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Kennedy
A.L. Kennedy: What Becomes
London: Vintage, 2010. Taschenbuch, 218 Seiten [Erzählungen Was wird: Erzählungen. Ingo Herzke, Übs.]
A.L. LinksA.L. Literatur

A. L. Kennedy, allseits hoch gelobt, erstmals von mir gelesen (Dez. 2012). In der Kurzgeschichtensammlung What becomes sind 12 Stories versammelt, ohne bestimmten Plan, wie A.L. K. in einem Interview mit The Guardian bekannte. Auch zu dieser Sammlung gab es einmütig Lob. Eingeschränkt stimme ich zu: die ersten drei Stories begeisterten mich. „Saturday Teatime” fällt ab (für mich ist sie rätselhaft, unverbindlich), dann folgen wieder gute Stories inklusive „As God Made Us”. Ab da griffen die Geschichten bei mir nicht mehr so richtig. Gewohnheit durchs Lesen (obwohl ich selten mehr als 1-2 Stories am Tag las)? Abstumpfung? Geistige Blindheit?
Hier das Inhaltsverzeichnis und dann folgen Details zu allen Stories.
„What Becomes”
„Wasps”
„Edinburgh”
„Saturday Teatime”
„Confectioner’s Gold”
„Whole Family with Young Children Devastated”
„As God Made Us”
„Marriage”
„Story of My Life”
„Sympathy”
„Another”
„Vanish”
„What Becomes”
Frank ist im falschen Kino: er ist ganz allein im mickrigen Filmtheater. Der Film startete nicht und Frank denkt an die groteske Szene mit seiner Frau in der Küche. Beim Gemüseschneiden verletzte er sich. Makaber dekoriert Frank mit seinem Blut Küche und Wohnung. Er versichert: „It’s all right. [...] It'll be fine”, doch sie widerspricht: „It’s not all right. It won’t be fine.” (S. 9) Er hatte beim Schneiden nicht aufgepasst und bekam, was er verdiente (S. 6). Die blutige Küchenmetapher steht für ihre kaputte Ehe. Da hat er wohl auch nicht aufgepasst.
Als der Film endlich beginnt fehlt der Ton. Frank beschwert sich.
Nun sind kleine Verletzungen oder defekte als Symbol defekter Beziehungen ein beliebter Topos (siehe z.B. Paula Fox: Desperate Characters, unter A.L. Links). Doch A.L. K. beschreibt es beklemmend und verstörrend. Die titelgebende Geschichte wird damit gleich zu einer außergewöhnlich guten.
„Wasps”
Wasps ließ mich gleich an den Prototyp White Anglo-Saxon Protestants denken, doch das griff fehl. In die Wohnung von Cheery und Ray dringen tatsächlich Wespen ein. Wie diese Wespen die Wohnung zerstören, so Rays Geliebte auf seinen Geschäftsreisen die Ehe.
Cheery bleibt mit mit den beiden Söhnen zurück als sie Ray zum nächsten Trip verabschiedet. In Anlehnung an Ray Charles' "But On The Other Hand Baby" weiß sie, dass er weiß, dass sie weiß, wen er auf seinen Geschäftsreisen treffen wird. Sie ahnt sogar, dass er eines Tages nicht zurückkommen wird.
Großartige Story, alles passt.
„I know that you know that I know that you've got another man.”
Ray Charles: "But On The Other Hand Baby" (Ray Charles, Percy Mayfield), 1961
„Edinburgh”
Der Gemüsehändler Peter wird als Realist eingeführt. Er erlaubt Spiritisten und Esoterikern ihre Reklame im Laden auszulegen, hält aber selbst nichts von den Spinnern. Er verknallt sich in die Kundin Amanda, die im entfernten Edinburgh wohnt und in Peters Ort pendelt. Eine kleine Zumutung am Rande: kaum jemand pendelt von der Grossstadt aufs Land.
Der Liebesgeschichte zwischen Amanda und Peter steht der perverse Ladenangestellte Fintan gegenüber, der es im Keller mit Früchten treibt („Fintan is having manual se with fruit”, S. 44). Er und Tim sind moderne überzeichnete Typen von Charles Dickens.
Es sind oft Nebensächlichkeiten, die den Geschichten den Stachel geben. Hier verzichtet Peter auf Produkte aus seinem laden und rührt sich selbst künstliche Drinks.
„Edinburgh” stellt die Aussagen des US-Physikers Neil deGrasse Tyson  „We're all connected - to each other biologically, to the earth chemically, and, to the rest of the universe atomically. We're in the universe, and the universe is in us.” und des US-Journalisten Thomas L. Friedman: „We're all connected and nobody is in charge.” zur Diskussion. Es ist auch einer der zahlreichen literarischen Bezüge, hier zu „Only connect! That was the whole of her sermon.” E.M. Forster: Howards End. Peter behauptet dagegen – und A.L. K. wies es in ihren Geschichten als realistischer nach –: „We are not all connected. We are bags of skin. We are all separate bags of thinking skin.” (S. 54).
In verschiedenen Hinsichten haben sie alle recht.
„Edinburgh” ist die dritte Spitzengeschichte der Sammlung. Nachfolgend erreicht keine mehr diese außerordentliche Qualitäten.
„Saturday Teatime”
Während die Ich-Erzählerin in einem Floating-Becken liegt geht ihr ein Gedankenstrom mit mehreren Rückblenden durch den Kopf. Mit dem bezahlten Aufenthalt im Becken wird ihr Glücksempfinden versprochen.
Zunächst schweifen ihre Gedanken zu einer Party der letzten Woche zurück. Abseits vom Trubel zeigte ihr der Sohn des Hauses seinen Hamster: Anlass für sie über die kaputte Ehe der Gastgeber nachzudenken. Ihre Gedanken gehen zurück in ihre Kindheit. Zum Tee am Samstag sitzt sie mit ihrer Freundin vorm Fernseher während einen Stock höher der Vater die Mutter verdrischt.
Allerdings ist dies nicht so sicher: das Kind konnte getäuscht worden sein; die Erinnerung kann versagen; der Aufenthalt im Floating-Becken stört die Wahrnehmung.
Neben den Rückblenden monologisiert die Ich-Erzählerin einige ihrer Theorien. Die übers Lachen (S. 71) verstand ich nicht, die über den Tropfen gipfelt in:
„It takes a while to realize every one of us will land and not survive it. We are a tragedy waiting to happen, or a design flaw, at the very least. And that murmur in our ears before we sleep — we imagined it was blood flow, heartbeats, tinnitus — but it’s not, it’s the drop.” (S. 65)
Die Tropfentheorie passt zur Stimmung und Quintessenz der zwölf Stories.
Will uns A.L. K. zeigen, dass die Kindheitserlebnisse das ganze Leben prägen? Dieser Gedanke freilich ist inzwischen Allgemeingut. Oder habe ich einiges überlesen, wie beispielsweise dieses:
Die neunjährige Erzählerin schaut im TV: "Doctor Who" eine SF-Sendung für Kinder (A.L. Links). Der Doktor hatte staubige Schuhe an. Genau dies wünscht sie sich auch. Sie möchte ihrem Schlammassel (welches?) entkommen: mit Staub an den Schuhen.
In dieser Story blieb mir vieles zu vage.
Floating (A.L. Links) ist eine Entspannungstechnik, bei der Personen mit Hilfe von konzentriertem Salzwasser in einer speziellen Floating-Anlage (Floating-Tank oder Floating-Becken), abgeschottet von Außenreizen, quasi schwerelos an der Wasseroberfläche treiben. Im medizinischen Bereich wird die Anwendung in der Schmerzmedizin, Orthopädie, Dermatologie und Sportmedizin erforscht. Im therapeutischen Bereich wird Floating im Stressmanagement, bei Burnout-Syndrom und Suchtentwöhnung eingesetzt. Im Wellnessbereich wird Floating auch mit Licht- und Toneffekten angeboten. Angestrebt wird eine physische und mentale Tiefenentspannung.
„Confectioner’s Gold”
Elaine und Tom gehen seit zwei Tagen ohne zu Schlafen („not even a nap”, S. 75) durch New York (Madison Avenue, S. 83). Das Paar hat seit Monaten finanzielle Probleme; er wurde vor kurzem entlassen (S. 80). In einem japanischen Restaurant essen sie. Dann kehren sie in ihre Mietswohnung zurück.
Die Konzentration auf das Paar – nur die Bedienung im Restaurant erhält kurz die Stimme – erzeugt eine klaustrophobe Stimmung, mitten in New York. Ähnlich wie in Cormac McCarthy: The Road (A.L. Links) wird nicht verraten, was Elaine und Tom zwei Tage durch die Stadt gehen läßt. Geht das überhaupt, zwei Tage herumgehen ohne Schlaf? Wohl kaum.
„Confectioner’s Gold” verknüpft David Thoreen im Globe mit Scott F. Fitzgerald. In der Story „The Diamond As Big As the Ritz” kommt allegorisch die „confectionery” vor, vielleicht denkt er auch den reichen Gatsby (A.L. Links).
„Whole Family with Young Children Devastated”
Der erste Anruf kam um 2:56 Uhr nachts. Ein Fremder hatte sich verwählt, eine Frau kreischt im Hintergrund. Das wiederholt sich einige Male. Schließlich klappt die Kommunikation. Die Frau am anderen Ende hatte wohl aufgegeben. Doch warum versuchte er es so oft als sie noch da war?
Die Angerufene veranlassen die Anrufe über die Welt und verlorene Hunde, die von aufgeewühlten Familien gesucht werden, nachzudenken. Als im letzten Abschnitt der Anruf klappt tauschen die beiden nur Belanglosigkeiten aus. Wieder die Frage: Was soll's?
Es stimmt ja, dass viele Leute im Bus telefonieren um jemand mitzuteilen, wo sie gerade lang fahren. Doch das erlebt man täglich, dazu braucht es keine Geschichte.
„As God Made Us”
Schwerbehinderte Kriegsveteranen treffen sich regelmäßig zu einem gemeinsamen Bad im Schwimmbad. Hier setzt A.L. K. eine konkrete Pointe: Eine Lehrerin regt sich über die amputierten Schwimmer auf. Man könne ihren Anblick den Kindern nicht zumuten.
Diese Story trifft ins Auge unserer gesellschaftlichen Einstellungen.
„Marriage”
Ähnlich wie in „Confectioner’s Gold” geht ein Paar durch die Strassen. Nebenbei erfährt man, dass er sie schlägt, aber selten ins Gesicht (S. 133). Das Paar beobachtet zwei Strassenarbeiter im Regen und frägt sich, wie die beiden das aushalten. Der Vergleich mit deren Eheauseinandersetzung drängt sich auf.
„Story of My Life”
Die Ich-Erzählerin entfaltet ihr Leben anhand ihrer Zahnarztbesuche. Blut kommt vor, ganz klar. Trotzdem für mich eine der schwächeren Geschichten.
„Sympathy”
In einem trivialen Dialog versucht ein anonymes Paar, das sich für eine Nacht in einem Hotelzimmer traf, die empotionale Funkstille zu übertünschen. In ihrem teilweise vulgärem gespräch geben sie privates preis: im Facebook-Zeitalter kaum bemerkenswert. Beide wissen, dass sie sich nie mehr treffen werden, auch wenn sie sich am Ende der Geschichte Gegenteiliges versichern. Sie und die Leser wissen es besser.
Nutzen und Funktion der Geschichte entgingen mir. Neues bekam ich nicht mitgeteilt.
„Another”
Witwe Lynn findet in Richard einen Ersatz, der sich auch mit der achtjährigen Tochter gut versteht. Im letzten Satz erfahren wir: So hätte es immer sein können. Wenn der Partner stirbt hat man eine zweite Chance.
Einverstanden, und?
„Vanish”
Paul und Dee trennen sich. Doch er hatte zwei Karten für den großen Magier (TGM) gekauft, zwei sehr gute. Eine davon will er vor der Vorstellung loswerden und erntet verständlicherweise Misstrauen.
(Auf einer einwöchigen Geschäftsreise in einer deutschen Grossstadt musste ich mich vor der Rückreise mit dem Zug nach München am Bahnhof mühen, die nahezu unverbrauchte Mehrfahrtenkarte für diese Stadt zu verscheneken.)
Paul findet sich am Hintereingang auf den TGM wartend vor, zusammen mit anderen Anhängern des Magiers. Dass TGM klarerweise für Gott steht (David Thoreen im Globe) entging mir. Manche schreiben ja GOTT und die Wissenschaft sucht nach der TOE (Theory of Everything). Selbst die näher liegende Assoziation zu Samuel Beckett: Warten auf Godot stellte sich bei mir nicht ein.
Am Ende der Story darf Paul bei den Fans bleiben.
So las ich „Vanish” ziemlich „in vain”.

Jede Geschichte führt hautnah an – meist ganz gewöhnliche – kaputte Personen heran. Durch Kursivsetzung werden den Lesern innere Gedanken der Protagonisten übermittelt. Ehen sind meist zerstört, Beziehungen funktionieren selten, Blut fließt in vielen der Geschichten, wenn auch sehr dosiert. Der Alltag strotz vor Unbehagen bis zum blanken Grauen.
A. L. K. zwingt zum genauen Lesen. Die Short Story eignet sich dafür hervorragend. A. L. K. zeigt was wird ohne Fragezeichen, dabei jedoch viele Fragen offen lassend. Einigen exzellenten Stories folgen undurchsichtige („Vanish”) bis vulgäre („Sympathy”), ohne für mich erkennbaren Nähr– oder erfahrbaren Unterhaltungswert. Weiterverkaufen werde ich What Becomes keinesfalls. Ich werde es proportioniert wieder lesen (z.B. die letzte „Vanish”).
Alison Louise Kennedy, * 22 Oktober 1965, Dundee, Schottland
Links
Besprechungen
Kennedybooklit
KennedyAlex Clark: "What Becomes by AL Kennedy", The Guardian, 8 August 2009
KennedyTania Hershman: "What Becomes", The Short Review
KennedyDouglas Nordfors: A.L. Kennedy's What Becomes Sees Life From the Inside Out, April 15, 2010
KennedyRobin Romm: "Internal Injuries", New York Times, May 21, 2010
KennedyLisa Orkon Emmanuel: "Review: Writer uses lens of sadness to tell tales", Huffington Post April 29, 2010
KennedyCarmela Ciuraru: "'What Becomes: Stories,' by A.L. Kennedy", San Francisco Chronicle, May 30, 2010
KennedyDavid Thoreen: "Too close for comfort", Globe Correspondent / April 11, 2010

KennedyDoctor Who
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 5.12.2012