Eugene Henderson, 55 Jahre, zweimal
verheiratet, sieben Kinder, exzentrischer Millionär, zuletzt
Schweinezüchter, könnte eigentlich mit sich zufrieden sein, meint
man. Doch er es ist es nicht und sucht in Afrika ..., davon später. Gene
ist der Ich-Erzähler und er reist ins innere (im Roman Erstausgabe
1959 unbestimmte) Afrika, sozusagen auf den Spuren Joseph Conrads (
Heart of Darkness, Verwandtes und Sekundäres). Beim
Stamm der Arnewi hat er die Rituale zu befolgen und besiegt im vorgeschriebenen
Ringkampf den Afrikaner Itelo. Doch seine selbst gestellte Aufgabe, die Arnewi
vom Wassermangel zu befreien, scheitert disaströs. Gene und sein
einheimischer Begleiter Romilayu flüchten und stoßen nach langer
Wanderung zum Stamm der Wairiri. Auch dieser Stamm pflegt eigenartige Rituale.
Der König Dahfu stellt Gene eine Aufgabe, diesmal löst er sie und
wird zum Regenkönig erklärt. Doch die Ereignisse verkomplizieren sich
und Gene und Romilayu kehren, mit einem jungen Löwen an der Leine
zurück in die Zivilisation. Der Leser ist geneigt anzunehmen, daß
Gene seine selbst gestellte Mission erfolgreich beendet hat. Die
Lektüre war für mich im ersten Drittel (inklusive Kap.9, S. 110)
faszinierend. Bellow zeichnet mit häufigen Rückblenden ein
eindrucksvolles Charakterbild, dazu kamen die fremden Bräuche der Arnewi.
Beim nächsten Stamm kam mir alles ohne roten Faden vor. Die Gebräuche
sind überzogen fantastisch, die Kür zum Regenkönig berührte
mich wenig, bis man die Hintergründe erfährt und da wird's wieder
spannend (ab Kap.20, S. 287). Dazwischen liegt eine lange Spanne, wo es so
dahinplätschert.
Die Begründung seiner Afrikaexkursion
ist nicht einfach. Kap.1 beginnt: "What made me take this trip to Africa?",
Kap.3 beginnt: "And now a few words about my reasons for going to Africa." Zu
Beginn von Kap.4 meint Gene es erklärt zu haben ("Is it any wonder I had
to go to Africa?"), doch Ich meine, man fasst es frühestens wenn man das
Buch zuklappt und weiterdenkt. Gene vermutet irgendwo eine tiefe Erkenntnis,
die sich dem modernen Menschen verbirgt. Auf mysteriös klingende Worte
springt er auf. Die alte Königin der Arnewi gibt "Grun-tu-molani" (S. 85)
aus und Gene ist Feuer und Flamme. König Dahfu lehrt ihm die Wirkung der
Vorstellungskraft zu beachten. Henderson stellt sich immer wieder die Frage:
Was will ich mit dieser Reise? Warum reise ich so primitiv? Er vergleicht seine
Fragen mit der im Gedicht von Alfred Tennyson (
"Flower in the Crannied Wall").
Es gibt zahlreiche Hinweise und
Episoden auf Genes unausgeglichene Tatenkraft. Er ist auf dem Land
aufgewachsen, lebt in der Großstadt und trägt auch dort am liebsten
seine dreckigen Farmstiefeln, sogar schon beim Frühstück (S.29). Sein
Streben nach dem Urgrund, seine Absicht im Alter Medizin zu studieren, seine
Geigenstunden, dokumentieren den unruhigen Geist. Gene ist aber auch
rücksichtslos, jähzornig und gierig ("I want, I want, ..."; in der
deutschen Übersetzung recht feinsinnig mit "Ich darbe, ich darbe..." den
geistigen Bezug betonend). Immerhin merkt er aber, daß er davon
beherrscht wird und will sich ändern. Erhellend ist Genes Belehrung an
Romilayu: "But every man feels from his soul that he has got to carry his life
to a certain depth. Well, I have to go on because I haven't reached that depth
yet" (S. 105). Eine mit nicht ganz offenkundige Metapher ist das an mehreren
Stellen betonte: "Truth comes with blows" (z. B. 67); wenn sich Gene verletzt,
denkt er sofort an die Wahrheit (z. B. 23).
Bellow streut jede Menge offener und versteckter Bibelbezüge ein. Ihnen
nachzugehen wäre einen Essay wert (und sicher gibt es ihn). Genes Tochter
findet einen plärrenden Säugling auf dem Hintersitz eines Buicks (S.
32-33) und bringt ihn heim.
"Where does the child come
from?" "She told my wife she found it in Danbury in a parked
car." "That's not what she says. She claims to be the mother." "Why, I'm
surprised ..." |
Lehrer: "Wer
also war Moses?" Schüler: "Der Enkel des Pharao." "Wie kommst du
denn darauf? Wir lasen doch gerade, dass ihn die Tochter des Pharao im Schilf
fand." "Ja, das ist das, was sie sagte." |
| Vergleiche 2 Moses 2,5-9, Rain King, S. 37
|
Um die Arnewi zu beeindrucken inszeniert Gene
den brennenden Dornbusch in der Wüste (S. 48). Von den weiteren
Bibelzitaten oder -anspielungen nenne ich noch:
| "They shall drive you from among men, and thy dwelling
shall be with the beasts of the field." |
"...man wird dich von den Leuten stoßen, und
mußt bei den Tieren auf dem Felde bleiben" |
| Vergleiche
Daniel 4,22 (Luther) 24 (NIV), Rain King, S. 89 |
Von Hendersons Hintergrund her
wundert es den Leser, aber er ist mit der klassischen Musik, insbesondere
Händel vertraut. Im tiefen Afrika singt er eine Arie aus dem Messias.
| He was despised and rejected of men; a man of sorrows and
acquainted with grief. |
Er ward verschmähet und verachtet, ein Mann der
Schmerzen und umgeben von Qual. |
| Vergleiche
Jes. 53,3, Rain King, S. 84 |
Beim Heimflug singt Gene der Stewardess eine
Arie von Händel vor. Das ist exzentrisch; unglaubwürdig ist,
daß die Stewardess (aus dem Mittleren Westen der USA kommend!) erkennt:
"That is Handel?"
| "But who may abide the day of His coming? and who shall
stand when He appeareth?" |
"Doch wer wird ertragen den Tag seiner Ankunft und wer
besteht, wenn er erscheinet?" |
| Händel:
"Messias"; Rain King, S. 334 |
Manches im Rain King schien mir zu
phantastisch oder unerklärt, meinen inneren Widerstand erregend.
- Bei den Stämmen werden zumindest die hochstehenden
Personen ständig von nackten Frauen umsorgt. Ich meine, da lebte Belllow
eine typische (US-)Männerfantasie aus.
- Bei den Arnewi sterben die Kühe an Wassermangel. Was ist
mit den Menschen? Haben sie genug Milch von den darbenden Kühen?
- Der Heimflug mit dem Löwen an der Leine ist völlig
inplausibel.
- Obwohl er eilig nach Hause will, nimmt Gene die Route Khartum
- Athen - Rom - Paris - London - New York (S. 331-33). Er begründet zwar,
dies wäre die einzige Möglichkeit, doch finde ich das
unglaubwürdig.
|
Während mich
also der erste Teil des Romans begeisterte, war mir der Mittelteil bei den
Wairiri zu mystisch und ohne Spannung. Erst ab der Löwenjagd fesselte mich
die Lektüre wieder. Bei der Nachbereitung las ich in Paul Lauter, Hg.
The Heath Anthology of American Literature, Volume 2, daß Bellow
bei Henderson the Rain King die "Ode: Intimations of Immortality from
Recollections of Early Childhood" von William
Wordsworth (siehe
Links) im Sinn hatte (Lauter, S. 2556-57). Dort geht Wordsworth,
sich an Platon anlehnend, von der Präexistenz der Seele aus.
Our birth is but a sleep and a
forgetting: The Soul that rises with us, our life's Star, Hath had
elsewhere its setting, And cometh from afar; (Z. 58-61) |
Wordsworth setzte seiner langen Ode drei
Endzeilen eines seiner früheren Gedichte als Motto voraus:
The child is father of the man; And
I would wish my days to be Bound each to each by natural piety. My Heart leaps Up |
Mir scheint hier ein wichtiger Schlüssel
zum Zugang des Rain Kings zu sein. Je älter das Kind wird, desto mehr
kommen die bei der Geburt vergessenen präexistenziellen Erfahrungen
zurück. Diese und die Erinnerungen aus der Kindheit ("Recollections of
Early Childhood") gegen dem erwachsenen Mann das Gewünschte. Henderson hat
an Weisheit gewonnen und kehrt zufrieden in seine Welt zurück. Mein Rat: der Lektüre eine kurze
Beschäftigung mit Wordsworths "Ode: Intimations of Immortality"
vorausschicken. Ich habe es nicht gemacht, kann mir aber gut vorstellen,
daß dann der spirituelle Mittelteil des Romans zugänglicher
wird. |