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Mwangi
Meja Mwangi: Nairobi, River Road
[Going Down River Road] Wuppertal: Hammer, 1982. Carola Bönhnk, Übs. Broschiert, 309 Seiten
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Ein Kenner bestätigte nach der Lektüre von Gioconda Belli: Bewohnte Frau (Meja Vergleichsliteratur) meinen Verdacht: die Elendsviertel werden dort nur unzulänglich geschildert. Das wird er an Nairobi, River Road nicht bemängeln können: nichts für zarte Gemüter.
Ben zerrt uns in eine Slumbehausung in Nairobi, genauer in die Grogan Road. Er gibt nur immer River Road an, weil sie relativ besser ist. Keiner von uns würde es dort aushalten.
Dabei hat es der Bauarbeiter Ben noch gut: er hat Freundin Wini mit Bürojob; sie brachte Baby, einen Sechsjährigen mit, von dem sich später herausstellt: Ben ist nicht der Vater.
Der Hauptschauplatz ist aber nicht die schmutzige, unhygienische, lärmende Baracke oder Strasse sondern es sind das im Bau befindliche Development-Hochhaus und die zahlreichen Kantinen und Kneipen. Am Bau sind schreckliche Zustände, die oft an den Catch-22 (Meja Vergleichsliteratur) erinnern. Die Beschäftigten drücken sich wo es geht: denn ist das Hochhaus fertig, ist der Job weg. Da beruhigt es einerseits, als eines Tages die gegenüberliegenden Kantinen abgerissen werden, da dort ein Hotel entstehen soll; andrerseits haben die Arbeiter mittags keinen Fressplatz mehr und die ehemaligen Kantinenbetreiber fordern die Schulden ein. Die Schilderung der Strassenüberquerung zur Mittagszeit ist eine der vielen haarsträubenden Szenen, zugleich grotesk witzig. Eine andere: jeden Mittag gibt es eine Arbeiterversammlung, in der Machore Solidarität entfachen will. Doch in der chaotischen Veranstaltung gibt es nur eine Regel: keiner glaubt daran (S. 81).
Insgesamt haben die Leute um Ben keine Perspektive; sie könnten aus einem tief gesunkenen Tortilla Flat (Meja Vergleichsliteratur) kommen. Trotz Alkoholismus, Drogen, unglaublichen Schmutz, Hass auf Kollegen (oft haben Inder feinere Jobs) erleben wir kleine Freuden (wenn er  Kumpel die grundsätzlich immer "letzte" Zigarette teilt) und Freundschaften.
Die rauen Sitten fordern eine raue Sprache und Mwangi gibt sie uns. Von kleinen Übersetzungsschnitzern abgesehen ist die Übersetzerin Carola Bönkh auf der Höhe des Autors, oder besser: auf dessen Tiefe. Ein typischer Dialog am Bau:
"Hast du den Sohn des indischen Stück Scheiße gesehen?"
"Nein"
"Ich bringe die Sau noch um ..." (S. 123). Gleich darauf droht der bekiffte Vorarbeiter Yussuf Wanjiru rauszuwerfen, wenn er noch einmal (am Bau!) eine der "Nagel-Frauen" ohne seine Zustimmung (!) vergewaltigt (S. 123). Andere verhasste Bauarbeiter kann Yussuf aber nicht feuern, da einer davon einen Bruder in einem hohen Amt hat. Da wird dann schon mal ersatzweise ein tödlicher Unfall arrangiert.
Köstlich schildert Mwangi den monatlichen Zahltag (S. 229-231). Er glich dem wöchentlichen Zahltag (im Jargon: "Marie Empfängnis) beim Schülerjob auf dem Bau. Nach Beruhigung aller Gläubiger war die Freitag-Nachtvorstellung im Kino oft schon wieder nur auf Pump möglich.
Großartig (OK, ist der Lage der Betroffenen nicht angemessen) sind die Razzien in den Slums. Aufgrund von Epidemien werden die Behausungen abgerissen; außer man kann mit Bestechung den Abriß hinauszögern. Sobald die Abrißleute weg sind beginnt der Wiederaufbau.
Alle Personen sind kantig und gut vorstellbar. Baby, der sechsjährige Junge bei Ben, erschien mir etwas konturlos und ohne Eigenleben.
Einziges Manko des Romans: es findet keine Entwicklung statt. Zwei Ausnahmen:
• Bens Freundin Wini haut mit ihrem Vorgesetzten ab und lässt Ben mit Baby allein; Bens Wutanfall (in dem er einen hohen Scheck als Abschiedsgeschenk vernichtet) war im ersten Moment schwer verständlich, doch Mwangi gelingt es ihn glaubwürdig zu machen. Wini packte ihr Chance am Schopf.
• Ben wird zum Vorarbeiter befördert, was wenig bedeutet und eher droht Freundschaftsbande zu zerreißen.
In etlichen Konstellationen wird man nicht nur an Tortilla Flat erinnert, sondern allgemein an John Steinbeck, der oft die Symbiose zwischen aufeinander Angewiesene thematisiert; ganz typisch in Of Mice and Men.
Die Songtexte auf S. 176-79 konnte ich nicht verifizieren.
"Give me some of that funky thing" (S. 178) könnte Prince sein. Er singt in "Space (Funky Stuff)" aber: "Till you give me some of that funky stuff".
In der Jukebox wird "Jungle Fever" gewählt (S. 179). Das ist wohl The Chakachas: "Jungle Fever" (1972; MwangiThe Chakachas), denn Stevie Wonder: "Jungle Fever" ist von 1991 (MwangiJungle Fever)
Wer die Arbeiterliteratur der USA kennt und schätzt, findet in Nairobi, River Road ein afrikanisches Gegenstück, aber um etwas härter (Selby Jr. ausgenommen; Meja Vergleichsliteratur), wüster, trostloser, aber urigerweise auch witzig. Ein Grossstadtroman: besser: eine Bestandsaufnahme vom Rande einer Megacity.
Umwerfend, wenn mir auch jeglicher Hoffnungsansatz fehlte. Aber so ist es halt.
Meja Mwangi, * 1948 Nanyuki, Kenia, ist einer der bekanntesten zeitgenössischen Autoren Kenias. Deutscher Jugendbuchpreis 1992 für Kariuki.
Vergleichsliteratur
Meja Gioconda Belli: Bewohnte Frau
Meja Joseph Heller: Catch-22
Meja Chester Himes: If He Hollers Let Him Go 
Hubert Selby. Jr.: Letzte Ausfahrt Brooklyn  [Last Exit to Brooklyn]
John Steinbeck: Tortilla FlatMeja John Steinbeck
Links
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Meja Afrika in der Literatur
MwangiNairobi, River Road
MwangiNairobi
Literatur
Bodil Folke Frederiksen (1993): "Living in the Neighbourhood of One's Dreams: The Role of Popular Wrinting in the Creation of the Ordinary". In: Raoul Granqvist, Hg.: Culture in Africa: An Appeal for Pluralism. Uppsala: Nordic Africa Institute
Bodil Folke Frederiksen (1995): "Ethnicity, Gender and Popular Culture in Kenya". In: Fiona Wilson, Bodil Folke Frederiksen, Hg.: Ethnicity, Gender and the Subversion of Nationalism. Routledge. S. 52-62
Nici Nelson (1996): "Representations of Men and Women, City and Town in Kenyan Novels of the 1970s and 1980s". African Languages and Cultures, 9:2, S. 145-168
Tom Odhiambo (2007): "Sexual Anxieties and Rampant Masculinities in Postcolonial Kenyan Literature". Social Identities 13:5, S. 651-663
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Mwangi MwangiMeja Mwangi: Nairobi, River Road. Zürich: Union, 1997. Taschenbuch, 347 Seiten. UT, Nr.93 Mwangi
Meja Mwangi: Going Down River Road. Heinemann, 1976. Taschenbuch, 215 Seiten Mwangi
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