| Gioconda Belli: Bewohnte Frau [La Mujer Habitada] Wuppertal: Hammer 1991. Gebunden, 332 Seiten. Lutz Kliche, Übs. 6. Aufl. – | |
| In der (fikitiven?) Stadt Faguas in
Nikaragua hat sich Lavinia niedergelassen und beginnt ihre Arbeit als
Architektin. Die lateinamerikanische Arbeitswelt ist eine
männerdominierte. Frauen sind am Empfang, Sekretärin oder
Raumpflegerinnen. Das ist auch in der "Bewegung" ähnlich, eine
Untergrundorganisation gegen die Diktatur des Grossen Generals. Lavinia stammt
aus einer aristokratischen Schicht, hat in Europa studiert und schließt
sich trotzdem der Gewalt bejahenden "Bewegung" zu. Das passiert nach einer
dramatischen Situation, in die sie durch ihren Geliebten Felipe verwickelt
wird. Inwieweit Lavinias Anschluß aufgrund ihrer Liebe zu Felipe und
ihrer Sympathie zu der Krankenschwester Flor (beide bereits Mitglieder der
"Bewegung") beruht, wäre zu erörtern. In einem schlecht geplanten und bei näherem Hinsehen absurden Schlußakkord sollen durch Geiselnahme Häftlinge freigepresst werden. | |
| Kapitelweise lässt die Autorin
eine indianische Ahnin namen Itzá kurz zu Wort kommen. Sie hat sich im
Orangenbaum des Gartens zu Lavinias eingenistet. Lavinia hat sich früh von
ihren Eltern abgekapselt und eine eigene Wohnung bezogen. Sie entwirft als
Architektin neue Wohnung, darunter die Luxusvilla für einen General. Das
Generalthema: wo wohnen wir? wo fühlen wir uns
zuhause? ist unschwer erkennbar. Mir wurde es nicht weiter erhellt.
Auch die merkwürdige Konstruktion der "bewohnten Frau" blieb mir unklar.
Frauen bewohnen zahlreich, doch was ist eine bewohnte Frau? Die Izta, die aus
dem Orangenbaum heraus die weibliche Klammer zu Lavinia betont? Die Botschaften aus dem Orangenbaum entschlüsselten sich mir nicht. Es sind mythische Episoden aus der Eroberung des Landes durch die spanischen Konquistatoren. Insofern zollt die Autorin der indianischen Vergangenheit des Landes Respekt. Ich habe diese Einwürfe oft nur quer gelesen. Doch ich gebe zu: offensichtlich habe ich mit der lateinamerikanischen Magie grundsätzliche Probleme, wie ich zuerst bei Gabriel Garcia Márquez: Hundert Jahre Einsamkeit ( | |
| Lavinia ist in der lateinischen Mythologie eine
Tochter, deren Eltern unterschiedliche Ehepartner für sie vorgesehen haben
(siehe Felipe bleibt als Person zu unbestimmt; ähnlich auch Lavinias Bekannte Sara und Adrián. Sebastián und Flor sind die überzeugendsten Personen; auch die Zugehfrau Lucrecia. Die Repräsentanten der Diktatur werden angemessen und durchaus ambivalent geschildert. | |
| Ein wichtiges Motiv ist die nur zweimal knapp thematisierte Beziehung Lavinias zum jungen Sohn des Generals. In beiden Szenen läuft die Autorin zu großer Form auf. | |
| Stil | |
| Belli vermag fesselnd zu erzählen.
Sie ist allerdings zu gesprächig. Da verabschieden sich Leute über
ein halbe Seite ohne Neues zu sagen. In ihrer Aussprache (nach der Aufnahme des
verletzten Sebastián) erklärt Lavinia satzreich ihre Einstellung
und endet zu allem Überfluß mit: "Ich muß ehrlich zu dir sein"
(S. 56). Ganz abgesehen davon, ob man das so seinem Partner überhaupt
sagt. Lavinia besucht Flor im Armenviertel und sorgt sich nach langer Fahrt dorthin, ob sie eingelassen wird (S. 90). Ein Grund, warum die Krankenschwester Flor auf das Klingel nicht antowrten sollte, ist nicht ersichtlich. Lavinia überlegt: "Ich muß überlegen, was zu tun ist" (S. 139). Macht das jemand? Man überlegt, was zu tun ist. Basta. | |
| Themen und Konstruktion | |
| Das Generalthema der Wohnung und Behausung habe ich oben
genannt. Es wird auf einer entfernten Ebene besser behandelt: die Existenz verschiedener Lebensbereiche (Multikulti als vereinfachendes Schlagwort), die
parallel ablaufen aber in die man auch sukzessive tritt. Lavinia lebt ein
bevorzugtes Dasein in einem Land, in dem viele Leute täglich einen harten
Existenzkampf bestreiten. Die Elite lebt unbehelligt von der Unterschicht
(Prekariat bei uns; um ein zweites mal zu
zeigen, dass die Problematik des Buches zu einem Teil auch uns in Deutschland
betrifft). Die Schnitte gehen nicht nur durch Reich und Arm sondern auch
Urbevölkerung und spanische Eroberer. Belli zeigt gut, dass ein einziges Ereignis genügt, dass man von einem Lebensbereich in den anderen geworfen wird.
Weitere Themen sind:
Belli hat ihren Stoff nicht richtig durchgearbeitet. Das lässt sich an vielen Einzelheiten belegen.
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| Anmerkungen | |
| Gioconda Belli
scheint ihre Namen im Roman mit Bedacht zu wählen. Bravo! Lavinia wurde schon | |
Die Hauptperson heißt Lavinia Alarcón. Juan Ruiz de Alarcón y Mendoza 1581(?) Taxco (Mexiko) – 4.8. 1639 Madrid; spanischer Dramatiker; scheint bei Lavinia nicht Pate gestanden zu haben; auch nicht Pedro Antonio de Alarcón y Ariza 10.3. 1833 Guadix – 10.7. 1891 Valdemoro (bei Madrid); spanischer Schriftsteller des Realismus; aber vielleicht der folgende Alarcón. Cristian Alarcón * 1970 in Chile; setzte sich als Redakteur mit städtische Gewalt und soziale Ausgrenzung auseinander; er lebt als Journalist in Buenos Aires. 2005 US-amerikanischer Samuel-Chavkin-Preis für integeren Journalismus des North American Congress on Latin America (NACLA) für Cuando me muera quiero que me toquen Cumbia (deutsch: Der Robin Hood von San Fernando, siehe | |
| Im Untergund erhält Lavinia den Decknamen Inés. In ihrer Kindheit baute sie einzig mit ihrer Tante Inés ein Vertrauensverhältnis auf. Erst in der Rolle in der "Bewegung" scheint sie zu ihrer wahren bestimmung zu finden. | |
| Belli zitiert oder
erwähnt Karl Marx: 11. These zu Feuerbach: «Die Philosophen haben die Welt nur verschiedenen interpretiert, es kömmt aber darauf an, sie zu verändern.» (Thesen über Feuerbach, in: Marx-Engels-Werke 3, S. 7, 1845; in Bewohnte Frau S. 159) Vinicius de Moraes (auch: Morais) (19. 10.1913 Gávea – 9.7. 1980 Rio de Janeiro), brasilianischer Dichter, Gitarrist und Diplomat. Er schrieb viele Gedichte, daraus zitiert Belli (S. 89), die Vorlage für den Film Orfeu Negor und die portudiesischen Text zu "Garota de Ipanema" (The Girl from Ipanema), einen Super-Bossa-Nova Hit für Stan Getz und Astrud Gilberto. Deshalb gilt er – zusammen mit Antonio Carlos Jobim – als Wegbereiter des Bossa Nova. Antoine de Saint-Exupery (S. 82). In Der Kleine Prinz meint der Fuchs "man kennt nur die Dinge, die man zähmt" und fordert daher: "Wenn du einen Freund willst, so zähme mich!" | |
| Caciquen Yarince führte 1777 eine Revolte der Boaco-Indígenas (in Nikaragua) gegen die Spanier an. | |
| Fazit Belli hat eine gute Geschichte und wichtige Themen. Sie zeigt allerdings eine zu sorglose Durchführung und stilistische Mängel. Trotzdem: lesenswert. Man sollte die unten genannte Vergleichsliteratur stattdessen oder zusätzlich erwägen. | |
| Vergleichsliteratur | |
Carolin Emcke: "Nicaragua (April 2001)", S. 79-102, in: | |
| Links | |
| Literatur |
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| Gioconda Belli: Bewohnte
Frau. Wuppertal: Hammer 2006. Gebunden, 332 Seiten. Lutz Kliche, Übs.
9. Aufl.
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| Cristian Alarcón: Der
Robin Hood von San Fernando. "El Frente" Vital und die Slum-Kids in Buenos
Aires. Zürich : Rotpunkt, 2006. 215 Seiten. Barbara Gelautz, Übs.
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