| BBC,
Hg.: The BBC National Short Story Award 2009 London: Short Books, 2009. Introduction by Tom Sutcliffe. Taschenbuch, 119 Seiten – |
| Seit 2005 vergibt der BBC einen jährlichen
National Short Story Award. Seit 2009 werden die fünf Short Stories der
Endauswahl nicht nur in einem kleinen Buch zusammengefasst, sondern sie
sind auch, von Profis gelesen, auf BBC online verfügbar ( |
| Shortlist
2009 alphabetisch nach Autorin |
An dieser Shortliste ist zweierlei bemerkenswert:
|
Naomi
Alderman: Other People's Gods |
| Mr Reuben Bloom führte ein makelloses aber gewöhnliches Leben (verheiratet, zwei Kinder, Optiker, Bürger der jüdischen Gemeinde von Hendon) bis er die Porzellanstatue Ganesha kauft. |
| "Mr Bloom led a blameless life ..." spielt auf "Verschaff mir Recht, o Herr; denn ich habe ohne Schuld gelebt" (Psalm 26,1; "Vindicate me, o Lord, for I have led a blameless life") an. Damit wendet Alderman einen häufigen aber immer noch wirksamen Kustgriff der Kurzgeschichte an. Der Beginn wird am Ende wiederholt oder gespiegelt. |
| Irgendwie gewinnt er und seine Familie
Selbstvertrauen,
sein Leben ändert sich, er dankt es der Statue und kommt in Verruf:
Götzenverehrung. Die erste Aussprache mit dem Rabbi bringt nichts; bei
der zweiten zerstört der Rabbi die Statue: sie ist nur Menschenwerk. Da zahlt es Reuben Bloom den Rechtgläubigen heim: in der Nacht verwüstet er die Synagoge. Die Gemeindemitglieder stellen ihn zur Rede: "Warum hast du das gemacht?" "Ich? Das hat der Allmächtige getan!" "Gott war es nicht. Er kann nicht so eine Zerstörung anrichten." "Nun dann, warum verehrt ihr ihn?" |
|
![]() Ganesha-Statue – Public domain |
|
Bloom entlarvt die Verehrung Gottes als Götzendienst,
die Toleranz als scheinheilig und erinnert – eigentlich nur im
Titel der Kurzgeschichte
– jedem seinen "Gott" zu lassen. Auf einer tieferen Ebene befragt die Autorin die Allmacht Gottes (sie führt zu den bekannten Paradoxien), die heilsame Wirkung des Gottesglauben (ist sie eine psychosomatische Wirkung und kein transzendenter Eingriff?) und stellt den religiösen Relativismus zur Debatte. |
|
| Vergleiche
dazu auch die Stories von Isaac Bashevis
Singer, siehe |
|
Die Geschichte »Other
People's Gods« verdeutlich (nicht nur im Titel) den Spruch:
|
|
Kate
Clanchy: The Not-Dead and the Saved |
|
| Die Gewinner-Geschichte »The Not-Dead And The Saved«
ist extrem verstörend. Die Leser begleiten mit der Mutter ein Kind in
den allzu frühen Tod durch Krankheit. Das nahe Ende vor Augen verkraftet der zunächst namenlose Sohn sein Schicksal überlegen und bisweilen zu forsch. Doch er hadert auch mit seinem Zustand als Noch-nicht-Toter. Weitere medizinische Torturen, die nur lebensverlängernd wären, lehnt er ab. Entgegen vielen religiösen Standpunkten behält er sich sein Entscheidungsrecht über sein Leben vor. Erst am Ende der Geschichte erhalten Jonathan und die Mutter Julia ihren Namen. Auch wenn ich an meiner Favoritenreihenfolge festhalte, kann ich durchaus die Wahl der Jury verstehen. Eine extrem starke Kurzgeschichte! |
|
Sara
Maitland: Moss Witch |
|
| Ein Bryologe (Mooskundler) trifft auf eine Mooshexe.
Dass diese Begegnung nicht in Krampf ausartet ist der wunderbaren
Erzählkunst der Autorin Sara Waitland zu verdanken. Das moosige, zauberhafte Treffen findet an der Westküste Schottlands statt. Nur dort (und an der Westküste Irlands) konnten sich bis heute Mooshexen halten. Denn sie entziehen sich dem allgegenwärtigen Wettkampf in der Natur: sie ziehen sich lieber zurück – wie das Moos. Mithilfe der Evolutionsbiologin Dr Jennifer Rowntree ( Zwischen den Zeilen kann die Auseinandersetzung der wissbegierigen Forschung mit dem Zauber der Natur gelesen werden. Der Schluss der scheinbaren Heile-Welt-Geschichte ist dann einigermassen überraschend. Also: dranbleiben! In der Hörfassung kann man eh nicht abschalten, so sehr verzaubert Leserin Hannah Gordon die Zuhörer. Man kann »Moss Witch« auch als Paraphrase des bekannten Vierzeilers »Wünschelrute« (“Schläft ein Lied in allen Dingen”,
|
|
Jane
Rogers: Hitting Trees With Sticks |
|
Es geht um Hausschlüssel, den zu fällenden Baum und
einiges andere, bis mir dämmerte, dass ich eine raffiniert
gestrickte Alzheimer-Story lese. Jane Rogers führt uns elegant aufs
Glatteis.
|
|
Lionel
Shriver: Exchange Rates |
|
| »Exchange Rates« ist eine Vater-Sohn-Geschichte der
besonderen Art.
Der emeritierte US-Professor für Geschichte Harold Ivy (der aus dem Elfenbeinturm) ist für einen Vortrag in Oxford und trifft in einem Londoner Restaurant seinen 43-jährigen Sohn Elliot. Alles was den Vater interessiert ist der Wechselkurs zwischen Dollar und Pfund, zumindest spricht er nur darüber. Der Sohn fühlt sich einerseits für die Umtauschrate verantwortlich, andrerseits ist er stolz darauf, es in diesem Land auszuhalten. Er ist erfolgsmässig seinem akademischen Vater anscheinend weit unterlegen. Ein witziger Dialog entspinnt sich. Harold ist es unbegreiflich, wie man es hier aushält: "I don't know why the population of Britain doesn't pick up and move wholesale to the United States" (S. 93). Jeder US-Amerikaner denkt, er lebe im Gelobten Land. Einen Dreh erhält die Geschichte, als Elliot wenige Wochen später von seiner Mutter Bea aus Boston angerufen wird. In wenigen Absätzen merkt man, dass man eine Gesichte über ganz andere »Exchange Rates« gelesen hat. Bisher las man eine witzige Variante zur berühmten Geschichte von Richard Ford: »Reunion«. Nun fügt Lionel Shriver der Literatur zu Vater und Sohn eine höchst originelle und nachdenkliche (trotz allem Witz!) Kurzgeschichte hinzu. Grandios! In ihrem Kommentar “So much to say, so few words, such great skill” ( |
|
|
|
|
The winner of the BBC National Short Story Award 2009
has been announced.
|
|
| Meine
Favoritenreihung Wie subjektiv Literatureinschätzung ist, zeigt sich daran, dass Winner und Runner-up in meiner Favoritenreihung am Ende kommen. Das bedeutet aber wenig, da alle fünf Geschichten hochklassig sind. Es zeigt eher meine Abneigung gegen Magie. • Naomi Alderman: Other People's Gods • Lionel Shriver: Exchange Rates • Jane Rogers: Hitting Trees With Sticks • Kate Clanchy: The Not-Dead and the Saved • Sara Maitland: Moss Witch |
|
| Links | |
| BBC National
Short Story Award: |
|
| |
|
| |
|
| |
|
| |
| Die Autorinnen | |
| Naomi
Alderman: |
|
| Kate Clanchy: |
|
| Sara Maitland:
|
|
| Jane
Rogers: |
|
| Lionel
Shriver: |
|
|
|
|
| Bei Amazon nachschauen | |
![]() |
|