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Westmacott
Mary Westmacott: Absent in the Spring
London: Harpercollins, 2009. Taschenbuch, 272 Seiten – Mary LinksMary Literatur
Absent in the Spring erschien in GB im August 1944 und etwas später im selben Jahr in den USA.
Joan Scudamore fährt per Auto und Zug von Bagdad (wo sie eine ihrer Töchter besucht hatte) zurück nach London. An einer Raststation mitten in der Wüste muss sie mehrere Tage auf den Anschlusszug warten. Bald schon geht ihr der Lesestoff aus und sie langweilt sich. Ihre Gedanken kreisen um Ihre Familie, Freunde und Freundinnen und ihr bisheriges Leben.
Stück für Stück merkt Joan – und mit ihr die Leser – dass sie jahrelang immer ihre Ansichten in der Familie durchgedrückt hat. Sie berief sich dabei auf ihre Stabilität und ihren Realitätssinn (S. 39).  Sie merkte nicht, wie sie mit ihrer Bevormundung Sohn und Töchter entfremdete. Tochter Barbara erklärte sich so für flügge: „Well, it looks as though I shall paddle my own canoe without the benefit of your experience und wisdom” (S. 57). Ihren Ehemann Rodney ließ Joan nicht das beruflich tun, was er gerne wollte. Er bekennt sich gegenüber der Tochter Averil: „If a man doesn't do the work he wants to do, he's only half a man” (S. 213).
Joans Wüstenaufenthalt wird einmal direkt mit Jesus' Wüstenexkursion verglichen (S. 204). Jesus ging mehr oder weniger freiwillig („vom Geist [...] geführt”) in die Wüste, „dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden”. Erst nachdem Jesus „vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, bekam er Hunger". Dann kam der Teufel (Mt 4,1-3). Joan kam eher die Erleuchtung, die sie aber – siehe Romanende – nicht zu nutzen verstand.
Geschickt baute die Autorin kurz den Antisemitismus (nicht nur) jener Jahre mit ein. Die mit einem Deutschen verheiratete (S. 226) Prinzessin Hohenbach Salm reist zu einer ernsten Operation nach Wien. Ihr Arzt dort ist Jude (also liegt die Handlung einige Jahre vorm Erscheinen des Romans oder die Autorin wusste nicht, dass es dort keine praktizierenden jüdischen Ärzte mehr gab) und die Prinzessin flötet: „I have always said it would be stupid to annihilate all the Jews in Europe. They are clever doctors and surgeons, yes, and they are clever artistically too.” (S. 233). Die grausame Logik: nur weil Juden clever sind ist Frau Prinzessin gegen ihre Auslöschung!
Agatha Christie hat sich für ihren dritten Roman (von sechs) unter dem Pseudonym Mary Westmacott eine schwierige Konstruktion ausgedacht.
  • Alles Geschehen wird aus der Retrospektive her erzählt.
  • Die Leser wissen, dass die Hauptpersonen derzeit wohlauf sind (viele mögliche Schicksalsschläge sind damit ausgeschalten)
  • Diese Rückblicke werden nur häppchenweise und zeitlich durcheinander gegeben.
  • Alles erfahrt der Leser aus der Perspektive der Hauptperson Joan Scudamore.
Berücksichtigt man diese schwierige Ausgangslage (die allerdings auf einer Entscheidung der Autorin beruht), kam eine recht ordentliche Charakterstudie zustande. „The writer has succeeded in making this novel told in retrospect, with its many technical difficulties, very readable indeed. She has not made Joan, with her shallow, scrappy mind, sympathetic, and the other characters in the tale, seen through her eyes, lack the charm they had for each other and withheld from her.” (Cook 1944, S. 401)
Ganz am Ende – Vorsicht Spoiler! – bekommt das Geschehen eine unerwartete Wendung. Nachdem Joan aufgrund ihres Grübeln die selbstlose Aussprache mit ihrem Gatten Rodney beschlossen hatte, kommt sie in England davon wieder ab und fällt in den alten Trott.
Ich empfand die Lektüre nicht ganz so „very readable”. Nicht nur die Wüste, sondern auch die zahlreichen kurzen Episoden, die der Leser kaum zu einem stimmigen Bild zusammensetzen kann, machten die Lektüre etwas trocken. Die Romansituation bestätigt meine Devise: Verlasse dein Haus nie ohne ein Schachbuch mit Kombinationen, Endspielen, Problemen oder Partien oder wenigstens ein anderes dickes Buch. Stefan Zweig zeigte in Schachnovelle die positive Seite der Befolgung dieser Devise.
Links
Absent in the Spring: WestmacottAgatha Christie websiteWestmacottWikipedia
WestmacottWilliam Shakespeare: Sonnett 98 – „From you have I been absent in the spring...”
Westmacott Agatha Christie
Literatur
Arnold, Jane (1987): „Detecting Social History: Jews in the Works of Agatha Christie”. Jewish Social Studies 49:3/4, S. 275-282
Cook, Marjorie Grant (1944): „Novels of the Week”. Times Literary Supplement [London, England] 19 Aug. S. 401
Whitney, Sarah E. (2011): „A Hidden Body in the Library: Mary Westmacott, Agatha Christie, and Emotional Violence”. Clues: A Journal of Detection 28:1. S. 37-50
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Westmacott Westmacott Mary Westmacott aka Agatha Christie: Ein Frühling ohne dich. Scherz, 2002. Taschenbuch, 224 Seiten Westmacott
Mary Westmacott aka Agatha Christie: Absent in the Spring. Jacqui Crago (Sprecher) Audiobook, CD, Ungekürzte Ausgabe. Harper Collins Publishers, 2012 Westmacott
Westmacott Westmacott Mary Westmacott aka Agatha Christie: Absent in the Spring. Harpercollins, 2009. Taschenbuch, 272 Seiten Westmacott
Mary Westmacott aka Agatha Christie: Absent in the Spring and Other Novels: Absent in the Spring -- Giant's Bread -- The Rose and the Yew Tree (Mary Westmacott Omnibus). St. Martin's Press 2001. Taschenbuch, 656 Seiten Westmacott
Westmacott Westmacott Mary Westmacott aka Agatha Christie: The Mary Westmacott Collection Volume 1: Giant's Bread: Unfinished Portrait and Absent in the Spring. Harper Collins Publishers, 1994. Taschenbuch, 755 Seiten
 
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