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Galgut
Damon Galgut: The Impostor
London: Atlantic, 2008. Gebunden, 320 Seiten, dt: Der Betrüger, Thomas Mohr, Übs.
Damon LinksDamon Literatur

Adam Napier, südafrikanische Mittelschicht, verliert seinen Job in Johannesburg an einen von ihm angelernten Schwarzen. Sein Haus hat er zu spät zum Verkauf angeboten. Jetzt steht er mit wenigen Tausenden Rands auf der Strasse. Bekannte hat er kaum, da kommt es gerade recht, dass sein Bruder Gavin (Immobilien, Kapstadt) ihm ein verlassenes und verkommenes Haus in der Halbwüste Karoo als Aussteigemöglichkeit anbietet. Gavin hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich, doch scheint er sich den wechselnden Verhältnissen besser angepasst zu haben, als es Adam vermochte. Er verweist stolz darauf, dass ein Direktor seiner Firma ein Schwarzer ist. Sein Name Gugulethu prangt im Briefkopf, wird jedoch dafür bezahlt um zu Hause zu bleiben (S. 19).
Adam hofft Abstand zu gewinnen. Er will wieder Gedichte schreiben. Er fühlt sich als Gewinner aus der Situation: hat er doch das kapitalistische Gewinnstreben mit Natur und Poetik vertauscht. Gavin hatte ihn jedoch darauf hingeiesen, dass man mit Gedichte keine Miete bezahlen kann (S. 21). Das Gedichteschreiben gelingt ihm anfangs überhaupt nicht. Auch die Rodung und Wiederinstandsetzung des Hauses fällt ihm als Grossstädter schwer. Da trifft er Kenneth Canning, der sich als ehemaliger Schulfreund zu erkennen gibt. Canning hat vom ungeliebten Vater ein Siedlungsprojekt geerbt. Es liegt abgeschieden vom Wüstenkaff, in dem Adam wohnt, und ist bewacht. Canning hat es zu seinem Paradies, das er nach dem einstigen Grosskontinent auf der Südhalbkugel Gondwana benannt hat, ausgebaut. Er lädt Adam ein und dieser fährt nun regelmäßig am Wochenende in die Siedlungsenklave. Da Adam eh nichts arbeitet bleibt unklar, warum er nur am Wochenende hinausfährt. Kenneth hat eine jüngere, hübsche, schwarze Frau, genannt „Baby”. Baby suggeriert eine Verfügbarkeit für Männer: „everybody's baby” ist nahezu sprichwörtlich. Man weiß es sofort: Adam verfällt ihr. Mit Adam merkt der Leser, dass Canning in grosse Geschäfte verwickelt ist. Dahinter steht der geheimnisumwitterte Nicolai Genov.
Dann erfährt Adam, dass Canning das Areal in ein Golfplatzprojekt umwandeln will. Die abgeschiedene Kleinstadt erhielt zuerst eine durchgehende Strasse und dann dieses Grossprojekt.
Adam merkt – der Leser weiß es längst – dass Baby ihn nur ausnutzt und auch Canning tut das. Er gab ihm einen Überbringungsauftrag. Später stellt sich heraus: es war Schmiergeld. Adam wurde somit zum Mittäter. Doch Adam will nicht weiter mitspielen. Da plant der Genov-Trust ihn ausschalten. Canning teilt ihm mit, dass dies noch am selben Abend passieren soll. Adam flieht zurück in die Grossstadt. Dort erreicht ihn noch der Arm des Gesetzes. Bei seiner ersten Fahrt in die Halbwüste bekam Adam einen Strafzettel (mit dem Angebot, den Polizisten zu schmieren, was Adam ablehnte). Nachdem Adam wieder Arbeit gefunden hat, zahlt er die aufgelaufene Strafe. Das Leben läuft ähnlich wie zuvor. Er hat die wacklige Konstruktion aus Halbwahrheiten hinter sich, er hat gelernt die Realität zu akzeptieren (S. 241).
Szenerie hinter Milchglas
Damon Galgut führt in eine abgeschiedene Wüstenansiedlung mit merkwürdigen Gemeindevorschriften, auf deren Einhaltung der Bürgermeister drängt. Davon ist Gondwana nochmals abgeriegelt. Über allem liegt ein merkwürdiger Schleier. Diesen Eindruck verstärkt der Autor: er verzichtet weitgehend auf Natur- oder Landschaftsbeschreibungen. Dafür verstärkt er das geheimnisvolle Netz: Charmaine spürt im Haus in der Ödnis gleich zu Beginn Ausstrahlungen („presences”, S. 7 u.a.). Neben Adam haust Blom, ein merkwürdiger Nachbar. Zeitweilig schließt er mit ihm Bekannschaft, Blom bezeichnet sich auch als Gedichteschmied, meint damit aber Skulpturen. Eine davon schenkt er Adam. Gelegentlich wird angedeutet, dass mit Blom noch Furchtbares passiert. Er lebt unter falschem Namen und soll ebenfalls liquidiert werden.
In dieser halbsurrealen Szenerie kann alles mögliche passieren. Dass ein Löwe im Basin gehalten wird, erstaunt nur noch flüchtig. Die Pfauen auf Gondwana verstärken den Eindruck als Blendwerk.
Allwissender Erzähler, der zuviel erklärt
Der Erzähler im Roman nimmt hauptsächlich Adams Position ein, das geht bis zu wörtlichen Selbstgesprächen. Dabei erläutert der Allwissende das Geschehen oft und unnötig. Nur drei Beispiele:
  • Während Adam schon mit der Frau seines Schulfreunds regelmäßig ins Bett steigt, beteuert Kenneth, dass er sie schrecklich („badly”) liebt. Darüber der Erzähler: „Afterwards, when Adam remembers this conversation, it is that one word, »badly«, which stands out for him. How can you love somebody badly?” (S. 65)
  • Adam bemerkt, dass ein Auge Babys deutlich größer ist als das andere. Der Erzähler erklärt: „this tiny imbalance seems to reflect a deeper imbalance in her character, which both draws and disturbs him.” (S. 69)
  • Blom und Adam sind Nachbarn sprechen aber zunächst nicht miteinander. Anläßlich ihres ersten Gesprächs über den Gartenzaun formuliert der superschlaue Erzähler: Warum haben sie nicht gleich miteinander geredet? (S. 84-85) Dann räsonniert der Erzähler einen Absatz lang über den Namen des Nachbars „Blom” (S. 85).
Unerfüllte Andeutungen
Zahlreiche Andeutungen und Ankündigungen heizen die Stimmung auf. Einige habe ich schon erwähnt (Ausstrahlungen), es sind auch noch viele weiter. Eine markante ist diese.
  • Adam ist bei Kenneth und Baby auf deren Terrasse. Sie weist Adam auf Geräusche hin, die ihr einen kalten Schauer hinunterlaufen lassen. Er hört das Klicken und Rascheln. Baby erklärt ihm, es sind Vögel auf dem Dach. Der Erzähler lädt es weiter auf : „She is staring at him – but really through him – with an expression of horror” (S. 69).
  • Baby deutet an, dass sie Kenneth gerne tot sehen würde (S. 159). Man ahnt ein aus Literatur und Film bekanntes Drama. Adam denkt es durch, kann sich aber doch nicht dazu entschließen, Babys Vision zu realisieren. Eva hat Adam versucht, aber Adam blieb dieses Mal vernünftig.
  • Adams Nachbar Blom trägt ebenfalls zur Aufladung bei. Er erhält eines Tages merkwürdigen Besuch und Blom offenbart sich: man will ihm ans Leder. Doch hier, wie auch später bei Adam, fehlt es am (tödlichen) Abschluss.
  • Grosse Party bei Nicolai Genov. Adam fragt sich nach Ken Canning durch, doch keiner kennt ihn. War alles nur Blendwerk? Doch Galgut versäumt auch diese Gelegenheit oder andersherum: er erfüllt die Andeutung nicht.
Impostor (Imposter, Blender, Betrüger)
So ziemlich alle handelnden Personen sind Träumer, Betrüger und Lügner.
  • Adams Ausstieg und Neuanfang mit Gedichten ist von all diesem etwas. Er belügt sich selbst, dass er in der Abgeschiedenheit endlich Ruhe hat zum Gedichte schreiben. 
  • Er belügt zudem andere ständig und ohne Not. 
  • Bei seinen Besuchen in Gondwana fühlt er sich als der Eindringling und Blender (S. 114). Am stärksten und umfassend fühlt sich Adam als Eindringling in der Badeszene im Fluss. Er wird von einem Schwarzen beobachtet: „The face belongs here. Adam is the intruder, alien and unwanted; the single element in the scene that doesn't fit” (S. 80).
  • Einzig des schwarze Dienerehepaar Ezekiel und Grace bei den Cannings spielt eine rein tragische Rolle. Grace ertappt Baby und Adam nackt im Bett, wird deshalb von Baby des wiederholten Diebstahls bezichtigt und das Paar wird hinausgeworfen.
  • Adam hat anscheinend nie Bekanntschaften geschlossen. Er kennt nur seinen Bruder Gavin, dessen Frau Charmaine (S. 43) und eine Ex-Verlobte.
Südafrika im Umbruch
The Impostor zeigt ein Südafrika im Umbruch ("Before" 1- 49; "Gondwana"51-233; "After" 235-249) aus der Position des überlegenen weißen Eindringlings, der seine Überlegenheit einbüßt.
  • Adam verliert seinen Job an einen Schwarzen.
  • Nur in abgeschotteten Zonen wie Gondwana können die Weißen die alte Ordnung (schwarzes Dienerpaar wird fristlos entlassen) aufrecht erhalten.
  • Lindile, Sohn von Ezekiel und Grace holt das bei Adam gestrandete Paar ab. Adam hat noch falsche Vorstellungen: nach Auto und Kleidung zu urteilen stuft er Lindile mit sich gleich ein, aber der Erzähler weiß es besser: „Lindile is on his way up, Adam on his way down” (S. 223).
  • Typischerweise schätzen die Verlierer dieser Umkehrung den Prozess als negativ ein: „Das Land geht vor die Hunde”, meint Gavin (S. 239).
  • Es scheint aber, dass Bestechung, Beziehungsbevorzugung und andere typsiche Anzeichen einer autoritären Struktur beibehalten werden: nur die Hautfarben tauschten die Rollen.
  • Der Rollentausch läßt sich auch om Ort festmachen: Adam verkriecht sich ins Hinterland, während in Kapstadt und Johannesburg die Schwarzen die Geschäfte machen.
Die merkwürdige Nachbarschaft, die Stadt und die Enklave Gondwana, die sonderbaren scheinbar entfernten Personen üben eine Sogwirkung aus. Die Thematik des weißen Kolonisators mit vertauschten Machtrollen ist eindringlich.
Der erklärende Erzähler setzt dem freilich einen Dämpfer auf. Manches wirkt klischeehaft (die schwarze Profiteurin aus ärmlichen Verhältnissen, der der Schulfreund ziemlich schnell verfällt). Zahlreiche spannungserhöhende Andeutungen entpuppen sich als rein handwerkliches Beiwerk.
Der Roman bleibt lohnende Lektüre trotz der (wenigen) Einwände.
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Rezensionen
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Literatur
Arseneault, Jesse (2010): „Races Among Men: Masculinity and Interracial Community in South African Cultural texts”. Thesis McMaster University, Hamilton, Ontario. GalgutOnline verfügbar
Kostelac, Sofia (2010): „’Imposter, Lover and Guardian’: Damon Galgut and Autorship in ‘Post-Transition’ South Africa”. English Studies in Africa 53:1, S. 53-61.
Trengove-Jones, Tim (2008): „Gay Times: Reading Literature in English in South Africa”. English Studies in Africa 51:1, S. 94-108.
Yeatman, Heather (2010): The SInet 2010 eBook (Proceedings of The SInet 2009 Conference). Wollongong, Australia: SInet University of Wollongong.  GalgutOnline verfügbar
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