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Garcia
Garcia Márquez, Gabriel: Hundert Jahre Einsamkeit
Köln, Kiepenheuer und Witsch, 1997. 467 Seiten
Hundert Jahre Einsamkeit ist die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang der Familie Buendia und des von ihr gegründeten Dorfes Macondo. Der Schreibstil ist sehr aktionsbetont. Man kann kaum einen Satz entfernen ohne gleichzeitig Handlung auszuklammern. Allerdings ist die Handlung so sprunghaft, dass es andrerseits nichts ausmachen würde (man würde das Fehlen des Satzes kaum bemerken). Die Handlung fließt ohne Spannung dahin. Beim Leser wird kein Mitgefühl für handelnde Personen erzeugt. Er ist nicht interessiert, den Fortgang der Geschichte zu erfahren. Durch den aktionsbetonten Stil ist es aber auch nie kleinräumig langweilig (eher schon bezogen auf den Gesamthandlungsablauf).
Zwei nette Einfälle notierte ich mir.
Von da an zeigte der Pfarrer die ersten Zeichen des Alterswahn, der ihn Jahre später zu dem Ausspruch verleiten sollte, vermutlich habe der Teufel die Rebellion gegen Gott gewonnen und säße nun auf dem himmlischen Thron, ohne seinen wahren Namen zu offenbaren, um die Unvorsichtigen einzufangen. (S. 218f)
"Die fünf Minuten sind vorbei", sagte der Hauptmann im gleichen Ton. "Noch eine Minute, dann wird geschossen.".....reckte José Arcadio Segundo sich über die vor ihm ragenden Köpfe, und zum erstenmal in seinem Leben hob er die Stimme. "Schweinehunde!" schrie er. "Wir schenken euch die Minute, die noch fehlt." (S. 350) [José Arcadio Segundo gehört zu den zu Exekutierenden]
Entgegen dem Nobelpreis mein Urteil: kaum lesenswert.
12/2001. Vor Jahren schrieb ich obige Rezension fürs Web. Sie ist vernichtend, da mich das Buch, je weiter die Lektüre fortschritt, desto weniger fesselte. Da ich immer noch Emails dazu erhalte – oft nur unqualifizierte "Kritik" an meiner Kritik ("keine Ahnung" "Machen sie doch lieber was anders, als über Bücher und Geschichten zu lesen, die sie überhaupt nicht begreifen" um nur die harmloseren zu zitieren) – führe ich meine Kritikpunkte hier weiter aus.
Nobelpreisträger Garcia Marquez flößte mir vom Rang her schon große Leseerwartung ein (beim Nobelpreis für Literatur gibt es zwar auch Flops, aber nicht so kraß wie beim Oscar, wo das Bonmot kursiert: "Der Film hat zwar viele Oscars, ist aber trotzdem sehenswert"). Ich startete also lesefreudig, machte mir schon bald eine Liste um die ständig neu auftauchenden Personen in den Griff zu bekommen, scheiterte dabei aber.
Immer neue Figuren traten auf, oft mit ähnlichem Namen. Hatte ich mich mit einer Figur angefreundet, ließ der Autor sie fünf Zeilen später sterben und zauberte einen Neffen gleichen Names (oder war er nur ähnlich?) aus dem Tintenfaß.
Auf Garciacarpe librum schreibt die Rezensentin Daniela Ecker: "Zu diesem Buch eine Inhaltsangabe abzugeben, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit. Viel zu viel passiert auf diesen beinahe 500 Seiten". Richtig. Auf vielen Seiten passiert so viel, daß ich den Überblick verlor. Sinn oder Zusammenhang (außer daß fast alles im Dorf Macondo spielt) fand ich in dem Ganzen nicht. Nun mag gerade dies die südamerikanische Magie sein. Doch ich finde, wenn ein Autor seine Protagonisten in eine knifflige Situation hineinbugsiert, so soll er entweder eine Lösung bieten oder sie dem Leser überlassen. In Hundert Jahre Einsamkeit hilft sich Garcia Marquez mit der schriftstellerischen Axt: die Protagonisten werden getötet oder sie verschwinden ohne Kommentar und die Geschichte turbuliert weiter: neuer Neffe, neue Generation(en), neues Spiel. Ein Tipp: keinen Namen merken (oder gar aufschreiben, wie ich es anfangs tat)! Es lohnt sich selten, spätestens nach fünf Seiten stirbt die Person und wird ersetzt. Ja, das erinnert mich an das Spiel "Mensch ärgere dich nicht". Das passt. Stell dir vor, ein wortgewaltiger Kolumbianer gibt jeder Spielfigur ("Manschkerl") einen Namen, die Spielzüge wiederholen sich, wer geworfen wird kommt unter anderem Namen wieder. Alles geschieht innerhalb gewisser Regeln eher zufällig. Sollte das der magische Gag sein?
Die Sprache ist zwar blumig, wortreich und überladen, doch da sie nie irgendwo verweilt kommt weder Stimmung noch Spannung auf. Man bangt mit keiner Romanfigur: ist ja egal, er/sie krepiert und ein/e Neue/r kommt. So quälte ich mich über die Seiten bis zum Ende. Eigentlich hätte Gabriel nur vierzig Seiten schreiben müssen und die zwölfmal wiederholen; keiner merkt's, alle klatschen begeistert.
Immerhin gestand ich dem Autor eine zweite Chance zu: Garcia Die Liebe in den Zeiten der Cholera; besser, aber für mich auch nur Durchschnitt.
Garcia Anfang
Meinungen anderer Schriftsteller
Jorge Luis Borges
"Es ist ein Jammer, dass viele Bücher gegen Ende abfallen. Bei Hundert Jahre Einsamkeit zum Beispiel: achtzig Jahre hätte es auch getan." Zitiert in: Jörg Drews: Dichter beschimpfen Dichter. Ein Alphabet harter Urteile. Frankfurt am Main: Zweitausendeins, 2006. Ich wäre sogar mit vierzig Jahren zufrieden gewesen garcia. Zu Jorge Luis Borges siehe auch: Garcia Library of Babel – Bibliothek von Babel
Carlos Fuentes
"... daß Hundert Jahre Einsamkeit – zweifellos eines der vergnüglichsten Bücher, die in Lateinamerika geschrieben worden sind – nach dem ersten Lesen (Vergnügen und Wiedererkennen) seine volle Bedeutung noch nicht preisgegeben hat: sie erfordert vielmehr ein zweites Lesen, das dem wahren Lesen gleichkommt. Dieses Erfordernis ist gleichsam das innere Geheimnis dieses mythischen, simultanen Romans: Hundert Jahre Einsamkeit muß zweimal gelesen werden, weil es auch zweimal geschrieben werden mußte." S. 149. Carlos Fuentes: "Gabriel García Márquez: Das zweite Lesen »Hundert Jahre Einsamkeit«". In: Koenigs, Tom, Hg.: Mythos und Wirklichkeit. Materialien zum Werk von Gabriel García Márquez (siehe Marquez Sekundärliteratur), S. 149-159. (Siehe auch Garcia Carlos Fuentes: Die gläserne Grenze)
Sekundärliteratur
gibt es zu Hundert Jahre Einsamkeit wie Sand am Meer. Hier nur ein Sammelband:
Koenigs, Tom, Hg.: Mythos und Wirklichkeit. Materialien zum Werk von Gabriel García Márquez. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1985. Übs.: Willi Zurbrüggen. 313 S.
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gabriel garcia marquez
Gabriel Garcia Marquez. Hundert Jahre Einsamkeit. Köln, Kiepenheuer und Witsch, 1997. Gebunden - 467 Seiten. 33. Aufl.
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Gabriel Garcia Marquez. Hundert Jahre Einsamkeit. Köln, Kiepenheuer und Witsch, 2001. Sondereinband - 467 Seiten
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