| Anthologie:
Classic
Ghost Stories
Hodder Adults Audiobooks, 2007. 2 Audio CDs – |
| Entgegen der Ankündigung gibt es keine sieben Stories,
sondern fünf:
• Charles Dickens: „The Signalman“ • Robert Benson: „The Watcher“ • Ambrose Bierce: „The Moonlit Road“ • Theo Gift: „Dog or Demon“ • Bram Stoker: „The Judge's House“ Es fehlen (zumindest auf meinen 2 CDs): • E. Nesbit: „The Mystery of the Semi-Detatched“ • Anonymer Autor: „Haunted“. |
| Das kleingedruckte "Abridgement by Edward Newman" hatte ich überlesen und war bei der ersten angehörten Story Bram Stoker: „The Judge's House“ zunächst entsetzt: da war absatzweise gestrichen. Der Schrecken legte sich: so krass ging es nicht weiter, bei den anderen Stories wurde behutsamer gekürzt, d.h. eigentlich fast nichts, so dass ich mich dann fragte: Warum überhaupt? |
| Alle fünf Stories sind gut, wobei mir diejenigen von den berühmten Autoren am besten gefielen. Und davon stechen wieder Charles Dickens: „The Signalman“ und Ambrose Bierce: „The Moonlit Road“ heraus. |
| Charles Dickens: „The Signalman“ |
| Ein einsam lebender Eisenbahnangestellter überwacht das
Signal an
einem Tunnel. Wie das funktioniert wird nicht so klar, dafür beschreibt
Dickens dessen Haus und Umgebung ausführlich. Der Signalmann hatte
merkwürdige Geisterscheinungen und missversteht den Erzähler zunächst
als weitere Erscheinung. Erst dann erzählt er ihm von seinen
Heimsuchungen und den darauf folgenden Begebenheiten. Die Geschichte lebt davon, dass Dickens viele Erklärungsmöglichkeiten offen läßt. Wurde der Signalmann in der Einsamkeit geistig krank oder anfällig für Halluzinationen? Die Kommunikation zwischen Erzähler und dem Signalmann sit vom ersten Satz an gestört. Es geht aber auch wesentlich um Signalstörungen im Bahnbetrieb. Insofern schlug hier Dickens (ohne die ungeheurer Bedeutung fast 150 Jahre später zu erahnen) ein ungemein aktuelles Thema an. Wenn die Signale gestört sind bricht alles zusammen. |
| "Halloa!
Below there!" setzt die Geschichte ein und signalisert gleich die Distanz zwischen den beiden Protagonisten. Nach einer längeren Beschreibung wiederholt der Erzähler: "Halloa! Below!" um als Drittes zu fragen, ob es zwischen ihnen einen gangbaren / nutzbaren Weg gibt: "Is there any path by which I can come down and speak to you?" Ziemlich am Ende ist es der Lokführer, der sich mit ähnlichen Worten bemerkbar machen will: "I said, 'Below there! Look out! Look out! For God's sake, clear the way!'" |
| Robert Benson: „The Watcher“ |
| (Robert Hugh Benson) UK (1871 - 1914): The Watcher (1903) Robert Hugh Benson was the youngest of the three Benson brothers and wrote several novels and a small number of books on the supernatural from the Catholic viewpoint. He rose to the position of Monsignor in the Catholic Archdiocese of Westminster before becoming the private chamberlain to Pope Pius X in 1911. His book The Light Invisible (1903) contains a fictional account in 15 separate stories of a priest's supernatural experiences. |
| Ambrose Bierce: „The Moonlit Road“ (1893; Cosmopolitan 1907) |
| Ein mysteriöser Mord wird aus drei Perspektiven beschrieben. Die erste Ich-Erzählerstimme ist Joel Hemtman, Jr., Sohn von Joel und Julia Hetman; die zweite gehört einem Caspar Grattan. Die dritte Erzählerposition ist nicht zuordenbar: es ist die getötete Mrs Hetman oder das Medium Bayrolles. Welcher man glaubt oder wie man das Mosaik zusammensetzt bleibt jedem Leser überlassen. Durch den Perspektivenwechsel ist die Geschichte lehrreich. Traue keinem Zeugen unbedingt, so seriös oder wahrhaft er scheinen mag! |
| Theo Gift: „Dog or Demon“ (1899) |
|
Theo Gift (1847-1923) (pseudonym of Dora Havers) Dora Havers war eine Freundin von Edith Nesbit und schrieb einige Ghoststories unter männlichem Pseudonym. Hier setzt ein Wirt seinen zahlungsunwillgen Gast vor die Tür und wird dafür verflucht. |
| Bram Stoker: „The Judge's House“ (1891? 1914) |
| Malcolm Malcolmson sucht einen Rückzugsplatz für
mathematische Studien. Er bekommt ein günstiges Mietangebot für ein
abgelegenes Haus. Soweit ein bekannter Topos der Ghoststory. Das Haus
ist verrufen, doch Malcolmson läßt sich nicht einschüchtern: „But, my dear Mrs. Witham, indeed you need not be concerned about me! A man who is reading for the Mathematical Tripos has too much to think of to be disturbed by any of these mysterious "somethings," and his work is of too exact and prosaic a kind to allow of his having any corner in his mind for mysteries of any kind. Harmonical Progressions, Permutations and Combinations, and Elliptic Functions have sufficient mysteries for me!“ Doch was Malcolmson dann erlebt ist auch für einen gestandenen Mathematiker ungewöhnlich. Die Ratten treiben ein seltsames Spiel mit ihm. Auf ihnen und dem ganzen Haus lastet das Erbe des gnadenlosen Richters, ähnlich wie in Shirley Jackson: The Haunting of Hill House. Diese Story gibt's als "Das Haus des Schreckens" auch in deutschen Athologien, z. B. Kurt Luif, Hg.: Das Haus des Schreckens. München: Heyne, 1972 |
| Wer
Geschichten mit Geistern, okkultem Hintergrund oder mit psychischen
Störungen auf hohem Niveau lesen will, wird hier fünfmal sehr
gut
bedient. Aber aufpassen: • unter Classic Ghost Stories gibt es viele verschiedene Hörbücher • wie oben erwähnt fehlen auf den CDs zwei der angekündigten Stories. |
| Kriterien für eine (gute) Ghost Story |
| Es kann ganz nützlich sein, die Ghost Stories anhand
der folgenden
Kritierien (mit denen man freilich nicht völlig übereinstimmen muss) zu
vergleichen.
• The ghostly protagonists must act with a deliberate
intent; • their actions––or the consequences of their actions––rather than those of the living must be the central theme; • each ghost, whether human or animal phantom or reanimated corpse, must unquestionably be dead; • there can be no rationalization of the ghost, no explanation of events by natural causes; • not all supernaturals stories involve ghosts, but every ghost story must be supernatural; • we must not become alienated from the fictional world by gross unlikelihood of incident or character, but drawn inexorably into it by an insidious sense of probability; • a good ghost story mus exhibit internal consistency and observe a certain decorum of manner and tone. Michael Cox (2002): "Introduction", S. ix-x. In: The Oxford Book of English Ghost Stories. Oxford: Oxford UP. S. ix-xvii. [1986] Diese Anforderungen sind diskutierbar, • insbesondere ist die "probability"-Forderung unklar. Wie die Konsistenzforderung dürfte sie wohl intern beschränkt sein. Jedenfalls folgert Cox, dass Ghost Stories durch ihr Beharren auf ein Sein nach dem Tode („however perverted and unfathomable“) ein Schlag gegen den Materialismus (als philosophische Position) sind (S. xiii). • Die vernunftgemäße Erklärung wird mit den Kriterien "verboten", ist aber oft die erste Reaktion des Lesers. |
| Links |
| Literatur |
| Boschi,
Alberta (2005): "A Linguistic Approach to The Signalman by Charles
Dickens". Diss. Università Tuscia, Viterbo. |
| Davidson, Cathy (1984): The Experimental Fictions of Ambrose Bierce: Structuring the Ineffable. University of Nebraska Press 1984. Gebunden, 166 Seiten. |
| Griffin,
Martin (2006): "The Moonlit Road". The Ambrose Bierce Project Journal
2:1. |
| Mengel, Ewald (1983): "The Structure and Meaning of Dickens's »The Signalman«". Studies in Short Fiction 20:4, S. 271-280. |
| Pope, Norris (2001): "Dickens's »The Signalman« and Information Problems in the Railway Age". Technology and Culture 42:3, S. 436-461. |
| Seed, David (1981): "Mystery in Everyday Things: Charles Dickens' »Signalman«". Criticism 23:1, S. 42-57. |
| Tytler, Graeme (1994): "Dickens's »The Signalman«". Explicator 53:1, S. 26-29. |
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