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Marga Munkelt, Hg.: Mexican-American Short Stories Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2006. Gebunden, 528 Seiten – |
| Mein erster bleibender Eindruck von San Antonio ist
eine
mexikanische Band, die auf einem zentralen Platz aufspielte. Im Laufe
meines ersten Urlaubs in Texas merkte ich, dass der Lone Star State
enorm viel von den mexikanischen Einwanderern profitiert: Musik, Essen,
Lebensart. Bunt und reichhaltig kommen auch die acht Short Stories in dieser Anthologie daher. Es sind durchwegs Geschichten von Mexican-Americans (US-Amerikaner mit spanischen oder mexikanisch-indianischen Wurzeln), über Mexican-Americans. Man gewinnt einen guten Überblick über die Denk- und Lebensweise der Einwanderer und der Mexican-American Short Stories (nehme ich an, ohne selbst den Überblick zu haben). |
| Inhalt |
| Rudolfo
Anaya:
The
Silence of the Llano José Antonio Burciaga: La Puerta Ana Castillo: Foreign Market Sandra Cisneros: One Holy Night Francisco Jiménez: The Circuit Mary Helen Ponce: Enero Rubén Sálaz-Márquez: White Mice Sabine Ulibarrí: My Wonder Horse |
| Rudolfo Anaya: The Silence of the Llano |
| Aus der
Einsamkeit der Halbwüste (nahe Angostura, NM, S. 8) wird durch die
Heirat Raffaels mit Rita fast eine Idylle, bis das Schicksal – der
Leser wird vorgewarnt: "something was not right" (S.
14) zuschlägt. Ob dann Raffael seiner Tochter die Schuld gibt,
wie die Herausgeberin meint (S. 152), muss man nicht so lesen. Raffael
fällt wieder in seine frühere Schweigsamkeit und Gefühlskälte zurück.
Durch ein weiteres herausragendes Ereignis wird er aufgeschreckt. ... Hervorragend schildert Anaya die Stimmung im menschenarmen Land und die Koexistenz von mythischem und christlichem Glauben. Ein Vergleich mit der Erzählung "Long Black Song" von Richard Wright ( |
| José Antonio Burciaga: La Puerta |
| Mit "White
Mice" ist dies die einzige heitere Geschichte in der Sammlung. Wie jene
aber auch mit ernsten Untertönen. Sinesio kommt von der Arbeit nach Hause und verärgert seine Frau – da er trotz Geldknappheit – ein Lotterielos gekauft hat. Sein Bruder Aurelio hat ihm aus den USA geschrieben. Sinesio entschließt sich nachzukommen. Da erhält das Lotterielos unerwartet entscheidende Bedeutung. |
| Ana Castillo: Foreign Market |
| Diese kürzeste Geschichte hat es in sich. Eine Dreißigjährige läßt sich mit einem acht Jahre jüngeren Mann ein. Sie scheint US-Amerikanerin zu sein, er ein Mexikaner. Er verkauft am Markt Obst und Gemüse. Sie verabreden sich für den Samstag. Doch er läßt sie auf gemeine Art abblitzen. Trotz der Kürze vielfältig lesbare Story. |
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Sandra Cisneros: One
Holy Night |
| Dazu siehe Woman
Hollering Creek and Other Stories unter |
| Francisco Jiménez: The Circuit |
| Die
(mexikanischen) Wanderarbeiter sind dem nomadischen Leben unterworfen.
Das trifft insbesondere die Kinder hart. Sie müssen nicht nur die Armut
ertragen, sondern auch ständigen Schulwechsel. Für die angenehmeren
Seiten des Lebens ist keine Zeit. So erhält der erzählende Junge am
Ende der Story Gelegenheit zum Trompetenunterricht: aber er muss
weiter. Wie nach dem Auftakt heißt es am Ende der Geschichte: "everything we owned was neatly packed in cardboard boxes" (S. 67, S. 76). Damit ist der Zirkel nicht nur im Titel der Geschichte sondern auch in der wörtlichen Wiederholung. Witzigerweise wiederholen sich sogar die Ziffern der Seiten, von denen gerade zitiert wurde. Vergleiche daher: "Das Ende der Kurzgeschichte als Echo des Anfangs", unter |
| Mary Helen Ponce: Enero |
| Wie in "The
Circuit" wird auch in "Enero"
(spanisch für Januar, der Beginn eines neuen Jahres) der trübselige
Zirkel des Lebens der Mexican-Americans behandelt. Die 38-jährige
Constanzia erwartet ihr zehntes Kind, während ihre 18-jährige Tochter
Apollonia an Tuberkulose dahinsiecht, das baldige Ende vor Augen. Während Constanzia ihre Hausarbeit verrichtet lässt sie ihr Leben an sich und dem Leser vorbeiziehen. Ein grosses Übel ist die fehlende Kenntnis über Geburtenkontrolle (S. 97) oder – tieferliegend – die ignorante Haltung der katholischen Kirche dazu. Das Getrenntschlafen funktioniert in den beengten Verhältnissen dann nicht mehr, wenn Besuch kommt. So entnimmt Constanzia der Truhe das Taufkleid Apollonias, die es nicht mehr vermissen wird. Im Januar wird neues Leben erwartet. Die Hoffnung stirbt nicht. Nicht nur der Kalender ist ein Symbol für die ständige Wiederkehr von Leben und Tod, auch der Walnussbaum im Garten zeigt es. Am Ende geht Constanzia aus dem dunklen Raum in die warme Küche. |
| Rubén Sálaz-Márquez: White Mice |
| Mit "La Puerta" die zweite witzige Geschichte. Die Lehrerin Mrs. Teubbes unterrichtet mexikanisch-amerikanische Kinder und hat die sehr fähig Mrs Archunde zur Seite. Mrs Teubbes kann kaum Spanisch und verrichtet halt ihren Job. Daraus ergeben sich einige Wortwitze. Am Ende kumuliert es zum Missverständnis von "white maiz" als "white mice". Nett gemacht und nicht ohne einige Seitenhiebe zum Verhältnis der Latinos in den US. |
| Sabine Ulibarrí: My Wonder Horse |
| "My Wonder Horse" ist eine der Geschichten, die – so meine ich – viel über die Mexikaner und allgemeiner die Lateinamerikaner aussagt. Sie erschien zuerst 1964 in Ecuador als "Mi caballo mago". Zwei Hauptdarsteller: ein freies, fast mythisches weißes Pferd und der Ich-Erzähler als etwa Fünfzehnjähriger. Der Junge fängt es. Er hat damit seine Mannesprobe bestanden. Sein Vater würdigt dies: "That was a man's job" (S. 135). Der Junge will das Pferd nicht im Stall einsperren: es läßt es auf die sorgsam eingezäunte Koppel. Am nächsten Tag stellt er fest: "The Wonder Horse has escaped" (S. 136). Er schwankt zwischen Trauer und Freude. Das spricht für ihn. Doch ich persönlich lehne schon das Einfangen ab. |
| Die Texte in
der amerikanischen Originalsprache, mit Übersetzungen schwieriger
englischer Wörter und der spanischen Ausdrücke am
Fuß jeder Seite. Das Büchlein ist hervorragend editiert und hat daher
auch einen sehr instruktivenAnhang mit • Textnachweis • Literaturhinweisen • Mexican-Americans und Chicanos: Geschichte und Literatur • Anmerkungen zu den einzelnen Geschichten (sehr hilfreich) |
| Dr. Marga
Munkelt arbeitet am Englischen Seminar der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster |
| Viele der acht Geschichten begeisterten mich erst beim darüber Nachdenken. Das ist meist ein gutes Zeichen für nachhaltige Wirkung, hohe Qualität und Ansporn zum Zweitlesen. Jede Geschichte für sich ist lesenswert. Dass man noch dazu viel über die Lebensart der Mexican-Americans erfährt ist ein willkommener Mehrwert. |
| Links |
| Ana Castillo: |
| Sandra
Cisneros: |
| Francisco Jiménez, transcript of an interview in Santa Clara, California on May 25, 2002 (pdf) |
| Vergleichsliteratur | |
| Literatur |
| Albert D. Trevino (1976): "Multi-Ethnic Literature in America: Mexican-American Short Fiction for the High School Program". The English Journal 65:5, S. 81-84 |
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