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Coetzee
J.M. Coetzee: Slow Man
[Zeitlupe; Reinhild Böhnke, Übs.]. London: Vintage, 2006. Broschiert: 265 Seiten – Coetzee LinksCoetzee Literatur
Paul Rayment, ein gut situierter Fotograf, mehr als 60 Jahre alt, hat einen Fahrradunfall: ihm wird ein Bein überhalb des Knies amputiert.
Der Unfall ist der Angel- und Wendepunkt im Leben Rayments. Er verweigert die Prothese und ist auch sonst dem Leben abgeneigt, überlegt gar den Freitod (S. 13). Über Unfallursache oder Belangung des Autofahrers erfahren die Leser wenig. Rayment ist nörglerisch, kopflos, arbeitet weder mit den Ärzten noch der nötigen Pflegekraft zusammen.
Da wird eine neue Pflegkraft eingewechselt: Marijana, eine über Deutschland eingewanderte Kroatin. Zu ihr scheint Paul Zuneigung und Verlangen zu entwickeln. Doch Marijana ist verheiratet und hat drei Kinder. Paul will sich durch Geldzahlung für die Kinder (sei es Stipendium fürs College oder Auslösung bei Ladendiebstahl) die Pflegerin gewogen (gefügig?) zu machen.
Paul ist nicht nur durch seine Krücken ein langsamer Mann geworden, er zögert auch lange sich gegenüber Marijana zu offenbaren.
Da taucht (im 13. Kapitel !?) Elizabeth Costello auf, eine Romanfigur Coetzees (Elizabeth Costello: acht Lehrstücke [Elizabeth Costello]), zugleich in Slow Man eine Romanautorin. Sie läßt Paul an Einstellung und Verhalten zweifen, sie versucht Paul mit weisen Ratschlägen zu lenken. Zur Rede gestellt, woher sie komme, warum sie soviel über Paul wisse, bekennt sie erstaunt: er habe sie gerufen. Sie entpuppt sich in einem postmodernen Salto als das Sprachrohr Coetzees, der ja Paul Rayment (und Elizabeth Costello) erfunden hat, und als eine Art Schutzengel für Paul (ähnlich schon in Frank Capras Film "It's a Wonderful Life", siehe Coetzee Vergleiche, also gar nicht so postmodern).
Ist Paul gerechtfertigt in die Familie Jokic einzugreifen, selbst wenn er seine sexuellen Absichten zurückstellt? Elizabeth Costello bietet zahlreiche Alternativen: sie arrangiert ein Treffen mit einer Unbekannten aus dem Aufzug; verweist auf Pauls Ex-Freundin Margaret McCord und biete sich selbst an. Doch Paul kann sich nicht entscheiden, sucht durch das Vertrauen des Sohns Drago die Familie Jokic zu gewinnen, spricht mit Miroslav Jokic.
Slow Man zeigt, dass ein erfolgsorientierter Mann, durch ein Ereignis aus der Bahn geworfen, wenig mit sich anzufangen weiß. Die karitative Ader Pauls ist zweckgebunden. Hier sein Leben vor dem Unfall: "If in the course of a lifetime he has done no significant harm, he has done no good either" (S. 19). Nach dem Unfall konzentriert sich sein Leben auf die Wohnung, der hauptsächliche Handlungsort.
Stil
Dialoge sind vorherrschend, unterbrochen durch Überlegungen des Erzählers oder Pauls. Es spielt sich ein auf Pauls Wohnung konzentriertes Gedankendrama ab.
Nicht immer sind die Reflexionen erhellend, etwa wenn er den versäumten Möglichkeiten (kein Sohn) mit Henriette, seiner Ex-Ehefrau, nachgeht: "Unimaginable perhaps;  but the unimaginable is there to be imagined. Imagine the two of them ..." (S. 44). Das klingt zwar nicht platt wie bei Paul Coelho (Coetzee Veronika beschließt zu sterben) oder Eric-Emmanuel Schmitt (Coetzee Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran), aber doch fragwürdig, wie das oft zitierte "Zwischen zu früh und zu spät liegt immer nur ein Augenblick" (Coetzee Franz Werfel: Jacobowsky und der Oberst). Manchmal sind die Weisheiten Allgemeingut und trotzdem wert wiederholt zu werden: "The years go by as quickly as wink. So enjoy yourself while you're still in the pink. It's always later than you think" (S. 99).
Durch das überraschende Eingreifen der Elizabeth Costello gewinnt Slow Man einen besonderen Dreh, bleibt aber handlungsarm und dialog-intensiv. Für mich ist verdächtig, dass Paul um die Seite 200 (genauer: 194-201 S.), also recht spät im Roman, konzentriert seine Lebensgeschichte erzählt. Da hat der Autor irgendetwas versäumt, meine ich.
An Pauls Bekenntnisse schließt sich eine Diskussion (Paul – Elizabeth) darüber an, ob sie der Wahrheit entsprächen. Elizabeth überläßt die Entscheidung darüber Gott, sich auf Abt Arnold von Citeaux berufend (Coetzee Zitate Abt Arnold von Citeaux; S. 203).
Themen
Alter(n), siehe Coetzee Links
Kinderlosigkeit
"We have children in order that we may learn to love and serve. Through our children we becomes the servants of time" (S. 182). Paul hat keine Kinder und bedauert es. Dass er sich um die Kinder kümmert um sein Lebensmanko zu beheben kann man nicht annehmen:
• er bemühte sich um Marijana bevor er wußte, dass sie Kinder hat;
• es gäbe zahlreiche andere förderungswürdige Kinder.
Original und Kopie
Dieses Thema wird mindestens zwiefach durchgespielt:
• Autor und Romanfigur; Romanfigur als Romanfigur.
• Was unterscheidet das Fotooriginal von der Kopie und der Kopie im Internet?
Literarische Bezüge und Referenzen
Paul fühlt sich, "to use Homer's word, unstrung" (S. 160). Es lassen sich Bezüge zum Autor Franz Lidz: Unstrung Heroes und Ghosty Men finden. Das letzte Werk berichtet über den 65-jährigen Homer Collyer, der, blind und vom Rheumatismus verkrüppelt, im März 1947 tot in seiner verwahrlosten Wohnung in Harlem gefunden wurde. Doch Coetzee bezieht sich hier wohl auf den antiken Homer. Es könnte sich um den 21. Gesang der Odyssee handeln, in der die Freier versuchen den Bogen Odysseus ("the bow unstrung") zu spannen und in einem Wettbewerb die Buhlerschaft um Penelope entscheiden. Wahrscheinlicher meint Coetzee jedoch den 8. Gesang der Odyssee in der Odyseus seinen eigenen Zustand (in der Übersetzung von Alexander Pope) als "unstrung" bezeichnet.
For I have suffer’d hardships, dash’d and drench’d
By many a wave, nor had I food on board
At all times, therefore I am much unstrung.
The Odyssey, VIII, 231-233
Heinrich Voss übersetzt
... So über die Maßen entkräftet
Hat mich das stürmende Meer! Denn ich saß nicht eben mit Zehrung
Reichlich versorgt im Schiff; drum schwand die Stärke den Gliedern
Voss gibt also "unstrung" als "entkräftet" wieder und das entspricht wohl dem Zustand Pauls. Graecisten könnten Genaueres dazu beitragen.
Ein Unfall an der Schwelle zum Alter sorgt für eine Neu-Orientierung. Nachhilfe gibt der Autor durch seine Romanfigur Elizabeth Costello. Das gerät etwas kopflastig, geistreich und durchaus lesenswert.
Die Prosa von J.M. Coetzee wird unterschiedlich beurteilt.
Ian Buruma (Coetzee Der Staub Gottes. Asiatische Nachforschungen) bespricht in "Portrait of the Artist" J.M. Coetzee: Youth: Scenes from Provincial Life II und bemängelt Coetzees Humorlosigkeit: "The Afrikaner blood runs thickly in his English prose. And that blood contains a tendency toward dogmatism".  New York Review of Books 49.19 (2002)
Gillian Dooley widerspricht: "His fiction is honest, searching, philosophical, and never dogmatic. Dogma is the enemy of fiction and Coetzee’s comic questioning undercuts any dogma his characters might be tempted to espouse", siehe Coetzee Links.
Vergleiche
Frank Capra: "It's a Wonderful Life", Film von 1946 mit James Stewart, Donna Reed, Lionel Barrymore, deutsch. "Ist das Leben nicht schön?"
Milan Kundera: Die Langsamkeit
Stan Nadoldy: Die Entdeckung der LangsamkeitCoetzee Rezension
Links
Jiminy Cricket (S. 140): fiktionaler Charakter aus Pinocchio: CoetzeeWikipedia
Mutt and Jeff (mehrfach, z.B. S. 150): dafür gibt Wikipedia mehrere Möglichkeiten an (CoetzeeMutt and Jeff), gemeint ist wohl das Paar aus einer Comic-Serie: CoetzeeWikipedia.
Mit dem kursiv gesetzten, Zitat vermuten lassenden "I was here, I lived, I suffered" (S. 177) greift Coetzee etwas daneben. In William Faulkners Story "Tomorrow" heißt es: "He was born, he suffered and he died" (faulkner William Faulkner: Knight's Gambit; vergleiche faulkner Seneca).
John Clare: "I Am! Yet What I Am None Cares or Knows" (S. 229-230),
CoetzeeonlineCoetzeeJohn ClareCoetzeeWikipedia
Coetzee Alter(n)
Coetzee J. M. Coetzee: Disgrace (Schande)
Coetzee J. M. Coetzee: The Lives of Animals (Das Leben der Tiere)
Rezensionen
CoetzeePerlentaucher
CoetzeeJohn Banville: "She's Back. Slow Man by J M Coetzee", 2005, Powell's Books
CoetzeeJochen Jung: "Das Bein ist ab", Die Zeit 13.10.2005
CoetzeeRegine Kiefer: "Schilderung eines Seelenleidens"
CoetzeeChristoph Vormweg: "J.M. Coetzee: Zeitlupe", Deutsche Welle
coetzee J. M. Coetzee: Disgrace
Attwell, David: „Coetzee’s Estrangement“, Coetzeeonline (pdf)
Cilliers, Paul: „On the Importance of a Certain Slowness. Stability, memory and hysteresis in complex systems“, Coetzeeonline (pdf)
Davis, Peter: "Double Gazing and Novel Spaces–Examining Narrated and Manifest Photographs in the Novel", Coetzeeonline
Dooley, Gillian (2005): "Review of "Slow Man" by J.M. Coetzee. 'The Adelaide Review', November 11, 21. Coetzeeonline (pdf)
Takolander, Maria: „Coetzee’s Haunting of Australian Literature“, Coetzeeonline (pdf)
Literatur
Pellow, C. Kenneth (2009): "Intertextuality and Other Analogues in J.M. Coetzee’s Slow Man". Contemporary Literature 50:3, S. 528-552.
Wiesenfarth, Joseph, Colm Toibin (2009): "an interview with Colm Toibin". Contemporary Literature 50:1, S. 1-27.
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coetzee Coetzee J. M. Coetzee: Slow Man. London: Vintage, 2006. Broschiert: 265 Seiten coetzee
J. M. Coetzee: Slow Man. London: Vintage, 2006. Taschenbuch, 240 Seiten Coetzee
coetzee Coetzee J. M. Coetzee: Zeitlupe. Frankfurt: Fischer, 2007. Reinhild Böhnke, Übs. Broschiert, 304 Seiten coetzee
J. M. Coetzee: Zeitlupe. Parlando Edition 2005. 7 CDs, Christian Brückner: Sprecher Coetzee
coetzee Coetzee Derek Attridge: J. M. Coetzee and the Ethics of Reading. Literature in the Event. B&T 2005.  Taschenbuch, 240 Seiten coetzee
 Jane Poyner: J. M. Coetzee and the Idea of the Public Intellectual. Ohio University Press 2006. Taschenbuch, 264 Seiten Coetzee
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© by Herbert Huber, Am Fröschlanger 15, 83512 Wasserburg, Germany, 5.11.2010