| Edith
Wharton: Ghost Stories of Edith Wharton London: Wordsworth, 2009. Einleitung: David Stuart Davies. 292 Seiten – |
| Aus vagen Schatten (im übertragenen Sinne) Furcht und Spannung aufzubauen, zeichne eine gute Ghost Story aus, schreibt in der sehr klugen Einleitung David Stuart Davies. Genau das kann Edith Wharton. Zudem handeln ihre Ghost Stories hauptsächlich von der menschlichen Natur und wie die menschliche Psyche mit den Geistererscheinungen zurecht kommt, weniger von den Gespenstern selbst. Damit erfüllen sie eine weitere Forderung aus der Einleitung (S. vii). |
| Alle fünfzehn hier versammelten Ghost Stories der
großen amerikanischen Autorin (Pulitzerpreis
1921) ergreifen den Leser am Nerv für Transzendenz. Die – meiner Ansicht nach – beste Story ist „A Bottle of Perrier“. Sie spielt – man würde es in diesem Umfeld kaum erwarten – in der Wüste. Eigentlich ein Ort der Weite und Freiheit, doch Wharton gelingt es eine klaustrophobische Stimmung zu erzeugen. Medford besucht den Archäologen Almodham, den er vor einem Jahr kuz kennengelernt hatte und dabei dieses Treffen vereinbart hatte, in der Wüste. Doch Almodham ist zu einer Ausgrabungsstätte verreist und wird immer am nächsten Tag zurück erwartet. Dafür bedient ihn der Diener Gosling; im Hintergrund agieren arabische Bedienstete. Gosling kredenzt dem Gast – wieder würde man es nicht erwarten – in der Wüsteneinsiedelei eine Flasche Perrier Wasser. Ein Kammerspiel eigener Art entwickelt sich. Das Thema der allmählichen Abgesondertheit tritt wieder in „All Souls“ auf. Dazu fiel mir (neben dem zu unrecht hochgelobten Roman Die Wand von Marlen Haushofer) die ausgezeichnete Kurzgeschichte „The Summer People“ von Shirley Jackson ein. Im ausgezeichneten „All Souls“ passiert Merkwürdiges am Vorabend vor Allerseelen, „the night when the dead can walk“ (S. 269). Hier rutscht der Autorin eine winzige Ungenauigkeit in die Feder. Der Ich-Erzähler drängt Sara Clayburn: „For heaven's sake, tell me what's happened.“ (S. 266) und gleich darauf: „I should have preferred to have her put off till the next morning whatever she had to tell me“ (S. 267). Wohlwollend kann man diese Diskrepanz noch retten (der Ich-Erzähler wahrt die Form, obwohl er insgeheim an dem Bericht nicht interessiert ist, oder so ähnlich). Neben „All Souls“ gehören auch „Afterward“, „Miss Mary Pask“ und „Bewitched“ zu den exzellenten Stories, die „A Bottle of Perrier“ kaum nachstehen. Sehr gut sind auch „The Lady's Maid Bell“, „Kerfol“, The Duchess of Prayer“ und „Mr Jones“. Zwei sagten mir inhaltlich nicht so zu („The Eyes“, „A Journey“). Sie tragen zwar eine gewisse Spannung, aber am Ende fragte ich: Na, und? |
| Zitat aus der Einleitung: „Creating an effective ghost story requires consummate skill, ingenuity, an exploration and an understanding of human nature and the working of man's psyche and motivations as well as the most subtle manipulation of language to conjure fear and suspense out of vague shadows“. David Stuart Davies: „Introduction“, S. vii. |
| Da
die Autorin in ihrem Weltbild nichts für Gespenster oder Geister übrig
hat, ist es trotzdem verständlich und nicht ungewöhnlich, wenn auch mir
– mit einer ähnlichen Einstellung – ihre Ghost Stories ausgezeichnet gefielen. Wer angespannt wird, wenn zu Beginn einer Geschichte jemand ein verlassenes englisches Haus (irgendwann ist dort etwas vorgefallen) billig kauft („you can get it for a song“, S. 40) und wer sich darauf einläßt, dass er am Ende keine „Auflösung“ geliefert bekommt (manchmal ist nur schwer eine konstruierbar) kann sich auf fünfzehn fabelhafte Ghost Stories freuen. Vielleicht oder sogar sicher, werden andere Leser andere Einstufungen der Stories abgeben. Keiner aber wird enttäuscht werden. |
| Links |
| Literatur |
| Blackall, Jean Frantz (1987): "Edith Wharton's Art of Ellipsis". Journal of Narrative Technique 17:2, S. 145-162. |
| Garlepp Burns, Karen (1999): "The Paradox of Objectivity in the Realist Fiction of Edith Wharton and Kate Chopin". Journal of Narrative Technique 29:1, S. 27-61 |
| Inness, Sherrie A. (1993): "An Economy of Beauty: The Beauty System in Edith Wharton's »The Looking Glass« and »Permanent Wave«". Studies in Short Fiction 30:2, S. 135-144. |
| Jacobsen, Karen J. (2008): "Economic hauntings: wealth and class in Edith Wharton's ghost stories". College Literature 35:1. S. 100-127 |
| McDowell, Margaret B. (1970): "Edith Wharton's Ghost Stories". Criticism 12:2, S. 133-152. |
| Young,
Judy Hale (1966): "The Repudiation of Sisterhood
in Edith Wharton's »Pomegranate Seed«. Studies in Short Fiction
33:1,
S. 1-11 –
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| Zilversmit, Annette (1987): "Edith Wharton's Last Ghosts [With Bibliographic Index]". College Literature 14:3, S. 296-309. |
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| 11 Ghost
Stories enthält: Edith Wharton: Ghost Stories of Edith Wharton. London: Virago, 2006. Broschiert, 284 Seiten |
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