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Eisenberg
Deborah Eisenberg: „What It Was Like, Seeing Chris”
The New Yorker, July 1985, 61:23 [Wie es mit Chris war, dt. Nikolaus Hansen] – Deborah LinksDeborah Literatur
Das Mädchen Laurel kämpft mit ihrer Sicht. Damit ist das Augenlicht gemeint: sie muss regelmäßig in die Stadt (New York) zum Augenarzt, gemeint ist aber auch und sogar dominierend ihre Sicht auf das Leben.
Dabei hilft ihr die bezüglich Männer erfahrenere Freundin Maureen mit guten Ratschlägen.
Nach ihren Arztbesuchen nimmt Laurel eine Taxi zu ihrer jüngeren Schwester Penelope, die eine Tanzschule besucht. Doch sie vertreibt sich die Wartezeit mit dem Besuch der Kneipe Jake's. Dort sieht sie Chris und verknallt sich in den 27-jährigen. Chris hat viele Bekannte und lebt auf lockerem Fuss. Laurel glaubt zu erkennen, dass sie bisher immer einsam gewesen war (S. 61)
Für die viel jüngere Laurel mit ihren regelmäßigen Besuchen interessiert sich Chris nur so nebenbei. Doch eines Tages drängt sich Laurel direkt auf und Chris nimmt sie mit zu sich. Doch das Date wird zum Desaster, vermutlich, weil Chris eine emotionale Null oder schwul ist. Als Maureen – als echte Freundin – kurz darauf Kevin und Dougie mitbringt, passiert es, wie von Maureen offensichtlich geplant. Laurel wirft sie – wie zum Ausgleich – mit Laurel aufs Lager. Kurz darauf beruhigt sie der Augenarzt: blind wird sie keinesfalls.
Laurel hat freilich nicht nur ihr sexuelles Erwachen, sondern sie beginnt auch über das Leben nachzudenken, sie es über die Vergänglichkeit (Schildkröte) oder über die schier unbegrenzten Möglichkeiten. Sie denkt übers Universum nach: „every moment is all the things that have happened before and all the things that are going to happen, and every moment is just the way all those things look on their way along a line” (S. 72). Vermutlich ohne es zu wissen kommt Laurel damit zu einer deterministischen Weltsicht die dem mechanistischen Weltbild bis ins 20. Jhdt. unterlag. Das Verhalten des Universums ist demnach in der Zukunft eindeutig durch die Anfangsbedingungen in der Vergangenheit oder Gegenwart festgelegt. Allerdings erweist sich Laurels Weltbild gleich darauf als mythisch durchwoben, wenn sie von Prinzessinnen an roten Seen träumt.
Laurel als Ich-Erzählerin ist ein ganz durchschnittlicher Teenager. Umso erstaunlicher ist, welch mitreissende Geschichte Eisenberg daraus macht.
Sie hält die Spannung nicht mit bombastischen Ereignissen oder schrägen Charakteren, sondern durch kleine Tricks aufrecht. Sie führt manchmal auf falsche Spuren. Erst im zweiten Absatz merkte ich, dass es um eine Schülerin geht. Doch nur der Leser unterstellt zunächst etwas, das später sich als falsch herausstellt: im Text wird es nicht explizit gesagt.
Die Auslassung ist ein weiteres Mittel, dass ein guter Story-Erzähler drauf haben muss. Deborah Eisenberg beherrscht sie. Unklar bleibt beispielsweise warum die Begegnung mit Chris scheitert. Vielleicht ist er schwul und nimmt Laurel nur der Schau halber mit.
Laurels Alter wird nie genannt. Maureen schlief mit dem Sophomore Kevin (S. 55), der dann wohl 16 Jahre alt war. Wie dazu die Mädchen stehen bleibt offen. Vielleicht sind sie aber ein jahr jünger. Sie begannen im September die High School (S. 55), doch ist nicht ganz sicher, ob das generell oder nur nach den Ferien gemeint ist.
Laurel hält sich nicht für hübsch, zumindest nicht so wie ihre Schwester Penelope. Das darf nicht überlesen. Penelope ist für die Tanzschule geeignet, Laurel wird zwar auch gefragt, aber sie hält es nur für eine Höflichkeitsfrage: „There is Penelope, and there is me” (S. 55). Späer wird die Ich-Erzählerin direkter: „We are both pale and long, but Penelope is beautiful, as everyone has always pointed out, and I, I saw, just looked unsettled.”
Beim Nachdenken über die Story fällt auf, wieviele Personen eingeführt und kurz durch ihre Handlungen oder Dialoge charakterisiert werden!
Anfang der 60-er Jahre erlebte ich US-Teenager beim Arbeiten (teils mit ihnen) im Shopping Center der US Army in Garmisch-Partenkirchen. Wer sich für ihre Sozialisierung und überhaupt für die Jugendlichen interessiert, wird diese Story mit viel Sympathie und Erkenntnisgewinn lesen. Hervorragend erzählt.
Links
Deborah Eisenberg: EisenbergThe Days of YoreEisenbergRea Award
EisenbergBesprechung: “What It Was Like, Seeing Chris”, December 2, 2010 by heathermctague
EisenbergDon’t Have a Nice Day, By JeanThompson, Sunday Book Review, April 16, 2010
EisenbergAn Unflinching Examination Of The Human Heart, by Maud Newton, NPR, April 20, 2010
Eisenberg David Remnick, Susan Choi, Hg.: Wonderful Town: New York Stories from The New Yorker
RemnickThe New Yorker
Remnick Ausgewählte Links zur Kurzgeschichte – Short Story
Remnick Kurzgeschichtenanthologien, Kurzgeschichtensammlungen und Besprechungen dazu 
Literatur
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Eisenberg EisenbergDeborah Eisenberg: The Collected Stories of Deborah Eisenberg. Macmillan, 2010. Taschenbuch, 980 Seiten
– Enthält die vier Kurzgeschichtenbände Transactions in a Foreign Currency; Under the 82nd Airborne; All Around Atlantis; Twilight of the Superheroes.

Eisenberg EisenbergDeborah Eisenberg: Wie es mit Chris war. Reinbek: Rowohlt, 1996. Nikolaus Hansen, Übs. Taschenbuch, 528 Seiten Eisenberg
Deborah Eisenberg: Reisen mit leichtem Gepäck. Reinbek: Rowohlt, 2000. [Transactions in a foreign currency] Nikolaus Hansen, Übs. Taschenbuch, 528 Seiten Eisenberg
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