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McEwan
Ian McEwan: On Chesil Beach
London: Vintage, 2007. Broschiert, 166 Seiten – Ian LinksIan Literatur
Nach zwei sehr guten McEwan Romane hat mich On Chesil Beach enttäuscht. Überall lese ich Lobpreisungen und nur versteckte Kritik: "even when he's in a minor mode, as he is here, he is nothing short of amazing", The Washington Post. Na, immerhin: he's in a minor mode.
Edward Mayhew und Florence Ponting, beide 22 Jahre, heiraten in Chesil Bank.  Man schreibt das Jahr 1962. Sie verhunzen sich die Hochzeitsnacht und trennen sich auf der Stelle ohne Aussprache. Das war's.
Dazu bräuchte selbst der genaue Beschreiber und psychologische Skalpellführer McEwan keine 166 Seiten. In etlichen Rückblenden ersteht die verklemmte Erziehung mit kirchlicher Dominanz. Es musste zur sexuellen Katastrophe kommen, denn über Sex wurde nie geredet, geschweige irgendetwas praktiziert in den prüden 50-ern.
McEwan schrieb ein Loblied auf die sexuelle Befreiung der 60-er Jahre. Edward und Florence hatten das Pech zu früh (1940) geboren zu sein. In ein paar Jahren (nach 1962) hätte es anders ausgesehen (S. 18). Jetzt gab es noch nicht mal die Pille (S. 39).
McEwan zählt an einer Stelle für den Leser auf, was schief lief in der Jugend der beiden Hochzeiter: "And what stood in their way? Their personalities and apts, their ignorance and fear, timidity, squeamishness, lack of entitlement or experience or easymanners, then the tail end of a religious prohibition, their Englishness and class, and history itself" (S. 96). Also so ziemlich alles.
Das ist beiläufig ein Beispiel für das Autors Hammer: er teilt dem Leser zu oft mit, was dieser zu denken habe. 
Das Paar war aber nicht nur zu früh geboren sondern offensichtlich in den falschen Familien und am verkehrten Ort. Die Frage ist, ob Edward und Florence nach Pille und sexueller Befreiung von 1968 besser zueinander gefunden hätte. Immerhin liegt viel Versagen in ihrer Persönlichkeit, die ganz unabhängig von Pille und 1968 ist. In beider Geschichte baute der Autor außerdem Entlastungsgründe ein. Edward hat eine geistig verwirrte Mutter, sucht deshalb in Florence einen Mutterersatz. Florence hatte als 12-Jährige eine sonderbares Erlebnis, man kann es als Missbrauch durch den Vater lesen: Szene auf dem Boot (S. 99). Merkwürdig ist dabei allerdings, dass Ian McEwan, der sich ansonsten nicht scheut, deutlich zu werden, in jener Szene nur andeutet: "Her mind was a blank, she felt she was in disgrace" und ihr Vater zog sich aus.
Ganz so rückständig  wie uns der Autor glauben macht – waren auch die dumpfen Fünfziger nicht. Immerhin hörte Edward Blues und merkte, dass dabei ein reichhaltiges Sexleben besungen wurde. Die Popmusik war demgegenüber harmlos (S. 39). Richtig, sogar heute echt harmlose Texte wie in "Blue Suede Shoes" wurden in den Coversongs für den weißen Markt verflacht (Ian Carl Perkins "Blue Suede Shoes").
Der Stilist McEwan formt den Text meisterlich, doch mir ist die Beziehungs- und Sexkerbe mit den ach so unvorstellbar prüden Jahren vor 1968 zu einseitig. Keine Empfehlung
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On Chesil Beach: McEwanIan McEwanMcEwanColm Tóibín, London Review of BooksMcEwanWikipedia
McEwanChesil Bank, Dorset, Südengland
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Literatur
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McEwan McEwanIan McEwan: Am Strand. Zürich: Diogenes, 2008. Broschiert, 208 Seiten. Bernhard Robben, Übs. McEwan
Ian McEwan: Am Strand. Zürich: Diogenes, 2007. Gebunden, 207 Seiten. Bernhard Robben, Übs. McEwan
McEwan McEwanIan McEwan: On Chesil Beach. London: Vintage, 2007. Broschiert, 166 Seiten McEwan
Ian McEwan: On Chesil Beach. Stuttgart: Reclam, 2008 Broschiert: 220 Seiten McEwan
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