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J. M. Coetzee: Disgrace
London: Secker & Warburg, 1999. 219 Seiten – coetzee Linkscoetzee Literatur
Ein verstörrendes, vielschichtiges Buch, in dem einiges passiert, das ich mir erst noch zurechterklären muß.
David Lurie, Professor für Kommunikationswissenschaft in Kapstadt (er gibt, welch Hohn, Seminare für Communication Skills), ist mit 52 Jahren zweimal geschieden. Er besucht regelmäßig einmal in der Woche die Hure Soraya, mit der er auch privat verkehren will. Sie wehrt ihn ab. Dafür bandelt er mit Melanie, eine seiner Studentinnen an. Auch sie will eigentlich nichts von ihm; trotzdem haben sie ein paar gemeinsame Stunden. Eines Tages wird Lurie bei seiner Uni-Leitung angeschwärzt. Es wurde mir nie klar: war's Melanie, ihr Vater, ihr Freund oder alle drei. Die Beschwerde wurde zwar von Melanie eingereicht, doch ob wirklich sie die treibende Kraft war, bezweifle ich. Lurie gesteht alles zu und überrascht damit das eingesetzte Untersuchungskomitee. Ja, es ist geschockt. Die heimliche Freude auf die sorgfältige Ausbreitung des sexuellen Verhaltens, die Entlarvung eines Sexungeheuers, entgeht ihnen. David entwaffnet sie mit einem schlichten "I have no defence". Er wird entlassen und zieht zu seiner Tochter Lucy, die eine Farm in einer von Schwarzen beherrschten Gegend im Osten unterhält. Die Apartheid ist dort umgedreht worden. Das Farmland ist karg und kaum für Geißen genug. Lucy lebt vom Gemüse- und Blumenverkauf auf dem wöchtenlichen, lokalen Markt. Und nun passieren Dinge, die teilweise die Ereignisse in Kapstadt widerspiegeln: David gebrauchte Melanie, Lucy wird von drei Chaoten, die das Farmhaus überfallen, mißbraucht. Wieder fällt David in Schande: er kann nichts zu Lucys Rettung unternehmen, weder während des Überfalls noch danach. Auch Lucy unternimmt nichts zu ihrer Verteidigung, im Gegenteil ... Man lese und staune. Als David sich immer mehr in sein Literaturprojekt Lord Byron in Italien vertieft, kommt eine weitere Spiegelung in Byrons Verhältnissen, besonders mit Teresa. Obwohl ich vor langer Zeit mich mal näher mit Byrons Leben und Werk beschäftigt hatte, durchschaute ich diese Ebene nicht.
Über der Romanhandlung kreist der Geier des sozialen Abstiegs. Coetzee zeigt, wie es möglich ist binnen weniger Monate aus einem gutsituierten Universitätsprofessor in Arbeitslosigkeit abzusteigen. Mehr als einmal sinniert David darüber nach, wie es wohl sein wird, wenn er aus den Abfällen anderer sein Dasein fristen muß. Andrerseits weitet sich, je mehr seine Welt aus den Fugen gerät, sein Literaturprojekt zum Musical oder gar Oper aus. Sind nicht Musical und Oper höchst westliche, hochgezüchtete Kunstformen?
Halt, da hätte ich beinahe eine wichtige weitere Reflektionsebene vergessen: nahe Lucys Farm haust eine Tierklinik oder besser Tierverwertungsanstalt. Ist das menschliche Leben ähnlich oder gleich dem tierischen? Ist Lucy das Tier oder David? Was macht das menschliche Leben anders? David entwickelt eine Zuneigung zu einem Hund, der seine letzten Tage dahinsiecht. Er kann ihn nicht retten.
Recht diskussionswürdig sind auch Ettinger, der letzte verbliebene Weiße in Lucys Umgebung und Petrus, ein merkwürdiger schwarzer Nachbar, der noch Lucy hilft (alte Ordnung), aber andrerseits schon danach giert, ihr Land (und nicht nur das) zu übernehmen.
Coetzee schreibt berichtsmäßig knapp, keine Ausschmückungen oder Schilderungen der Landschaft. Manchmal artet das in längere kontemplative Abschnitte aus. Dann beschleunigt Coetzee urplötzlich, er holt die Keule heraus und treibt den Leser vor sich her.
Die Lektüre ließ mich ratlos zurück. Über Lucy muß ich noch nachdenken. Verstörend ist, daß Lucy genau das praktiziert, was man selbst z. B. in Nordirland oder im Israel – Palestina – Konflikt verlangt: einer muß das Ende der Gewaltspirale setzen. Doch zwischen der Forderung an entfernte Kriegsparteien und der Akzeptanz im eigenen (hier stellvertretend: Lucy) Leben ist wohl eine Kluft.
J. M. Coetzee (* 1940 in Kapstadt) ist selbst Professor für Literatur an der Universität von Kapstadt. Disgrace und ist sein achter Roman und gewann ihm den zweiten Booker Prize.
Booker Prize 1999
Commonwealth Writers Prize 2000, Best Book
Links
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