| Herman
Charles
Bosman: Mafeking Road und andere Erzählungen Frankfurt am Main: Edition Büchergilde, 2010. Gebunden, 320 Seiten. Michael Kleeberg, Übs. |
| „Denn es ist ja nicht die Geschichte, die zählt.
Wichtig ist die Art und Weise, wie man sie erzählt. Das Entscheidende ist ganz genau zu wissen, in welchem Moment man seine Pfeife an seinem Veldskoen ausklopfen muß und an welchem Punkt der Geschichte man anfangen muß, über das Schulkomitee von Drogevlei zu reden. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist zu wissen, welchen Teil der Geschichte man ausläßt.“ (S. 64) |
| Oom Schalk Lourens, ein einfacher Mann aus Transvaal, erzählt uns einige Geschichten und trägt in der Titelgeschichte "Mafeking Road" die oben zitierte Erzähltheorie vor. Die Leser können froh sein: in all diesen Geschichten zählt das Erzählte sehr wohl. Durch Bosmans Erzählkunst kommen alle grossartig an. |
| In Transvaal, einer Provinz im nördlichen Südafrika,
(noch genauer: die Steppenregion Groot Marico, nordwestlich von
Johannesburg, nahe dem heutigen Botsuana) lebt ein archaisches
Völkchen. Zurecht wird der begrenzte Erzählraum mit William
Faulkners Yoknapatawpha County und Gottfried
Keller: »Leute von Seldwyla« verglichen. Man könnte noch
die Schildbürger, im fiktiven Schilda und John
Steinbeck: »Tortilla Flat« und »Cannery Row« anfügen,
obwohl es in Transvaal brutaler und tragischer zugehen kann als im
fernen Kalifornien. Das harte Leben sorgt für genügend Erzählstoff, dazu kommen die Konflikte mit den »Kaffern«, den unterdrückten Schwarzen. Meist verneinen die Besprechungen der Sammlung jeglichen Rassismus, weil sowohl Weiß als auch Schwarz gut und böse sein können. Doch da beißt die Maus keinen Faden ab: die Kaffern und Hottentotten werden durchweg ausgebeutet, verachtet und auf niedriger Stufe befunden: Rassismus pur. Dass es auch unter »Kaffern« menschlich zugeht, reißt die Sache nicht heraus. Doch europäisches Kopfschütteln oder gar Verurteilen aus dem 21. Jahrhundert heraus ist verfehlt. Man erkennt es an anderen Szenen, mit denen wir aus unserer Geschichte, sogar der zeitgenössischen, vertraut sind. Die Buren ziehen in den Krieg, um den Kaffern „etwas Respekt vor den Gesetzen des weißen Mannes beizubringen“. Der dafür zu alte Vater ruft seinen Söhnen nach: »Vergeßt nicht, in der Bibel zu lesen, meine Söhne. [...] Bittet den Herrn, euch zu helfen, und wenn ihr schießt, zielt immer auf den Bauch.«. Diese Bemerkungen waren – so erzählt Lourens weiter – „typisch für die tiefreligiöse Natur meines Vaters“ (S. 84). Nun, alle Parallelen zum christlichen Europa erkannt? Es geht weiter mit Anklängen zum deutschen Massaker an den Herero in Südwestafrika, heute Namibia. Da die Buren die Höhlen, in die sich die Kaffer zurückgezogen hatten „nicht ohne schwere Verluste stürmen konnten, gab er Kommandant den Befehl, den Kamm zu umstellen und die Kaffern auszuhungern.“ (S. 85) Romantik und Mythos liegen in diesen Geschichten oft dicht beieinander. Die Augen des Mädchens funkeln und gleich zeigt sie ganz ernsthaft, wo sie vom Teufel geküßt worden ist (S. 146). |
| Alle Geschichten strahlen vor Lebensmut und Alltagswitz, auch wenn uns die Leute hoffnungslos rückständig vorkommen. Über Lehrer, die den Kindern weismachen, dass sich die Erde um die Sonne dreht, kann sich Lourens nur wundern, dass sie noch im Amt sind (S. 26). |
| Amüsant und nachdenklich, immer bodenständig erzählt Bosman von einer lange vergangenen Zeit. Wir können uns freuen, dass die Geschichten neu übersetzt wurden und uns wieder zum Lesen präsentiert wurden. |
| Vergleichsliteratur |
| Neben der oben genannten Vergleichsliteratur sind zu
erwägen: Sherwood Anderson: Winesburg, Ohio |
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