wie viele Ärzte an der Grenze zur Legalität in Film und Literatur – Russe. Karloff ist berühmt für seine Monsterrollen, insbesondere in Frankenstein.
Nette Konstruktion, bizarre Einfälle und Situationen.
Cellists
Eine neue Variante des Topos: talentierter junger Musiker – hier der ungarische Cellist Tibor – trifft ältere Gönnerin. Die gut betuchte Eloise McCormack treibt mit ihrem Verlobten Peter und mit Tibor ein merkwürdiges Spiel. Das man beides als Leser abnimmt verdankt sich der Erzählkunst Ishiguros. Man muss es lesen, denn erzählt – oder hier geschrieben – hielte man es für zu verdreht und unglaubwürdig.
Alle fünf Geschichten sind sehr anregend und leicht zu lesen. Sie kreisen um ähnliche Themen: junge Musiker mit Talent stehen vor der Wahl Kunst oder Kommerz; karges Künstlerdasein mit Hoffnung auf dem Durchbruch versus bürgerliches Leben, hier oft: gefälliges Spielen vor Touristen.
Dem sind Künstler gegenübergestellt, die ihre Zeit hinter sich haben und es nicht glauben wollen. Oder die – wie Eloise – ihr Talent einst verkommen ließen. Viele Charaktere sind recht impulsiv und hauptsächlich dadurch kommt es zu den grotesken Krisen in den Geschichten.
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Ishiguro IshiguroKazuo Ishiguro: Nocturnes. Five Stories of Music and Nightfall. London: Faber and Faber, 2010. Taschenbuch, 240 Seiten Ishiguro
Kazuo Ishiguro: Bei Anbruch der Nacht. Karl Blessing, 2009. Gebunden, 240 Seiten Barbara Schaden, Übs. Ishiguro
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