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Rankin
Ian Rankin: The Naming of the Dead
London: Orion, 2006. 420 Seiten – Rankin LinksRankin LiteraturRankin Zitate
Erhalte ich einen vorgeblichen Vanillepudding und er entpuppt sich als Kartoffelbrei, bin ich unzufrieden (obwohl ich Kartoffelbrei mag; für Norddeutsche: Kartoffelbrei = Kartoffelpüree). Ganz so krass ist es bei The Naming of the Dead nicht. Es ist ein Krimi, wie es der Name des Autors, der Titel und der Untertitel auf der Vorderseite "Unmatched in the field of British crime fiction" verheissen. Doch Rankin – der zuletzt schon non-crime-fiction ablieferte, siehe z.B. Rankin Rebus' Scotland – will mehr als einen Krimi vorsetzen und deshalb muss man sich durch einige kriminalistischen Lücken lesen.
Rankins Idee ist grandios: er verbindet den G8-Gipfel von Gleneagles in Schottland 2005 (siehe Rankin Anmerkungen) mit den Terroranschläge am 7. Juli 2005 in London (siehe Rankin Anmerkungen) und einigen Morden in und um Edinburgh. Mordserien in Krimis sind ein alter Hut, doch Rankin gibt den Morden hier (damit im Trend liegend) einen zeitgemässen Hintergrund. Einerseits spielen politische Motive mit (Korruption? globaler Waffenhandel?), andrerseits der Ehrgeiz von fanatischen Selbstjustiz Ausübenden, die über die Website BeastWatch kommunizieren und es scheinbar auf entlassene Sexualstraftäter abgesehen haben. Das Thema: Die Strafe des Rechtsstaat reicht nicht aus kocht derzeit (2/2007) auch in Deutschland: RAF-Gefangene sollen entlassen werden. Das bei uns immer noch virulente Volksempfinden spricht sich dagegen aus, Erfolg heischende Politiker geben dem eine Stimme. Weltweit diskutiert man über die Überwachung entlassener Sexualstraftäter. Da die Zustimmungsschwelle zur staatlichen Überwachung ständig sinkt, sehen viele keine Bedenken Ex-Verbrecher lebenslang zu fixieren.
Auf dieser politischen Folie läuft die Arbeit von John Rebus und dem weiblichen Sergeant Siobhan Clarke. Rebus ist vielseitig und zweispältig. Im Laufe der Nachforschungen wird er vom Vorgesetzten von seiner Arbeit entbunden. Ich kann es schon nicht mehr lesen, so schablonenhaft taucht das in modernen Krimis auf. Klar, Rebus macht trotzdem weiter.
Ein weiterer Handlungsstrang betrifft Siobhans Eltern, die bei den Demonstrationen gegen den G8-Gipfel mitmachen und in damit in die Polizeimaschinerie (und ins Krankenhaus) geraten.
Im Netz der Verwicklungen, das Rankin spinnt, mischen noch Politiker und Gangsterbosse (Kartelle?) mit.
Die Privatsphäre der Cops und Detektive einzubeziehen ist ein beliebter Kniff der Krimiautoren. Rankin überzieht das: über eine Seite zur Beschreibung eines Imbisses (S. 91-92) erträgt man einmalig, doch Rankin häuft derartige alltägliche Beobachtungen.
Reichlich Stoff, den Rankin mit teilweise guten Dialogen anreichert, beispielsweise Rebus mit Colin Anderson, MP (hier: Member of Parliament), S. 283-286.
Die oft knappen Dialoge setzen Mitarbeit (und Vorkenntnisse) beim Leser voraus. John Rebus ersetzt "what" gerne mit "hell", beispielsweise: "Hell do you want?" (S. 206) oder "Hell kind of name is that?" (S. 253).
Exit stage right (S. 117)
So oder ähnlich lässt Rankin seinen Protagonisten – Shakespeare-like – abtreten.
Gelegentlich sprüht Witz auf:
"A small whiskey perhaps?"
"Depends who's paying."
"Allow me."
"In which case," Rebus advised, "I might manage a large one." (S. 114)
Einige regionalen Ausdrücke (siehe RankinAnmerkungen) mußte ich nachlesen. Bezüge zur Popmusik und Literatur lockern immer wieder auf. Die Sticheleien Schottland gegen andere Briten würzen den Roman.
Der zeitgenössische Hintergrund – das ist für mich das Bemerkenswerte aber vielleicht auch die Klippe des Romans – ist für Rankin keine bloße Beigabe. Das zeigt sich an den beiden Motti, die er dem Roman voranstellt.
"We have the choice to try for a new world every day, to tell what we know of the truth every day, to take small actions every day." A. L. Kennedy über die Demonstration zum G8-Treffen
"Write us a chapter to be proud of." Bono (Sänger) forderte das vom G8-Treffen 
Ein Slogan der G8-Demonstranten: "Bush, Blair, CIA, how many kids did you kill today?" (S. 111) und das Verlesen der Toten im Irakkrieg führen gar zum Buchtitel. Öfters listen Rebaus und Clarke "ihre" Toten um einen Bezug herzustellen.
Die Verbindung realhistorischer Ereignisse mit der Fiktion (siehe auch Rankin Richard Powers: The Time of Our Singing) ist gut gelöst, allerdings insgesamt zu lang geraten. Rankin packt zuviele Nebengeschichten hinein. Als Krimi Durchschnitt, als Zeitroman gut.
Rankin Anfang
Anmerkungen
G8-Gipfel: Treffen der Vertreter der acht – aus ihrer Sicht – wichtigsten Staaten vom 6. - 8. Juli 2005 im Golfhotel Gleneagles in Schottland. An der mehrstündigen Demonstration der "Make Poverty History" beteiligten sich 200.000 Menschen und fast soviele Polizisten rankin.
Terror-Anschläge am 7. Juli 2005 in London
Eine Serie von Bombenanschlägen erschütterte am Donnerstag den 7. Juli 2005 London. Dabei kamen 56 Menschen ums Leben, 700 wurden verletzt. Die Anschläge haben einen islamistischen Hintergrund.
"Impress me!" (z.B. S. 39). Aufforderung zum Erzählen oder Übertreiben, also: "Sag's mir!" oder "Spuck's aus!"Ein US-Krimiautor ließ den Polizisten, nachdem der Fahrer des gestoppten Autos das Fenster heruntergekurbelt hatte, ähnlich fordern: "Start lying!"
"You can tell that to the marines" (S. ?) etwa: Das kannst du deiner Großmutter erzählen! Stammt von britischen Seeleuten um 1800, die "marines" als einfältig und leichtgläubig ansahen. Weiteres siehe Rankin Zitate.
"the square root of bugger all" (S. 210) etwa: weniger als nichts
"We're not in Kansas anymore" (S. 241) stammt aus L. Frank Baum: The Wonderful Wizard of Oz. Dorothy sagt zu ihrem Hund: "Toto, I’ve a feeling we’re not in Kansas anymore", wohlgemerkt ohne dem "got". Die genaue oder übertragene Bedeutung entzieht sich mir. Weiteres siehe Rankin Zitate.
"POETS day" (S. 333); gemeint ist der Freitag; POETS als Akronym für "Piss off early, tomorrow's Saturday". Weiteres siehe Rankin Zitate.
"Not exactly, Tonto" (S. 385), scheint etwa zu bedeuten: "Voll daneben, Dummkopf!"; wird  auf spanisch "tonto" für verrückt, dumm zurückgeführt (RankinEtymology). Es gibt auch zwei Wildwestromane des Klassikers Zane Grey: Under the Tonto Rim, 1926, und Stranger from the Tonto, posthum 1956. (Siehe Besprechung zu Rankin Zane Grey: Riders of the Purple Sage).
Links
Rankin Ian Rankin
Von den zahlreichen Websites zum G8-Gipfel 2005 nur dieser: RankinG8 in Gleneagles (Schottland)
Terroranschläge 2005 London: RankinWikipediaRankinZDF
The Naming of the Dead auf Platz #33 der New York Times Hardcover Fiction Bestseller
RankinJanet Maslin: "Scottish Cop Isn’t Fazed by Protests or Bagpipes", New York Times, 2.4.2007
RankinIan Rankin: "Ich weiß nicht, ob ich ohne Rebus überlebe", Die Welt, 24. November 2007
Rankin Die düstere Welt des John Rebus, Die Welt,  13. Januar 2007
RankinKrimi-Couch, 1/2008
Literatur
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rankin RankinIan Rankin: The Naming of the Dead. London: Orion, 2006. Broschiert: 420 Seiten rankin
Ian Rankin: The Naming of the Dead. London: Orion Gebunden, 432 Seiten Rankin
rankin Rankin Ian Rankin: Im Namen der Toten. Manhattan, 2007. Gebunden, 592 Seiten. Juliane Gräbener-Müller, Übs.
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 25.11.2007