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Achebe
Chinua Achebe: No Longer at Ease
London: Penguin Classics, 2010. Taschenbuch, 144 Seiten [Heimkehr in fremdes Land] – Chinua LinksChinua Literatur
Obi Okonkwo, ein begabter Bube aus dem Dorf Umuofia, Nigeria, um 1950, wird auserwählt für ein gemeinschaftlich finanziertes Studium im Mutterland England. Er erfüllt nicht ganz die Erwartung: statt Jura wendet er sich dem Literaturstudium zu; er freundet sich mit der Nigerianerin Clara an. Als Obi nach Nigeria zurückkehrt hat er sich verändert, aber auch sein Heimatland (S. 10). Die Korruption blieb. Das stellt er gleich bei der Einreise fest: „dear old Nigeria“ (S. 25). Auch ohne Jura kommt er als Studierter für einen gut dotierten Beamtenposten in Lagos in Frage. Bei der Einstellungskommission stellt man ihm die Fangfrage: „Why do you want a job in the Civil Service? So you can take bribes?“ (S. 32). Obwohl er das fast zu rüde von sich weist, bekommt er den Job. Trotzdem muss er spartanisch leben:
  • der Dorfkredit fürs Studium muss bedient werden
  • seine Familie auf dem Lande muss unterstützt werden
  • das standesgemäß zur Verfügung gestellte Auto muss erhalten werden.
Zunächst bewahrt Obi sein hohes Ethos: kein Schmiergeld, kein Zahlungsaufschub gegen Zugeständnisse, kein Geld von seiner Freundin Clara.
Doch einige Unglücke erschüttern seine Position:
  • ihm wird Geld aus dem Auto geklaut
  • Clara ist schwanger; für eine Abtreibung muss er viel bezahlen
  • beim Besuch in seinem Heimatdorf soll er den Krösus spielen
  • beim Tod seiner Mutter soll er kräftig zahlen (da streikt er zum ersten Mal und fährt erst gar nicht zum Begräbnis)
  • Das Finanzamt fordert die Steuern.
Als er der Korruption erliegt, wird er hereingelegt. Niemand kann verstehen, wie ein so wohl erzogener Mann ...
No Longer at Ease erschien 1960 in englisch. Neben dem "bribe" spielt das "tribe" eine wichtige Rolle. Clara gehört der Kaste der Osu an. Die Igbo-Nation in Nigeria (ihr gehört Achebe an), sehen die Osu aus religösen Gründen als "subhumane" Ausgestossene an. Obi darf Clara nicht heiraten, seine Mutter droht sogar sich das Leben zu nehmen.
Ein Teil Nigerias ist christlich. Obis Vater ist ein christlicher Katechist. Das ändert nichts daran, dass Mitmenschen unmenschlich behandelt werden. Obi spielt dies in seinem Disput mit dem Vater über sein Verhältnis mit Clara geschickt aus, erreicht aber wenig.
Achebe schildert unaufdringlich:
  • die Nigerianer behalten trotz Missionierung alte Glaubensgrundsätze bei
  • das Christsein hindert sie nicht daran, andere Menschen als minderwertig zu behandeln.
Das Geschehen wird im Rückblick erzählt. Das brachte mir nicht soviel, da ich aufgrund der spannenden "Vorhandlung", das Eingangskapitel nicht mehr präsent hatte. Nach dem Wiederlesen wurde mir klar: die Vorwegnahme des Prozesses gegen Obi nimmt dem Leser alle Illusionen für die weitere Lektüre: Obi ist zum Scheitern verurteilt. Da Obi den modernen Nigerianer verkörpert, wirft dieser Ausgang ein düsteres Bild auf Nigerias Zukunft.
Achebe erkennt damit sehr weitsichtig die Situation Nigerias (152 Mio. Einwohner, das bevölkerungsreichste Land Afrikas). Das Werk erschien 1960, das Jahr als Nigeria mit einer föderalen Verfassung die Unabhängigkeit zurückerhielt.
Korruption
Ein Hauptthema des Romans ist die Korruption. Obi Okonkwo widersteht ihr zunächst. Im Beamtenapparat sind nahezu alle korrupt. Obi beschreibt einen typischen hohen Beamten: „He has worked steadily to the top through bribery–an ordeal by bribery. To him bribe is natural. He gave it and he expects it.“ (S. 16)
Mr. Mark will eine Vorladung zur Stipendiumvergabe. Dafür will er Obi bestechen. Doch Obi widersteht, sogar als dessen Schwester Miss Elsie Mark kommt und noch verlockendere Angebote macht. Obi bleibt sauber trotz der Warnung: „A man to whom you do a favor will not understand if you say nothing, make no noise, just walk away. You may cause more trouble by refusing a bribe than by accepting it.“ (S. 70)
Zusammenprall Afrika & Europa, Tradition & Fortschritt
Christentum und indigene Religionen prallen aufeinander und sind in der Bevölkerung  vermischt.
Die in England Ausgebildeten sind eine neue Mittelschicht, die aber noch guten Kontakt zum Ursprungsdorf hat. So ringen Tradition und Fortschritt um die Zukunft der Menschen in Nigeria. Obi und Clara scheitern an beiden: rigoroses Kastendenken / moderne Abtreibung. Man kann auch hineinlesen, dass Obi den Tod seiner Mutter beschleunigt. Er verletzt sie ungewollt mit einer rostigen Rasierklinge; sie droht mit ihrem Tod, wenn er die "Aussätzige" Clara heiratet. Obis Vater formuliert es so drastisch: „Osu is like leprosy in the minds of our people, I beg of you, my son, not to bring the mark of shame and of leprosy into our family.“ (S. 106). 
Vorurteile
Sehr oft tappen Romanfiguren in die Afrika-Falle:
  • „The African is corrupt through and through“ (S. 2).
  • „I am told that all African names mean something.“ Obi kontert: „Well, I don't know about African names – Ibo names, yes“ (S. 21).
  • Der Brite William Green liebt Afrika: das Afrika der schwarzen Dienstboten (S. 84).
William Green vergleicht der Autor einerseits mit Sankt Georg und andrerseits mit Mr. Kurtz aus Joseph Conrad: Heart of Darkness.
• Sankt Georg will dem Drachen in der Finsternis Licht bringen und den Schwarzen die absonderlichen Riten ausreden. Doch Afrika spielt ihm übel mit: keine Menschenopfer im Busch.
• Da seine Vorurteile nicht bestätigt wurden wird Green zynisch wie Kurtz, der vor seinem Tod schrieb: „Exterminate all the brutes“. Daran erinnert sich Obi (S. 84-85), der englische Literatur eingesogen hat.
Englische Literatur
Englische Literatur, aber auch Musik und Sprichwörter, streut Achebe oft ein. In der Literatur sind es vornehmlich englische Autoren:
T. S. Eliot: Motto, das den Romantitel hergab – Obi vergleicht Clara (I don't want „to meet people that I don't want to meet“, S. 15) mit T. S. Eliot. Dazu wird als Bezug "The Love Song of J. Alfred Prufrock" angegeben. Den Zusammenhang kann ich nicht erkennen; eher zu "The Cocktail Party" (1949): „We must also remember / That at every meeting we are meeting a stranger.“
• „Water, water, every where,
     Nor any drop to drink.“
Samuel Taylor Coleridge: "The Rime of the Ancient Mariner" (S. 21)
Amos Tutuola, nigerianischer Autor (S. 31)
Graham Greene: The Heart of the Matter [Das Herz der Dinge] (S. 31-32)
W. H. Auden (S. 32)
Evelyn Waugh: A Handful of Dust (S. 32)
Charles Dickens (S. 32)
A. E. Housman: Collected Poems (S. 82, S. 120)
Joseph Conrad: Heart of Darkness [Herz der Finsternis] (S. 84-85)
Bibelzitate und Gebete
• „Das Volk, das im Dunkel lebte, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen.“ (Mt 4,16; S. 7) Obis Entsendung nach England wird als Erfüllung dieser Prophezeiung gesehen.
• „Anfang der Weisheit ist die Gottesfurcht“ (Sprüche 9,10; S. 8) Reverend Samuel Ikedi klärt Obi auf, dass er früher „days of darkness“ hätte in den Krieg ziehen müssen. Heute senden sie ihn zum Wissenserwerb nach England. Doch zuerst kommt die Gottesfurcht.
• „They that go down to the sea in ships“ / „Sie, die mit Schiffen das Meer befuhren“ (Psalm 107,23 ; S. 18)
• „wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit", Auszug aus dem "Gloria Patri" ("Ehre [sei] dem Vater"), S. 42
• Gleichnis der zehn Jungfrauen (Mt 25,1-13; S. 50)
• Der Psalmist sagte: „it was good for brethen to meet together in harmony“, (Psalm 133,1; S. 64)
• „Joel the son of Pethuel“, (Das Buch Joël; S. 76)
• „the day of the Lord“, der Tag des Herrn wird an vielen Stellen in der Bibel genannt.
• „there is no bond or free“, Es gibt [...] nicht Sklaven und Freie“, (Gal 3,28; S. 106) kontert Obi seinem Vater, dem Katechisten.
• Der Vater entgegnet, dass sich Menschenverachtung und Bibel nicht ausschließen. Er nennt dazu „Naaman, der Feldherr des Königs von Aram, galt viel bei seinem Herrn und war angesehen“ und trotzdem war er „an Aussatz erkrankt.“ (2 Könige 5,1; S. 106-107)
• „those who live by the sword must perish by the sword.“ „denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.“ (Mt 26,52; S. 110)
• König David verweigert das Essen: „David suchte Gott wegen des Knaben auf und fastete streng“ (2 Sam 12,16; S. 131)
• „The peace that passeth all understanding.“ „der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt.“ (Phil 4,7; S. 131)
Die Konfrontationen der Schichten in Nigeria (reiche Oberschicht; gut situierte Beamte in Nigeria; arme Dorfbevölkerung, die verzweifelt versucht ihre Kandidaten durchzubringen; Kastensystem; kontrastierende religöse Gemeinschaften) treiben die Entwicklung Obis voran. Vor diesem Hintergrund zerbricht zuerst seine Liebe mit Clara, dann er selbst.
Grosse Igbo– Achebe und Weltliteratur
Links
AchebeChinua Achebe
AchebeNo Longer at Ease (Wikipedia)
AchebeQuiz zu No Longer at Ease
AchebeHeimkehr in ein Fremdes Land (Bildungsserver)
AchebeBrauel: Chinua Achebe 1960 Heimkehr in ein fremdes Land
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AchebeStefan Füllemann: Gestern gleich Heute? Chinua Achebe über die afrikanische Gefühlswelt,  literaturkritik.de 8, August 2003
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Eldred Jones: Show Me First Your Penny
Nkem Nwanko: My Mercedes Is Bigger than Yours
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Literatur
Babalola, C. A. (1986): “A Reconsideration of Achebe’s No Longer at Ease”. Phylon 47:2, S. 139-147.
Breitinger, Eckhard (2012): “Chinua Achebe - Gründervater der afrikanischen Literatur”. Stimmen der Zeit 1, S. 45-57.
Brown, Lloyd W. (1972): “Cultural Norms and Modes of Perception in Achebe’s Fiction”. Research in African Literatures 3:1, S. 21-35.
Losambe, L. (1986): “Expatriate Characters in the Early African Novel”. Phylon 47:2, S. 148-158.
Okafor, Clement A. (1981): “A Sense of History in the Novels of Chinua Achebe”. Journal of African Studies 8:2, S. 50-63.
Okeke-Ezigbo, Emeka (1985): “The Impossibility of Becoming a Gentleman in Nigeria: A Neglected Theme of Chinua Achebe’s »No Longer at Ease«”. Journal of African Studies 12:2, S. 93-97.
Owusu, Kofi (1991): “The Politics of Interpretation: The Novels of Chinua Achebe”. Modern Fiction Studies 37:3, S. 459-470.
Ponnuthurai, Charles Sarvan (1974): “The Pessimism of Chinua Achebe”. Critique 15:3, S. 95-109.
Rogers, Philip (1983): “»No Longer at Ease«: Chinua Achebe’s »Heart of Whiteness«”. Research in African Literatures 14:2, S. 165-183.
Shelton, Austin J. (1964): “The Offended Chi in Achebe’s Novels”. Transition 13, S. 36-37.
Turkington, K. (1971): “”This no be them country” - Chinua Achebe’s Novels”. English Studies in Africa 14:2, S. 205-214.
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Achebe AchebeChinua Achebe: No Longer at Ease. London: Penguin Classics, 2010. Taschenbuch, 144 Seiten achebe
Chinua Achebe: No Longer at Ease. Anchor, 1994. Taschenbuch, 208 Seiten Achebe
Achebe AchebeChinua Achebe: Heimkehr in fremdes Land. SZ-Bibliothek Metropolen Band 14. Susanne Koehler, Übs. München: Süddeutsche Zeitung, 2010. Gebunden, 190 Seiten achebe
Chinua Achebe: The African Trilogy: "Things Fall Apart", "No Longer at Ease", "Arrow of God". Everyman Library. Random, 2010. Gebunden, 513 Seiten Achebe

Booker AchebeM. Keith Booker, Hg.: The Chinua Achebe Encyclopedia. Heinemann, 2003. Gebunden, 344 Seiten Igbo
Hephaestus Books, Hg.: Igbo Writers, Including: Chinua Achebe, Chimamanda Ngozi Adichie, Olaudah Equiano, Cyprian Ekwensi, Ifi Amadiume, Ike Oguine, Uzodinma Iweala. Hephaestus, 2011. Taschenbuch, 74 Seiten Achebe
Osman AchebeKhan Touseef Osman: Chinua Achebe's Cultural Syntax: A Study of THE AFRICAN TRILOGY. VDM, 2010. Taschenbuch, 116 Seiten  Parker
Michael Parker, Roger Starkey, Hg.:
Post Colonial Literatures: Achebe, Ngugi, Walcott and Desai. Palgrave Macmillan, 1995. Taschenbuch, 304 SeitenAchebe
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 16.4.2012