Hisham
Matar: In the Country of Men
[deutsch: Im Land der
Männer]. London:
Penguin, 2007. Taschenbuch, 256 Seiten
– Links
– Literatur
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Aus der Sicht des
neunjährigen Suleiman wird der Leser in eine Familie in
Libyen (siehe Links)
unter dem Tyrannen
Gaddafi
(siehe Links)
eingeführt und
hinein gezogen. Der Erzähler ist Sohn des Untergrundakteurs
Faraj und dessen politisch unbeteiligten Frau Najwa. Mit beiden
verbinden sich zahlreiche Geheimnisse. Der Vater ist oft unterwegs,
angeblich auf Geschäftsreisen, doch gleich zu Beginn sieht ihn
Suleiman in der Stadt (Tripolis). Die Mutter verfällt, wenn
der Mann nicht zuhause ist, einer "Medizinsucht", vielleicht Schnaps;
man erfährt es nicht. Suleiman entwickelt eine besondere
Bezeihung zu ihr. Sie erzählt ihm, wie sie als
Vierzehnjährige von den Männern ihrer Familie zur Ehe
gezwungen wurde. Sie hat sich unterworfen. Gelegentlich tadelt sie nun
Scheherazade
aus Tausendundeine
Nacht (siehe
Links), die –
nur um
ihr Leben zu retten – dem König willig ist.
Die
Familie wohnt in der Mulberry Street, zusammen mit
- Ustath
Rashid, der
vom libyischen Geheimdienst verhaftet und hingerichtet wird
- Ustath
Jafer, Mitglied des Geheimdienstes Mokhabarat,
eine "Antenne" (wohl
für Informant), "able to put people behind the sun" (S.
32). Mokhabarat scheint die allgemeine Bezeichnung
für den Geheimdienst in den arabischen Ländern zu sein
- die
Familie Masoud, anscheinend eine Art Blockwart
- einigen
Kindern, darunter der zwölfjährige Kareem, Sohn von
Ustath Rashid
Nach der Verhaftung von Ustath
Rashid verleugnet Suleiman seinen bisherigen Freund Kareem und
kämpft mit diesem Verrat, den er klar als solchen erkennt.
Eine weitere merkwürdige Beziehung pflegt Suleiman zum Bettler
Bahloul und dem Spitzel Sharief Mustafa.
Bevor auch der Vater
verhaftet wird, verbrennt die Familie vorsorglich alle Bücher
(S. 92-93, siehe Links),
nur Suleiman rettet eines: Democracy Now! Faraj
wird
abgeholt und bricht unter der Folter zusammen. Während Rashid
"durchhält" und dafür hingerichtet wird, übt
Faraj Verrat und überlebt schwer beschädigt (an
Körper und Geist). In totalitären Staaten gibt es nur
eines: mitmachen, schweigen oder – soweit möglich
– Exil. Held
sein kann man anderswo, meint Najwa (S. 53). Deshalb wird Suleiman nach
den schrecklichen Tagen der Folter zu Freunden nach Ägypten
geschickt und wächst dort unbehelligt auf.
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Hauptthema
sind die
Beziehungen in Zeiten
des Totalitarismus und
des Überwachungsstaats. Das Geschehen bleibt auf die Mulberry
Street beschränkt. Nur die TV-Übertragung der
Hinrichtung Rashids führt in das Basketballstadium. Matar
beschreibt dieses Horrorspektakel
ausführlich und gruselig (S. 179-188). Es erinnert an die
Hinrichtung in Nathaniel
Hawthorne: The
Scarlet Letter (siehe
Links). Die
Unterdrückung geht in In the
Country
of Men hauptsächlich von Männern aus. Die
Zwangsverheiratung Najwas empfindet sie als lebenslängliches
Gefängnis (S. 169). Erst nachdem ihr Mann gebrochen aus der
Folter zurückkehrt wenden sich ihre Gefühle
für ihn. Lohnend wäre es den Spuren des Islams im
Roman nachzugehen. Gott
ist in der
englischen Ausgabe der gottgleiche "Guide" Gaddafi. Er ist
überall durch seine Schergen und durch Bilder
präsent. Sogar das Fernsehen wird unmittelba von ihm
kontrolliert. |
| Hisham
Matars Roman wird vor allem auch wegen seiner Sprache gelobt. Da kann
ich nicht zustimmen. Er wählte die Erzählstimme des
neunjährigen Suleiman. Damit kann er von einem naiven,
unbeeinflussten Punkt aus schreiben, was dem Roman zugute kommt.
Andrerseits ist die kindliche Stimme zu einfach. Was der Roman
sprachlich vermissen lässt gewinnt er an Atmosphäre:
sie wird beklemmender, je weiter man liest. |
| Insgesamt
ein sehr lesenswerter Roman. Eindringlich
(autobiografische Bezüge!) warnt In the
Country
of Men vor zuviel Macht, Personenkult, Geheimdiensten und der
Totalüberwachung. Bezogen auf die Gegenwart, die im
politischen Tauwetter gegenüber Gaddafi steht, erinnert es
daran: der Terror und die unvergleichliche Unterdrückung darf
nicht vergessen werden. |